Türkischer Präsident in Wien

Mit wenig Gefühl zum Empfang von Gül

3. Mai 2011, 13:36
  • Artikelbild
    foto: apa

    Ein überschwänglicher Staatsempfang sieht anders aus. Kanzler Faymann mit dem türkischen Präsidenten Gül - dem er gleich danach hinter verschlossenen Türen erklärt, dass Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Mitbestimmung "uneingeschränkt" zu gelten haben.

Die Begegnung der Regierungsspitzen mit dem türkischen Präsidenten blieb kühl - dennoch versuchte Abdullah Gül die hiesigen Bedenken gegen einen EU-Beitritt zu zerstreuen

Wien - Ein überschwänglicher Staatsempfang sieht anders aus. Lieber hart statt herzlich gaben sich die rot-schwarzen Regierungsspitzen am Dienstagvormittag, bevor sie mit dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül zusammentrafen, der bis heute, Mittwoch, auf Visite in Wien ist.

Zu den EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara hielt Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) gleich nach dem Ministerrat fest: "Wir sehen, dass hier relativ wenig weitergeht." Acht Kapitel - darin werden von Brüssel Aufgaben wie Fortschritte der beitrittswilligen Staaten festgehalten - seien auf Eis gelegt - und das werde er, Spindelegger, ansprechen.

Zuvor hatte Gül für die Aufnahme seines Landes in die Union und Visa-Erleichterungen für türkische Staatsbürger geworben - sowie die hiesigen Migranten dazu aufgerufen, danach zu trachten, auch Deutsch akzentfrei zu sprechen.

Davon völlig unbeeindruckt lobte Spindelegger zwar die guten bilateralen Beziehungen zu Österreich, erklärte aber:"Unter Freuden kann man offen sein." Kanzler Werner Faymann wiederum beeilte sich, zu betonen, dass die Verhandlungen mit der EU "ergebnisoffen" seien - und falls es jemals zu einem Beitritt komme, gäbe es eine verpflichtende Volksabstimmung darüber in Österreich. Dazu stellte das SPÖ-ÖVP-Duo klar, bei den Beitrittsverhandlungen eine privilegierte Partnerschaft im Fokus zu haben.

Ob in der Türkei tatsächlich keine Verletzung der Pressefreiheit stattfinde, wie Gül am Morgen erklärte hatte? Spindelegger resolut:"Das ist einer der Punkte, die im Vieraugengespräch anzusprechen sind." Ob sich der Kanzler Türkisch an heimischen Schulen vorstellen könne? Faymann hob zu einer Erklärung an, dass ein solches Fach als Angebot, aber nicht als Maturagegenstand oder als Unterrichtssprache zur Debatte stehe.

Um Punkt zwölf Uhr marschierte der Sicherheitspulk von Gül im Kanzleramt ein. Bevor sich hinter dem türkischen Staatsgast und Faymann die Türen geschlossen hatten, gab es aber dann schon breites Lächeln und kräftige Handshakes.

An anderer Stelle versuchte man Gül den Wien-Besuch mit weit unhöflicheren Gesten zu vermasseln. Die FPÖ wollte dem Präsidenten eine Protestnote durch Botschafter Kadri Ecvet Tezcan übermitteln - doch der Diplomat, der einst mit undiplomatischen Aussagen über das problematische Verhältnis der Österreicher zu den Türken räsoniert hat, weigerte sich, das Schriftstück entgegenzunehmen. Hintergrund: Neben dem BZÖ verlangen auch die Blauen den Rücktritt des Botschafters.

Dazu boykottierten die Wiener Freiheitlichen Güls Empfang im Rathaus. Damit nicht genug, zog der Zweite Landtagspräsident Johann Herzog (FPÖ) über die Führung in Ankara her: "Die Türken in Europa werden von ihr als fünfte Kolonne für die Interessen ihrer Politik betrachtet." Und überhaupt: Gül und Premier Erdogan verfolgten eine "klare Linie gegen die Integration der türkischen Minderheit in Europa".

Scheinbar unverdrossen warb Gül dann bei einem Termin in der Wirtschaftskammer mit dem ökonomischen Potenzial seines Landes. Die türkisch-österreichischen Beziehungen haben sich in den vergangenen Jahren tatsächlich intensiviert. Bis 2005 war Österreich nicht einmal im offiziellen Ranking der ausländischen Investoren in der Türkei zu finden. 2010 dagegen waren heimische Unternehmen mit 1,8 Milliarden Dollar (ca. 1,2 Milliarden Euro) die größten Anleger.

