Tierschützerprozess

Ein Freispruch als Rundumschlag

2. Mai 2011, 20:25
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    foto: apa/andreas pessenlehner

    Nach 89 Verhandlungstagen glaubte Richterin Sonja Arleth den Tierschützern, nicht dem Staatsanwalt. Für die Beschuldigten ein Grund zum Feiern.

Richterin Sonja Arleth ließ in ihrer Urteilsbegründung an der Arbeit der Polizei und der Staatsanwaltschaft kein gutes Haar

Wiener Neustadt/Wien - Zweimal musste Richterin Sonja Arleth ansetzen, um das Urteil zu verkünden. Alle standen bereits - die Beschuldigten blass, die Journalisten gespannt - doch aus der Tonanlage im kleinen Verhandlungssaal 180 pfiff es durchdringend: die letzte Verzögerung beim Wiener Neustädter Tierschützerprozess, das letzte Warten vor der großen Erleichterung für die Beschuldigten, der großen Überraschung für Beobachter.

Denn Arleth sprach alle 13 Angeklagten samt und sonders frei, "von sämtlichen Vorwürfen in allen Punkten". Denn es fehlten die Beweise, für die Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation nach Paragraf 278a, die Staatsanwalt Wolfgang Handler bei allen 13 Aktivisten vorausgesetzt hatte ebenso wie bei den Einzeldelikten Nötigung, Sachbeschädigung und Tierquälerei. Jahrelange polizeiliche Erhebungen und staatsanwaltschaftliche Weiterverfolgung hätten nichts Stichhaltiges erbracht.

Lautes Klatschen

Ein paar Sekunden blieb es still. Dann hob im Verhandlungssaal lautes Klatschen an, lauter fast als das Aufseufzen der Angeklagten und der Verteidiger. Stefan Traxler, Anwalt des Hauptbeschuldigten Martin Balluch, war auf einmal ganz rot im Gesicht. Die Spannung von 89 Verhandlungstagen fiel in sich zusammen.

Mit kollektivem Aufbrüllen wurde Arleths Wahrspruch hingegen im dichtbesetzten Saal gegenüber begrüßt, dem Schwurgerichtssaal, wo der Prozess über lange Strecken stattgefunden hatte. Dass dies an diesem Montag nicht der Fall war, sondern dass dort auf Betreiben von Gerichtspräsidentin Ingeborg Kristen der Verhandlung auf einer Videowall gefolgt werden konnte, hatte kurz nach Prozessbeginn zu Unmut und Polizeieinsatz geführt.

"Die Öffentlichkeit ist nicht gewährleistet!": Mit diesen Worten hatten drei Beschuldigte von der Basisgruppe Tierrechte (Bat) Verhandlungsraum 180 verlassen. Zehn Sekunden später wurde beim Richtertisch die Tür auf den Gang aufgerissen: Ein Konfettiregen ergoss sich über Arleth und die Beisitzer.

Und am Gang ging es weiter: Protestrufe, Fotografen- und Sympathisantengewühl, eine Wartebank wurde kurzfristig zur Minibarrikade umfunktioniert. Die Polizei trennte den Auflauf, der zum Ausdruck brachte, wie blank bei den Tierschützern die Nerven lagen. "Wie viel Demütigung müssen wir noch über uns ergehen lassen? Erst werden wir von Bewaffneten aus dem Bett geholt, dann für 100 Tage in U-Haft gebracht, dann monatelang zu diesem Prozess gezwungen - und jetzt auch noch das!", beschwerte sich, den Tränen nahe, die Beschuldigte Sabine Koch.

Sie sei "überrascht, wie hart Arleth mit Polizei und Staatsanwaltschaft umgegangen ist", sagte Koch nach Verhandlungsende. Und tatsächlich: Die Kritik der Richterin an Anklageschrift und Belastungszeugen hätte nicht deutlicher ausfallen können: ein Rundumschlag. Kriminelle Organisation? "Setzt voraus, dass es eine solche gibt." Hier sei das nicht der Fall, weder existiere eine "Hierarchie" noch eine "Befehlskette".

