"Der moderne Terrorismus ist ein Parasit der Medien"

2. Mai 2011, 18:57
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Soziologe Harald Wenzel: Terroristen bedienen sich der Medien, um Angst zu verbreiten

Terroristen bedienen sich der Medien, um Angst zu verbreiten, meint der deutsche Soziologe Harald Wenzel. Im Gespräch mit Gianluca Wallisch erklärt er, warum der Journalismus einen Teil der Verantwortung dafür trägt.

STANDARD: Wie wichtig sind die Medien für die Terroristen?

Wenzel: Terrorismus funktioniert nicht ohne Medien. Die Anschläge selbst haben ja nur eine räumlich begrenzte Wirkung, aber die eigentliche Absicht, der eigentlich wichtige Aspekt für die Terroristen ist die "Globalisierung" des Anschlags durch die Medien. Und diese Wirkung ist nur durch die Medien möglich. Im Grunde ist Terrorismus das In-Angst-Halten der Zivilbevölkerung durch unberechenbare Gewaltakte.

STANDARD: Und die Medien transportieren diese Angst?

Wenzel: Ja, das ist nur durch die Medien möglich. Der moderne Terrorismus ist ein Parasit der Medien, ohne diese könnte er nicht funktionieren. Das nutzte natürlich auch Osama bin Laden für seine Zwecke, indem er Video- oder Audiobotschaften verbreitete.

STANDARD: Der Auftritt von Terroristen wie Bin Laden ist also eine bewusste Inszenierung für die Weltöffentlichkeit?

Wenzel: Natürlich, es handelt sich um Inszenierungen für ein globales Publikum, nicht nur für eine bestimmte Region. Da steht ein Einzelner auf und fordert eine Großmacht heraus - oder gar die ganze Welt!

STANDARD: Machen sich die Medien mitschuldig, wenn sie dem Terrorismus so viel Platz einräumen?

Wenzel: Ganz klar. Die Medien machen sich in solch einem Moment zum Komplizen des Terrorismus, nicht unbedingt des Gewaltaktes selbst, aber zumindest zu solchen bei der Herstellung und Aufrechterhaltung von Angst. Erst das führt zu der Wirkung, die wir alle kennen: "Soll ich jetzt in das Einkaufszentrum gehen? Dort könnte ich ja zum Opfer eines Anschlags werden!" Das tatsächliche Risiko mag in Wirklichkeit denkbar gering sein, aber die Furcht ist da, sobald einmal in dieser Ausführlichkeit und vor allem in emotionalisierender Art berichtet wird.

STANDARD: Was empfehlen Sie also den Journalisten?

Wenzel: Die Berichterstattung als solche ist ja positiv: "Wir wissen etwas und können euch warnen." Auf der anderen Seite löst jede Warnung potenziell Panik aus. Die Menschen werden also gleichzeitig informiert und verängstigt. Dieses Dilemma lässt sich in der Berichterstattung kaum lösen.

STANDARD: Sollte man lieber Zurückhaltung üben und die Berichterstattung zurückfahren?

Wenzel: In einer Demokratie kann und darf eine Regierung die Medien nur in Ausnahmefällen aus ermittlungs- oder schutztaktischen Gründen bitten, gewisse Informationen nicht zu publizieren. Grundsätzlich müsste sich der Journalismus mehr auf den faktischen Inhalt konzentrieren und weniger auf das Produzieren von Effekten. Medien erzählen Geschichten, und diese führen zu Vorstellungswelten, zu virtueller Teilnahme. Nüchterne Berichterstattung und Zurückhaltung bei allem, was beim Publikum aufwühlend wirken kann, ist diesem Fall also besonders wichtig. Andererseits ist es natürlich vor allem das nachvollziehbare Einzelschicksal, das Quote und Auflage bringt. Ein Dilemma. (Gianluca Wallisch/DER STANDARD, Printausgabe, 3.5.2011)

HARALD WENZEL (55), Soziologe und Terrorismusforscher, ist Professor am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin. 

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