Freilich steckt hinter den Zahlen allen voran die OMV, die Ende 2010 ihre Anteile am größten Tankstellenbetreiber der Türkei von 43 auf fast 96 Prozent aufgestockt und dafür 695 Millionen Dollar bezahlt hat. Vom krisenbedingten Einbruch einmal abgesehen stieg im vergangenen Jahrzehnt auch der bilaterale Handel stetig an. Österreichs Exporte in die Türkei überschritten im Vorjahr sogar erstmals die Marke von einer Milliarde Euro.

In seiner Rede betonte Gül dann auch, dass die Österreicher den EU-Beitritt der Türkei wohl nicht ablehnen würden, wenn sie das alles wüssten. "Die österreichischen Unternehmen würden von einemTürkei-Beitritt profitieren", versprach Gül, und: "Das bringt auch Wohlstand für den Mann auf der Straße." Irgendwie klang Gül dabei sogar ein wenig wie Kammer-Präsident Christoph Leitl. Der betont ja oft und gern: "Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut!" (András Szigetvari, Nina Weißensteiner, STANDARD-Printausgabe, 4.5.2011)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 186
1 2 3 4 5
Hans-Georg Peitl
11
Wozu EU-Beitritt

Wozu heute eigentlich noch Staaten um eine EU Mitgliedschaft ansuchen?

Schengen wird mit Juni enden, der EURO braucht einen Rettungsschirm und bisher sind mir auch sonst keine Vorteile bekannt?

Wozu wollen die Türken in die EU?

Euer

Pastor Hans-Georg Peitl
http://jachwe.wordpress.com

MA_dam
00
Deine Wissenslücken wirst Du mit diesem

Forum nicht schliessen können.

schokolade süss
12
AKP..wahres Gesicht

http://diepresse.com/home/poli... de-in-Wien
ATIB
Milli Görüs
Wonder...
=nicht interessiert an der Integration ihrer Mitglieder..
http://derstandard.at/130187422... rrn-Guelen
http://derstandard.at/130187422... he-in-Wien
= islamische Scientology auch in Österreich präsent
und hier der Artikel von Emine Ülker Tarhan
http://diepresse.com/home/poli... erung-sein
ich hoffe sie schafft den Einzug ins Parlament am 12.6.2011

schokolade süss
21
korrupte AKP

Aja, Herr Gül noch etwas ... sagt Ihnen Deniz Feneri, Yimpas etwas .. vermutlich nicht gell !!! Geben sie diesen Menschen das Geld zurück
Zuerst Yimpasi ...
http://www.youtube.com/watch?v=iD3HfEVhz4A
und dann Deniz Fenerli
http://de.wikipedia.org/wiki/Deniz_Feneri
jajaja warum gibt es in der Türkei noch immer kein Verfahren... Bitte um Erklärung !!!!!!!!!!!

m. s.
13
Erdogan am Weg nach Teheran?

Eine Veranstlatung findet nächsten Donnerstag, 12. Mai 2011, 19:30 Uhr zu anderen außenpolitischen Ambitionen der Türkei statt.

Erdogan am Weg nach Teheran?
Islamisierungsprozesse in der Türkei und der Einfluss des Iran

Vorträge und Diskussion mit
Prof. Bassam Tibi und Florian Markl
Moderation: Stefan Schaden (STOP THE BOMB)

Aula am Campus der Universität Wien, Hof 1, Raum 1.11
Alserstraße/Spitalgasse, 1090 Wien

Le Alexandre
00
ja eine

propagandaveranstaltung

von stop the bomb ihr seit schon süß muss ich sagen

Peterk K
20
Letzten Endes wird es die Türkei selbst entscheiden, wenn es dazu bereit ist

Briten, Skandinavier, Franzosen, Polen, Deutsche etc. gleichfalls zu Hundertausende und Millionen, wenn die es wollen, bei sich aufzunehmen und einzurichten lassen und alle jene EU-Freizügigkeiten zwischen Freudenhaus und Kirche zu gewähren, wie dies in der EU nun mal so üblich ist und es nicht den Versuch unternimmt, diese zu assimilieren, sondern schön brav die Doppelstaatsbürgerschaft anbietet, um sowohl Präsident und Parlament mitwählen zu können und so die Türkei mitzubeeinflussen, wie sie dies selbst in der EU zu tun wünscht.