Das "Fadinger Forum", laut Staatsanwalt Handler Ort krimineller Verabredungen im Internet, sei ein harmloses "Austauschforum der Tierschützerszene", erläuterte Arleth. Und, was "Danielle Durand", die ominöse Tierschützerspionin angehe, die in ihrem Bericht nur Entlastendes für die Beschuldigten notiert hatte: "Sie ist glaubwürdig".

Verschleierung

Damit, so Arleth, unterscheide sich die verdeckte Ermittlerin von den Einsatzleitern der Sonderkommission (Soko) Tierschutz, Erich Zwettler und Bettina Bogner. Denn diese hätten versucht, "Durands" langes Wirken zu verschleiern. Zwettlers diesbezügliche Aussage vor Gericht sei als "schlichte Schutzbehauptungen" zu sehen.

"Wir werden Anzeige gegen beide Soko-Leiter erstatten", kündigten denn auch Anwalt Traxler an. Und er werde sich um Entschädigung für seinen Mandanten und die anderen Beschuldigten bemühen. Montagnachmittag fand ein erstes Treffen mit einem hohen Justizministeriumsbeamten statt. Offiziell will man im Büro von Justizministerin Beatrix Karl jedoch "die Entscheidung des Staatsanwalts abwarten." Dieser hat sich die Berufung vorbehalten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Irene Brickner, DER STANDARD, Printausgabe, 3.5.2011)

Kommentar posten
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MBR
01

aktuelle umfragen belegen, das österreich einen erschreckend niedrigen anteil von nationalisten aufweist

Nick (FMO)
04
Wie zum Beweis ...

... löste ein Großaufgebot der Polizei, das eigentlich für den türkischen Staatsbesuch abgestellt war, gestern Abend eine friedlich und zwischenfallslos verlaufene Demo unter dem Motto "Wir sind alle 278a" zwangsweise auf und zeigte 30 bis 40 Personen nach dem "Versammlungsgesetz" an, das eigentlich besagt, das in Österreich Versammlungsfreiheit besteht ...

keine einzige Zeitung berichtet darüber, es gibt keine Stellungnahme der Polizei! So läuft das in Österreich 2011 - wo kein APA-Journalist ist, ist KEINE Öffentlichkeit! daher Blogs lesen! --> http://fm5ottensheim.blogspot.com/2011/05/d... ustiz.html

aunty
03
hilfe

welcher minister kann mir helfen?

ich hätte gerne ermittlungen nach §278.... gegen KGH, HPM, und das ganze gesocks.

an wen muß ich mich wenden?

morgen war gestern
25

wer bezahlt die ganze farce eigentlich? ich habe keine lust, dass das mit meinem steuergeld getan wird.

es sollte von den verantwortlichen polizeidienststellen und der staatsanwaltschaft aus dem laufenden, zugewiesenen budget beglichen werden, nicht aus zusätzlichen steuermitteln.

jemandem wie mir, der jeden tag im sogenannten kontinuierlichen produktionsbetrieb hart für sein geld arbeitet und damit auch noch eine familie ernährt, ist das nur ganz schwer vermittelbar, dass er und seinesgleichen für die absichtliche dummdreistheit eines staatsanwaltes und der polizei bezahlen soll (für diese summe müsste ich wohl ein paar hundert leben lang arbeiten!).

jaws
15
Endlich Freispruch

Was sich hier abgespielt hat, war ein Skandal. Wiedergutmachung (soweit sie möglich ist...) für die Angeklagten! Ich hoffe, sie werden ordentlich entschädigt.

Davon vollkommen unabhängig ist mir - ich habe die Prozessberichterstattung inkl. Liveticker mit all seinen Kommentaren genau mitverfolgt - leider die Sympathie für die Tierschutz-Lobby verloren gegangen.
Die Sache an sich ist und bleibt wichtig! Aber viele Menschen, die sie vertreten, scheinen ein sehr einseitiges Unrechtsempfinden zu haben. Teilweise erreicht das Denken und Gebaren faschistoide Züge. Die Toleranz für auch nur leicht abweichende Meinungen ist extrem gering, der Umgang mit eingebildeten (Richterin) und echten "Feindbildern" beschämend unsachlich und tief.

jaws
06

Das ist genau die Art der Auseinandersetzung, die ich kritisiere: hämische Unterstellungen / "Wer uns kritisiert, will uns eintunken"... Was soll das?

