Seelen aus dem Bilderbuch

21. Mai 2003, 19:55
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Brillant: Anton Tschechows "Kirschgarten" am Linzer Landestheater

Linz - Die Geschichte des inszenatorischen Scheiterns an der statischen Pracht der zum Untergang verurteilten weißen Kirschblüten ist lang. Insbesondere im ersten Teil rinnen die Handlungspartikel tröpfchenweise in sprachliche Endlosschleifen, die die historische wie emotionale Ruhe vor dem Sturm zum Prinzip erheben.

Georg Schmiedleitner hat gar nicht erst versucht, krampfhaft Bewegung im Garten der Erinnerung zu simulieren. Er richtet die Aufmerksamkeit vielmehr auf die situationsbezogenen, solitären Befindlichkeiten der einzelnen Individuen, belässt sie im Kokon ihres Ego. Erst als Lopachin und Gajew zur Versteigerung gehen und die disparate Gesellschaft zur Flasche greift, platzen diese Kokons enthemmt und prallen nun umso heftiger aneinander.

Untergangskomödie

Äußerst präzise choreografiert und bis in die letzte Ecke des Raumes präsent und ausgeleuchtet. Ein großartiges Kompendium an Charakteren, Beziehungen und Befindlichkeiten. Eine brillante Komödie des Untergangs, des Aufstiegs und der Ratlosigkeiten. Schmiedleitner verlegte die Zeit vom Vorabend der Russischen Revolution auf die Nachwehen der 60er- und 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts, als die Perspektiven der "68er" in sich zusammenbrachen und dem vermeintlichen "Ende der Geschichte" Platz machten.

An eine erneute Schnittstelle zur perspektivlosen, den ökonomischen Gesetzen folgende Individualisierung also, die aber durch die "zeitlose" Inszenierung und die hervorragenden Kostüme von Kornelia Kraske ohne weiteres vor oder rückwärts verschiebbar ist. Auch durch die variable, aber glatte und nichts sagende Landschaft an Liegestühlen, die Stefan Brandmeier auf die Bühne stellte. Die genaue und doch behutsam führende Regie ebenso wie eine Ensembleleistung der Sonderklasse lassen die Gratwanderung zwischen prickelnder Spannung und Langeweile jedenfalls ganz selten auf die Seite der Letzteren abdriften.

Großartig ist Sabine Martin als Jugendlichkeit suchende, zwischen Resolutheit und Weinerlichkeit pendelnde Andrejewna Ranjewskaja. Großartig auch Gerhard Brössner, der den alten Firs leben und sterben lässt wie eine Ikone aus dem Bilderbuch der russischen Seele.

Hervorragend Stefan Matousch (Lopachin), Darina Dujmic (Varja), Erich-Josef Langwiesner (Simeonow), Eva-Maria Aichinger als Iwanowna und die 17-jährige Anja der Gunda Schanderer. - Ein bejubeltes Fest des Textes, seiner systematischen Umsetzung und des individuellen Schauspiels. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19.5.2003)

Von
Reinhard Kannonier

Landestheater Linz
4020 Linz, Promenade 39
0800/ 21 80 00
Nächste Vorstellung: 21. 5. 19.30

  • Artikelbild
    foto: landestheater linz
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