Am Besten diesbezüglich aber damit bei den eigenen Minderheiten anfangen, dass erst mal die zu den selbstverständlichen Wohltaten kommen und dann kann auch Europa an die türk. Ägäis kommen. Evet, lebt sich gut!

Gusti Rentner
 
02
"Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Mitbestimmung"... Bitte Herr BK, verlangen S' das bei der Mikl-Leitner...

Ernst Hirschmugl
 
02
Er "wirbt" ?

Das wäre ja ein neuer Tonfall, man war gewöhnt, daß er "verlangt".

molekühl
14

Der Gedanke an einen Vollbeitritt der Türkei zur EU ist angesichts aller Eckdaten dermaßen abseitig, dass jeder europäische Politiker, der ihn ersthaft gutheisst, gleichzeitig seinen Anspruch auf Zurechnungsfähigkeit aufgibt.
Andersrum: einer politischen Kaste, die aus rein machtpolitischen Überlegungen so einen Irrsinn überhaupt andenkt, entziehe ich als Staatsbürger die Legitimation. Die können mich endgültig gernhaben. Alles Irre, ausschliesslich macht- und geldorientiert, lobbygelenkt, und fertig. Was da an einem Strache (von dem ich kein Fan bin) überhaupt noch schlimmer sein soll, muss mir erst einmal jemand erklären.

jack johnson
 
11
Eu- Beitritt - is eh' wurscht

Mich interessiert mehr was der Hr. Leitner ausverhandelt hat, und ob die Schlaffs, Mensdorff-Pouillys & Co anwesend waren.

peterchen kanü
98
türkei in die eu

aber ohne volksabstimmung
ich finde das sehr rassistisch wenn der beitritt der türkei von unserer abstimmung abhängt, warum wurde dann nicht über ungarn oda polen abgestimmt? ganz einfach weil das bild der türken einfach mies bei uns gemacht wird und nicht aufhört und die beiden herren an der spitze wissen ganz genau wenns zu einer abstimmung kommt dass ein nein raus kommt
da werden die rechten mobilisiern und die anderen gar nix tun

Ernst Hirschmugl
 
56

Nicht wir machen das Bild der Türken bei uns mies, das machen die Türken selbst.
Polen, Ungarn ... sind europäische Staaten, zum Unterschied von der Türkei.

NorthAce
13

Wenn man die Österreicher über alle diese Länder hätte abstimmen lassen, die nach uns in die EU gekommen sind, dann wäre unter Garantie keines von denen dabei.

Rot/Grün Farbsehschwächling
33
Vielleicht zur Erinnerung: Österreich ist kein Weltreich mehr.

Es ist schon faszinierend wie ein kleines, bedeutungsloses Land wie Österreich den Global Player spielen will.

Norbert Dichand
13
Österreich ist immer noch EU Nettozahler

Und damit im einem relativ erlesenem Kreis von gerade mal 11 Ländern die weniger aus der EU entnehmen als sie reinstecken.

Wir haben damit wohl schon ein gewisses Mitspracherecht verdient was die Erweiterung der Union angeht.

Peterk K
12
und weil klein ist, sollte es sich auf den Rücken legen?

etwas mehr Differenzierung darf's schon sein!

Antonia Weber
13
noch faszinierender

ist aber, dass derartig viele Menschen - vor allem aus der Türkei - in dieses kleine, bedeutungslose Land einwandern wollen

Sahin's Zahnlücke
11

Ach und wieviele Millionen Türken wollen denn jährlich in dieses kleine, bedeutungslose Land einwandern?

Ernst Hirschmugl
 
02

... und es auch kann (und soll). Seit wann ist ein EU-Nettozahler bedeutungslos ?

Humtata
01

Die Türkei aber auch nicht.

Rot/Grün Farbsehschwächling
12
naja, a bissi größer und mächtiger ist die Türkei schon als Österreich ;)

Analyser
02
Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut!

Wir alle wissen wen er mit "uns" meint.

Analyser
11
eine verpflichtende Volksabstimmung darüber in Österreich

das glaubt ihm niemand.

Realist666
 
22
Kulturbereicherung, Pensionszahlung - und jetzt noch ....

.... Brückenfunktion:

Gül (gestrige Krone):

"Die Türken in Österreich müssen aber beide Sprachen akzentfrei beherrschen.
Dann können sie eine Brückenfunktion einnehmen."

Nach Einnahme der Brücken samt Funktion wird die akzentfrei jauchzende Begeisterung der Österreicher wieder einmal grenzenlos sein.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 186
1 2 3 4 5

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.