Jemanden "eintunken" - das entspricht offenbar Deiner Mentalität. Dass andere einfach nur ihre Meinung - und damit auch mal Kritik - äußern ohne jemandem was Böses zu wollen, kannst Du Dir gar nicht vorstellen? Traurig und bezeichnend.

Die Angeklagten können im übrigen überhaupt nix für den Ton, der z.B. hier im Forum angeschlagen wird... Glaube nicht, dass Balluch oder Völkl Deinen hämischen Seminar-Kommentar (muss Dich enttäuschen, keine Seminare), "netter Versuch" etc. gutheißen würden, die können nämlich sachlich diskutieren und halten vor allem andere Meinungen aus.

knuuuut
11

sie kritisieren nicht, sie unterstellen.

jaws
01

Ich unterstelle keineswegs, ich kritisiere das Gebaren, das ich online im Zuge der Berichterstattung um den Prozess miterlebt habe.

Das nicht auszuhalten, aber selbst ständig (nicht nur mir gegenüber) gewaltig und total unsachlich auszuteilen... Meine Güte, das Dir das selbst nicht auffällt.

Wie gesagt, für solche Leute kann ich persönlich keine Sympathien haben. Das alles ändert nix daran, dass ich die Anklage für vollkommen verrückt halte und dass m.E. an den Angeklagten ein himmelschreiendes Unrecht begangen wurde und wird.

knuuuut
00
das forum hat das verhalten der richterin und des staatsanwalts zu recht nicht akzeptiert.

ebenfalls nicht akzeptiert wurden trolle und die befürworter der tierquälerein.
zu ihrem post: sie schreiben, dass die tierschützer selber eh klasse burschen sind und ihnen unrecht getan wurde. aaaber, die leute um sie herum sind alle faschistoide, intolerante, unsachliche typen, die keine anderen meinungen akzeptieren. jetzt frag ich sie: welche "meinungen" meinen sie? die der trolle, die 100x denselben text mit dem klenk-artikel ins forum stellen? oder die, die meinen, tierschützer sind alle spinner, weil tiere sind nur dazu da, von menschen gefressen zu werden und eh nicht leidensfähig? also, welche meinung haben sie vertreten und wurden schlecht behandelt?

knuuuut
22
netter versuch die tierschützer doch noch ein bissi einzutunken.

in welchem seminar hat man ihnen denn das beigebracht?
juhu, sie sind zwar zu recht freigesprochen worden, aber..... - leicht zu durchschauen.

jaws
00

Sorry, Antwort siehe oben.

meineMeinung
23
Wo bleiben die Konsequenzen?

Angesichts dieser Farce hat auch die (ehemalige) Innenministerin zurückzutreten. Die (ehemalige) Justizministerin wurde dies ja bereits.

morgen war gestern
02

es erscheint ja ohnehin sehr seltsam, dass die art, mit der die vorsitzende richterin den prozess führte, sich so sehr änderte, nachdem es einen wechsel im justizministerium gegeben hatte.

Sherlock85
00

So ein Blödsinn, das war schon vor mehr als einem Monat klar...

morgen war gestern
01

und wo genau siehst du den blödsinn? die prozessführung bis noch vor kurzem war ein skandal.

und wer neue justizministerIn wird und wie sich dieseR positioniert, ist nicht "seit einem monat klar". bzw. *wenn* es *dir* seit einem monat klar war dann weißt du mehr als jemand, der nicht in irgendwelche parteistrukturen eingebunden ist (und hast demnach guten grund für deine eigenartige reaktion).

aber nochmal: jedem das seine.

Andreas Prucha
01

Im Nachhinein betrachtet hat sich das schon länger abgezeichnet. So machen ihre pauschalen Ablehnungen ohne Begründung von Anträgen der Anträgen auch Sinn: Sie wollte den Prozess so schnell wie möglich zu Ende führen, da eh schon klar war, dass die STA ziemlich haltlose Dinge geliefert hat. Sie konnte aber während des Prozesses schwer sagen: "Abgelehnt, weil ich euch freisprechen werde und eure Anträge nur unnötig Zeit kosten".

