"Heute nehme ich mir die Freiheit, eine Geschichte zu erzählen"

18. Mai 2003, 19:00
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"Vollgas"-Regisseurin Sabine Derflinger im dieStandard.at-Interview über Frauen im Film, die Beziehung zwischen Filmtheorie und Praxis und den österreichischen Regisseurinnen-"Boom"

Sabine Derflinger ist seit den frühen 80er-Jahren u.a. als Produktions- und Regieassistentin im Filmbusiness tätig. Mitte der 90er absolvierte sie die Wiener Filmakademie, darauf folgte die Arbeit an Dokumentarfilmen ("Schubhaft", "The Rounder Girls"). Im Jahr 2001 erschien ihr erster Spielfilm "Vollgas", der international wie national Erfolge feierte. Im Rahmen der filmwissenschaftlichen Konferenz "Screenwise" traf Ina Freudenschuss die Regisseurin zu einem Gespräch:

dieStandard.at: Sehen Sie sich mit ihren Filmen in einer feministischen Tradition? Hat diese Kategorisierung für Sie überhaupt eine Bedeutung?

Derflinger: In einer Tradition würde ich nicht sagen. Ich glaube, es gibt immer verschiedene Gründe, warum man Filme macht, und für mich ist eben mein Dasein als Frau einer davon. Mein "Frau-Sein" hat auch dazu geführt, dass ich mich anders mit Erzählstrukturen auseinandersetze.

dieStandard.at: Inwieweit haben sich die Ansprüche feministischer Filmschaffender verändert? Die Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey hat es bei ihrem Vortrag sehr schön erklärt, wie sie gemeinsam mit anderen Frauen Mitte der 70er Jahre nach neuen Formen in der Bildsprache gesucht hat, Körperpolitiken entwickelt und im Film umgesetzt hat. Um was geht es heute? Worauf kann aufgebaut werden?

Derflinger: Dazu muss man sagen, dass sich Filmtheorie ursprünglich mit experimentellen Filmen fernab des Mainstreams beschäftigt hat. Mein Ansatz ist immer der, dass ich vom Inhalt auf die Form komme. Insofern überlege ich mir nicht im Vorhinein, ob ich das formal unter einem feministischen Gesichtspunkt beleuchte. Eine Geschichte ist da und daraus enthülle ich die Form.

dieStandard.at: Aber ihr Faible für starke Frauencharaktere würde ich auch schon als "frauenparteilich" empfinden...

Derflinger: Schlussendlich ist das eine Frage der Begriffsdefinition. Wenn es um frauenspezifische Inhalte geht, dann würde ich sagen, ja. Aber rein formal sind die Filme nicht mit einer feministischen Filmtheorie abgedeckt. Bei den Frauenfiguren geht es mir darum, dass sie handlungsfähig sind und für ihr Verhalten nicht bestraft werden mit dem Tod.

dieStandard.at: Das ist ja oft so.

Derflinger: Genau. Wenn Frauen sich in Filmen nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechend verhalten, müssen sie sehr oft sterben.

dieStandard.at: Was halten Sie in dem Zusammenhang vom Ende des Lars von Trier Films "Dancer in the Dark"?

Derflinger: (lacht): Das ist einer der Filme, mit denen ich die allermeisten Probleme habe. "Dancer in the Dark" hat ganz großartige cineastische Szenen, aber inhaltlich hat mich kaum ein Film so aufgeregt wie eben der. Es ist zwar selten so, dass ich an Filmen einen "PC-ness"-Anspruch habe, aber das Bild dieser Frau, die sich mit ihrer unendlichen Opferbereitschaft bis ans Ende treibt, ist mir einfach unerträglich. Deshalb würde ich aber nicht sagen: Dieser Film darf nicht sein - bei mir als Zuseherin hat er eben diese Reaktion ausgelöst.

dieStandard.at: Wo sehen Sie die Anknöpfungspunkte zwischen Filmtheorie und Praxis?

