Privatkliniken lauern in Touristenhochburgen auf ausländische Patienten. Statt nach der E-Card verlangen sie nach der Kreditkarte und kassieren kräftig
Was vor ungefähr zehn Jahren schleichend auf den Kanarischen Inseln begann, hat sich mittlerweile zu einem lukrativen Industriezweig entwickelt: Wer im Ausland krank wird, soll dafür bezahlen. Und zwar nicht mit der E-Card, sondern aus dem eigenen Geldbeutel. Hinter dieser einfachen Rechnung stehen überteuerte Privatklinken, die sich vorzugsweise und immer häufiger dort ansiedeln, wo sich auch die Touristenhochburgen befinden. Spanien, Türkei, Griechenland, aber auch Ägypten - Klassiker der Urlaubsdestinationen - sind dabei Spitzenreiter im Abcashen. "Im Prinzip funktioniert die Sache ganz einfach", so Michael Tagunoff, Leiter der ÖAMTC-Schutzbriefnothilfe, zu derStandard.at: "Tour operators, also deutschsprachiges Reisepersonal vor Ort, aber auch Hotelangestellte sind angewiesen, den Patienten in ein ganz bestimmtes Privatspital zu überweisen." Für die "Fürsorge" fällt dann auch Bares ab.
Was folgt, wird für den Erkrankten oft zum Alptraum, denn die "Ware" liegt sozusagen auf der Bahre: Statt nach der E-Card wird nach einer Reiseversicherung gefragt oder gleich nach der Kreditkarte verlangt. Dass sie sich in einer Privatklink befinden, wissen die Patienten meist nicht. Garantiert sind allerdings große Augen, wenn nach erfolgter Behandlung die Rechnung eintrudelt. Diese könne laut Tagunoff 20.000 bis 30.000 Euro ausmachen. Noch fragwürdiger ist die Zusammenstellung der Kosten. Nicht selten kommt es vor, dass nie erbrachte Leistungen verrechnet werden. Recht beliebt: Computertomographien - Kostenpunkt: rund 1.000 Euro. Der Weg, die tatsächlichen Behandlungen und damit auch die tatsächlichen Kosten rückzuverfolgen, ist naturgemäß sehr mühsam.
Ganz verdammen könne man diese Privatkliniken dennoch nicht. Tagunoff: "Wir hatten schon Fälle von einer Halswirbelfraktur oder einem akuten Blinddarmdurchbruch - Fälle also, wo man sich als Betroffener bestimmt nicht in irgendein öffentliches Krankenhaus, sagen wir, in Kairo legen möchte." Inhaber eines ÖAMTC-Schutzbriefes sind im Krankheitsfall bis zur Transportfähigkeit mit bis zu 75.000 Euro abgesichert. Die meisten Rückholungen liegen weit unter dieser Summe. "Eine Rückholung aus Kairo inklusive Arztkosten kürzlich lag etwa bei 35.000 Euro", so Tagunoff weiter. So mancher Unfall bleibt dem ÖAMTC-Experten schmunzelnd kopfschüttelnd in Erinnerung. Da wäre der Gast, der beim Kochen in einem französischen Hotel dieses fast abgefackelt hätte, oder der 85-Jährige, der für ein Foto vor den Pyramiden vom Kamel fiel.
Taube mit Gehirnerschütterung
Seit heuer bietet der ÖAMTC übrigens auch eine Rückholung für Tiere an. Bestimmte Voraussetzungen müssten allerdings gegeben sein: Impfung und Tierpass auf der einen Seite, eine Person, die das Tier in Österreich auch verlässlich entgegennimmt auf der anderen Seite. Ein Service, der gut ankommt.
Zu den bizarrsten Erfahrungen gehört jener Urlauber, der in Deutschland einen Autounfall erlitt. Mit an Bord: Eine Kiste mit zwölf Brieftauben. Tagunoff: "Die Kiste wurde ordentlich durcheinandergewirbelt, der Taubenbesitzer war sehr besorgt, um seine wertvollen Vögel." Der vor dem "Heimflug" herbeigerufene Arzt verlangte zehn Euro pro untersuchtem Tier. Der Mann war offenbar seinen Preis wert - bei einer der Brieftauben wurde tatsächlich eine Gehirnerschütterung festgestellt. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 3.5.2011)
Wissen
Im vergangenen Jahr transportierte der ÖAMTC im Rahmen seiner Schutzbrief-Leistungen 2.154 Personen aus dem In- und Ausland. In 1.311 Fällen wurden im Ausland Krankenhaus- und Behandlungskosten übernommen.
Der Schutzbrief gilt für Österreich und alle Reiseländer in Europa, für die außereuropäischen Mittelmeer-Anrainerstaaten, alle Mittelmeer-Inseln sowie die Kanaren, Azoren und Madeira.