Ich habe den Eindruck, die Lage hat sich geändert sobald ihr klar wurde, dass die STA und Polizei haufenweise Fakten verheimlicht haben. Dass der Wechsel im Ministerium ihr dann auch noch die Gelegenheit gegeben hat in der Urteilsbegründung Staatsanwaltschaft und Polizei so richtig abzuwatschen ist aber schon mögli

Sherlock85
00

Karl ist seit knapp 1 Woche im Amt ... Arleth hatte Anfang April den letzten Verhandlungstag, Urteilsverkündung war gestern; Arleth sagte schon Anfang März dass sie Anfang Mai das Urteil verkünden wolle; reicht das?

Und nochmal: Richter sind weisungsUNabhängig!

Johanna Karlson
254
Mal ganz ehrlich.

Die Berichterstattung war doch so verfasst, dass eine Täter-Opfer-Umkehr erfolgen sollte.
Die terrorisierten Unternehmen sollen also Täter sein (weil sie um Hilfe ersucht haben), die organisierten Tierfanatiker, die nachweislich strafbare Handlungen begangen haben, sollten zu Opfern geschrieben werden.
imho pervers.

knuuuut
03

"mal ganz ehrlich...." - zieht sich schon durch den ganzen live-ticker unter verschiedenen nicks durch.

fällt ihnen nix neues ein?

Pefo
02

Erkundigen Sie sich, Karlson,

wie oft die Polizei ersucht worden ist, bei Kindermißbrauch, Gewalt in der Familie,...
einzugreifen.
Da handelte es sich aber nur um Körperverletzung (oftmals mit bleibenden Schäden) an Kindern und Frauen, während es in diesem Prozeß um beschmierte Türen ging und um andere, ähnlich brutale Verbrechen.

Wenn etwas in diesem Zusammenhang als "pervers" zu bezeichnen ist, dann könnten wir bei Ihrem Posting anfangen!

Sie hätten, folgere ich, gut in die schwärzeste Zeit Ös und Ds gepaßt, denn da wurden auch Menschen verfolgt und umgebracht, weil sie in einer ungenehmen Religionsgemeinschaft organisiert (!) waren. Da hätten Sie sich vielleicht auch "terrorisiert" gefühlt.
War/ist dies also auch Täter-Opfer-Umkehr?

Standard deviation
40
Sie sprechen mir aus der Seele!

Balluch ist ein verblendeter Fanatiker, der sich bedenkenlos über Gesetze hinwegsetzt, ohne das
geringste Unrechtsbewußtsein an den Tag zu legen.

Da werden Opfer von Psychoterror plötzlich zu Tätern, nur weil sie sich zur Wehr setzen und die
Polizei zu Hilfe rufen.

solodiver
01
Ich habe Angst

vor solchen kleinkarierten, keine Relationen und Massstäbe kennenden Menschen wie Dir.
Wer schützt mich vor Dir?

qball
05
vorsicht hanni

"die nachweislich strafbare Handlungen begangen haben".

wenn das urteil in zweiter instanz bestätigt wird, haben sie sich hier nachweislich der veleumdung schuldig gemacht.

zhang sanfeng
22

verehrter kampfposter, wie auch immer sie sich gerade zu nennen belieben:
bitte nicht nur die namen laufend wechseln.
auch die textbausteine könnten wieder einmal ein update vertragen.

Avicenna
 
13
Die "heilige" Johanna als Salome

Ihre Wahrheit wird nicht wahrer, auch wenn sie diese noch so oft wiederholen.
Sie demonstrieren in ihrem Kanon an Kommentaren mangelnde Einsicht, mangelndes Differenzierungsvermögen und wenig Ahnung von den Prinzipien eines demokratischen Rechtstaates. Ihnen wäre es lieber gewesen, man hätte die Tierschützer, egal ob es gesicherte Beweise dafür gibt oder nicht, am silbernen Tablett serviert. Das ist übelste Gesinnungsjustiz, hat mit objektiver Rechtsprechung aber nichts zu tun. Akzeptieren sie die Würdigung der Beweislage durch die Richterin!

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