Derflinger: Ich denke, die Verbindungen waren in den frühen 80ern sicher größer als heute. Das war eine Zeit, in der sich der Film genremäßig und inhaltlich positionierte, insofern zogen FilmemacherInnen auch Filmtheorie heran, um Standpunkte klarzumachen. Da gab es die starke Frauenbewegung mit den Regisseurinnen, eine neue Filmgeschichte jenseits des "Heimatfilms", Experimentalfilme, Off-Mainstream etc.

Wenn man sich die letzten Diskussionen anschaut, merkt man, dass es sich hauptsächlich um die Themenkreise Kommerzialität-Nichtkommerzialität handelt, z.b. bei den Dogma-Filmen. Kunst und Kultur ist jenseits von kommerziellen Aspekten überhaupt nicht mehr denkbar. Insofern ist jetzt auch der Diskurs ein völlig anderer. Die Reflexion über das Bild schwindet in der Übernahme des kommerziellen Denkens. Es geht ja auch in dem sogenannten Off-Mainstream-Kino nur mehr ums Geschäft. Nur dass etwas im Kunstkontext als Gut wahrgenommen wird, reicht nicht mehr aus, um es zu legitimieren... es muss sich auch verkaufen.

dieStandard.at: Stichwort Rezeption: Am Podium von Screenwise haben Sie gesagt, dass Sie sich sehr mit der Rezeption der eigenen Filme beschäftigen. Warum?

Derflinger: Wenn ich den Film Leuten aus den verschiedensten sozialen und kulturellen Backgrounds vorspiele, kann ich ihn dadurch aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln ansehen. Das gibt mir schließlich die Freiheit, wieder mit einem neuen Projekt zu beginnen.

dieStandard.at: Wie gehen Sie dann mit Kritik um?

Derflinger: Ich setze das natürlich in einen Kontext, wer das zu mir sagt, warum, ob Mehrheiten das denken oder Minderheiten und mach mir dann dadurch eine Meinung über die Wirkung des Films. Die entgültige Meinung, wie ich den Film finde, bilde ich mir aber selber. Es geht um meinen Blick, in den ich das, was andere Leute darüber sagen, miteinbeziehe.

dieStandard.at: "Vollgas", ihre erste fiktive Geschichte, haben sie beispielsweise vor GewerkschafterInnen gezeigt und dann über Arbeitsbedingungen in der Tourismusbranche diskutiert. Wollen sie damit sozialpolitisch etwas bewegen?

Derflinger: Ich weiß nicht. Was immer man für eine Haltung hat kommt im Film zum Ausdruck und dementsprechend reagieren dann die Menschen darauf. Aber natürlich, mit meinen ersten Dokumentarfilmen hatte ich das große Bedürfnis, etwas zu verändern. Das war sozusagen der erste Auslöser, überhaupt Filme zu machen. Mittlerweile haben die Filme eine Eigendynamik und stehen in einem cinematographischen Kontext, wo das sozialpolitische Anliegen in den Hintergrund gerät.

dieStandard.at: Was hat sie an der Realisierung eines Spielfilm gereizt? Worin sehen sie speziell die Unterschiede?

Derflinger: Am meisten reizt mich beim Spielfilm die Arbeit mit den SchauspielerInnen, den MusikerInnen, den KostümbildnerInnen. Es wird eine eigene Welt geschaffen, die aber dann doch Bezug nimmt auf eine "reale Welt" und nicht eine fiktive. Im Dokumentarfilm wird auch gestaltet, aber eben nicht auf allen Ebenen. Im Dokumentarfilm ist es reizvoll, dass man sich zurückzieht und auf die Momente wartet, in die man sich einlassen muss, in denen etwas unerwartetes passiert. Auch beim Spielfilm versuche ich mir diese Momente zu erhalten, ich will nicht alles im vorhinein wissen. Ich bevorzuge eine Mischung aus Chaos und Ordnung.

dieStandard.at: Ist es eigentlich Zufall, dass Sie mit Dokumentationen angefangen haben? Dauert es vielleicht – insbesondere als politischer Mensch – eine Weile, bis man sich traut, eine Geschichte zu erzählen?

