"Al Kaida verschlief die arabischen Revolutionen"

2. Mai 2011, 19:26
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Politologe und Nahost-Experte Volker Perthes im Interview mit Christoph Prantner

Standard: Der Tod Osama Bin Ladens hat hohe Symbolkraft für die Vereinigten Staaten von Amerika, welche Wirkung hat er in den islamischen Ländern?

Perthes: Bin Ladens Ende hat dort viel weniger Symbolwirkung, weil die Wirkung Al-Kaidas in islamischen Ländern generell in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist. Die Organisation selbst verliert mit seinem Tod gewissermaßen ihren spirituellen Führer, operativ allerdings ist sie nicht geschwächt.

Standard: Wird der zweite Mann Al-Kaidas, Ayman al-Zawahiri, gleich viel Strahlkraft entwickeln können wie Osama Bin Laden?

Perthes: Zawahiri kann diese Lücke mit Sicherheit nicht ausfüllen. Die Frage ist, ob das überhaupt nötig ist. Seit Zawahiri und Bin Laden 2001 Afghanistan verlassen haben, hat sich die Gruppe dezentralisiert. Sie arbeitet in autonomen Strukturen, wie man zuletzt im Maghreb und beim Anschlag in Marrakesch gesehen hat.

Standard: Wird es große Vergeltungsschläge geben?

Perthes: Das müssen die Nachrichtendienste im Einzelnen beurteilen, aber wahrscheinlich ja. Allein dass es um Vergeltung geht, zeigt aber, dass die Jihadisten in der Defensive sind. Al-Kaida hat die arabischen Revolutionen verschlafen. Die jungen Leute in den Ländern des Maghreb und des Nahen Ostens gehen heute zu Demonstrationen und finden dort ein Ventil, sie brauchen sich nicht dem Islamismus als Plattform für ihre Anliegen zuwenden. Und selbst die Salafiten, also extrem konservative Muslime, setzen heute eher auf diese Art des Protestes als auf den gewalttätigen Jihadismus. (Christoph Prantner, STANDARD-Printausgabe, 3.5.2011)

Volker Perthes (52) ist Politologe, Nahostspezialist und seit 2005 Direktor der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Zuletzt hat er sich intensiv mit den Umwälzungen in den arabischen Ländern auseinandergesetzt. Perthes spricht etwa von der "2011er-Generation", die dem gesamten Nahen Osten ein neues Gesicht verleihen könnte. "Iran. Eine politische Herausforderung" ist das jüngste Buch des deutschen Wissenschafters.

  • Volker Perthes: Jihadisten  sind in  der Defensive.
    foto: imago

    Volker Perthes: Jihadisten sind in der Defensive.

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