Vorsicht, Crash-Gefahr

25. Mai 2003, 18:43
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Viele Wirtschaftsforscher glauben, dass das Risiko eines neuen Crashs in Europa und den USA in den vergangenen sechs Monaten stark gestiegen ist - Gastkommentar von Michael Margules

Während die Anleger endlich auf den Aufschwung an den Börsen hoffen, sehen die meisten Wirtschaftsexperten die Lage weiterhin eher düster. „Die wirtschaftlichen Aussichten blieben unsicher“, lautet beispielsweise die „messerscharfe“ Analyse im fünften «Economic Risk Survey» der Swiss Re, dem Rückversicherungskonzern, der in Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 mit dem Zusammenbruch der „Twin Towers“ in New York in die negativen Schlagzeilen gelangte.

Hinsichtlich der Lager an den Börsen glauben die im Rahmen der Studie befragten Experten, dass das Risiko eines neuen Crashs in Europa und den USA in den letzten sechs Monaten stark gestiegen ist.

Wirtschaftsforscher bleiben skeptisch

Für ihren halbjährlichen Report sammelt die Swiss Re die Meinungen von 45 Wirtschaftsforschern aus Europa und den USA. Der «Economic Risk Survey» untersucht die Wahrscheinlichkeit einer wesentlichen Abweichung des Wachstums vom Konsens der Wirtschaftsprognostiker.

Pessimistisch sind die Teilnehmer der Swiss-Re-Untersuchung für die Entwicklung der Weltwirtschaft insbesondere in Europa. Die Konjunktur habe in den letzten Monaten weitere Anzeichen von Schwäche gezeigt, wobei der Irak-Krieg den erwarteten Aufschwung verzögert habe. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 38 Prozent (nach 25 Prozent im Oktober) wachse die Wirtschaft in Europa im laufenden Jahr unter einem Prozent. Die 45 Befragten schätzten zudem das Risiko sinkender Preise für die nächsten fünf Jahre in den USA wie auch in Europa auf 3 Prozent. Ebenso sei die Wahrscheinlichkeit einer Periode mit sehr geringer Inflation im letzten Halbjahr gesunken.

Notenbanken im Blickpunkt

Gerade letzteres erscheint insoferne bemerkenswert, nachdem die Deflationssorgen der US-Notenbank angesichts der jüngst veröffentlichten Daten – Einbruch der Industrieproduktion im April um 0,5 Prozent (wie zuvor schon im März), Rückgang der durchschnittlichen Kapazitätsauslastung um vier Zehntelpunkte auf 74,4 (den geringsten Stand seit Mai 1983) sowie der Erzeugerpreise im April um 1,9 Prozent – nicht von ungefähr markant zugenommen haben. Die Preisentwicklung ist umso alarmierender, als noch mehr in der Pipeline zu stecken scheint, haben sich doch die Materialpreise um sage und schreibe 16,3 Prozent verbilligt, das höchste Mass seit 10 Jahren.

In den USA dürfte deswegen die nicht ungefährliche Strategie, mit einem billigen US-Dollar sowie weiter sinkenden Zinsen – man darf ruhig von weiteren 50 Basispunkten im Rahmen der nächsten Notenbanksitzung ausgehen, weswegen auch der EZB (Europäische Zentralbank) nichts anderes übrig bleiben wird, als die Zinsschleusen zu öffnen – sowohl auf die Deflations-Bremse zu steigen und gleichzeitig konjunkturbelebend zu agieren, sich weiter durch- und fortsetzen.

Fakten versus Gier

Für die von der Swiss Re befragten Experten ist auch das Risiko seit der letzten Befragung vor sechs Monaten gestiegen, dass es an den Aktienbörsen in den USA oder in Europa zu einem Crash kommt. Als Crash bezeichnet der Report den Rückgang eines grossen Marktindexes um 25 Prozent. Demnach beträgt die geschätzte Wahrscheinlichkeit eines solchen Einbruchs im Jahr 2003 für den amerikanischen Markt 21 Prozent (im Oktober: 16 Prozent) und für den europäischen Markt 23 Prozent, nach 17 Prozent bei der letzten Erhebung. Zuletzt trotzten die Börsen allerdings den momentan ungünstigen Wirtschaftsdaten, und vor allem die amerikanischen Aktienmärkte und im Soge dessen auch die übrigen Börsen scheinen auf eine Konjunkturbelebung in der zweiten Jahreshälfte zu bauen.

Deswegen dürfte zumindest vorerst eine neuerliche Crash-Gefahr gebannt sein, und sogar die Chance für weiter steigende Aktienkurse wirkt angesichts der vollkommenen Austrocknung der Märkte gar nicht mehr so abwegig. Es sind kaum mehr Verkäufer im Markt, insbesondere institutionelle Investoren haben längst das Weite gesucht, und gerade dort wie auch im privatem Bereich geht am schnellsten die Gier und damit das Nachlaufen nach steigenden Kursen los. Für einen nachhaltigen Börsenaufschwung wird dies nicht langen, denn eine neuerliche weltweite Rally losgelöst von wirtschaftlich-fundamentalen Daten und Fakten ist und bleibt hochgradig unwahrscheinlich.

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Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.

  • Artikelbild
    foto: montage/derstandard.at
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