Derflinger: Ja, bei mir war das so und das hat sicher mit meinem "Frau-Sein" zu tun. Es war keine einfache Sache für mich, mir als Frau die Freiheit und die Macht und das Geld zu nehmen, eine Geschichte zu erzählen. Dass das, was ich mir ausdenke, tatsächlich realisiert wird, war definitiv eine große Sache für mich.

dieStandard.at: Wie kommt es zur Themenwahl?

Derflinger: Die kommen immer irgendwie auf mich zu. Im Dokumentarischen ist es so, dass mir Leute etwas erzählen, was mich interessiert oder dass ich etwas erlebe, was mich inspiriert. Im Fiktiven ist eines meiner Hauptthemen offenbar das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft. Welche Freiheit hat der einzelne innerhalb der Gemeinschaft und wie viel Gemeinsamkeit ist notwendig, um nicht an der eigenen Freiheit zugrunde zu gehen.

dieStandard.at: Warum sind die österreichischen Filmemacherinnen derzeit so erfolgreich? Was habt ihr richtig gemacht?

Derflinger: Ich kenne die Filmsituation ja schon seit den frühen 80er-Jahren und deshalb also auch schon die Frauengeneration davor, also Käthe Kratz und Liselotte Hendrich beispielsweise. Die hatten schon so eine Vorreiterinnenrolle, die heute nicht so wahrgenommen wird. Diese Frauen haben auf jeden Fall den Boden geebnet. Dann ist es auch so, dass es auf der Filmakademie Umschwünge gegeben hat, es gibt heute viel mehr Frauen, die Film studieren.

dieStandard.at: Kommt nicht auch der internationale Trend eines "realitätsnahen" Kinos den Produktionen der Frauen zugute?

Derflinger: Ja, damit sind wir in Österreich sehr gut bedient, weil die österreichische Tradition im Dokumentarfilm sehr groß ist. Die Südtirolerin Karin Brandauer beispielsweise hat aus ganz wunderbar realistischen Geschichten Fernsehfilme gedreht. Das wird heute oft nicht gesehen...

dieStandard.at: Was kann man denn tun, dass diese Erfolgsstory auch weiter geht?

Derflinger: Also ich denke, selbstverständlich ist es nicht, dass Frauen international erfolgreiche Filme machen. Gerade in Zeiten wie diesen, wo sich die Leute um die immer geringer werdenden Geldtöpfe reißen, sollten Frauen nicht vergessen, dass sie sich das Tag für Tag neu erkämpfen müssen.

dieStandard.at: Mit der Geschichtsschreibung kommt dann auch das Vergessen, oder?

Derflinger: Klar, ich möchte mal wissen, wie viele Filme von Frauen sind, die man sich im laufe seiner Ausbildung auf der Filmakademie anschaut. Das gleiche ist es aber auch in der Malerei, wo ich mir im Museum die wenigen Werke von Frauen anschaue, und ihren Namen aber nicht kenne. Die von den Typen kennt man eben... Es geht natürlich darum, wie Frauen auf lange Sicht in allen Sparten, auch in denen, wo es um sehr viel Geld geht, Filme machen können. Es sollte weg gehen von der gängigen Praxis, dass es einzelne Frauen aus einer gewissen Gesellschaftsschicht gibt, die trotzdem dürfen, weil ihre Herkunft soviel stärker ist als ihr "Frau-Sein".

dieStandard.at: Ich danke für das Gespräch!

  • Sabine Derflinger
    foto: derflinger
    Sabine Derflinger
  • aus "Vollgas" (2001)
    still: vollgas
    aus "Vollgas" (2001)
  • Henriette Heinze (l) als Hauptfigur Evi in "Vollgas"
    foto: derflinger
    Henriette Heinze (l) als Hauptfigur Evi in "Vollgas"
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