Eine saudisch-arabische Dissidentenkarriere

2. Mai 2011, 18:43
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Osama Bin Laden wurde mit dem goldenen Löffel im Mund geboren - Aber er warf alles weg, um den extremistischen Lehren des Jihadismus zu folgen und die islamische Welt zu "befreien"

Das durch Schüsse entstellte Gesicht, in dem man den charakteristischen Mund erkannte - ein Foto, das sich später als Fake erwies: Das und die Erinnerung an viel über die Welt gebrachtes Leid bleibt von Osama Bin Laden. Schauerlich, wenn man sich die mörderische Selbstgerechtigkeit vorstellt, mit der der 54-Jährige seinen Tod empfangen haben mag.

Der Mann hätte ein bequemes Leben und einen besseren Tod haben können. Osama Bin Laden war der Sohn - eines von 54 Kindern - von Muhammad Bin Laden, bis zu seinem Unfalltod 1968 einer der erfolgreichsten Bauunternehmer Saudi-Arabiens. Muhammad Bin Laden war in den 1930er Jahren aus dem Hadramaut (Südjemen) zugewandert und hatte eine glänzende Karriere gemacht. Der Erfolg ihres Vaters verhalf den Söhnen zu guten Kontakten zum saudischen Königshaus und zu dessen Ideologen, den wahhabitischen Würdenträgern.

Ideenwelt der Muslimbrüder

Der junge Osama Bin Laden studierte zwar Ingenieurwissenschaften, soll sich jedoch noch viel eifriger den islamischen Fächern gewidmet haben. Dabei kam er auch mit der Ideenwelt der ägyptischen Muslimbrüder beziehungsweise deren radikalen Ablegern in Kontakt: Er wurde von Muhammad Qutb unterrichtet, Bruder von Sayyid Qutb, dem 1966 gehenkten ägyptischen Muslimbruder, der die islamische Welt wieder in "Jahiliya" (Ignoranz - so wird die vorislamische Zeit genannt) versunken sah, aus der sie mit allen Mitteln befreit werden müsse.

Qutbs im Gefängnis geschriebenes Buch "Meilensteine" wurde zur Bibel jener, die doch behaupteten, außer dem Koran nichts nötig zu haben. Ein Teil von Qutbs Adepten radikalisierte das Takfir-Prinzip (etwas für unislamisch erklären) weiter, indem sie nicht nur die Herrscherschicht als ungläubig und damit bekämpfenswert ansah, sondern auch jedes einzelne Subjekt eines solchen Staats. Damit war dem Abschlachten der Zivilbevölkerung - wie etwa in den 1990er Jahren in Algerien - Tür und Tor geöffnet.

Qutb und Azzam

Auch den Palästinenser Abdullah Azzam hatte Osama Bin Laden an der König-Abd-al-Aziz-Universität in Jiddah als Lehrer. Azzam, 1941 im Westjordanland geboren, war an der saudi-arabischen Universität gelandet, weil er für Jordanien bereits zu radikal war. Er war einer der ersten Araber, der aus den islamistischen Befreiungslehren einen direkten Auftrag ablas, als 1979 die Sowjets in Afghanistan einmarschierten. Azzam ging nach Pakistan - wie Bin Laden, der damals Afghanistan-Flüchtlingen half. Gemeinsam stellten sie eine effiziente Sammelstelle für Afghanistan-Jihadisten auf die Beine - und befreiten unbeabsichtigerweise gleichzeitig arabische Länder von potenziellen Unruhestiftern, was Saudi-Arabien, aber auch Ägypten sehr zupass kam.

Die Datenbank als "Basis"

Der Jihadisten-Vermittlungsbetrieb entwickelte sich, auch mithilfe von Bin Ladens Reichtum, und die Lager in Afghanistan und Pakistan sprossen aus dem Boden. Die umfangreiche elektronische Jihadisten-Datenbank war die Basis - Al-Kaida - für die Arbeit. Sicher war sich damals niemand dessen bewusst, dass diese technische Bezeichnung zum Namen der gefürchtetsten Terrororganisation der Welt werde würde.

Mit dem Abzug der Sowjets 1989 wurden die arabischen Jihadisten in Afghanistan nicht mehr gebraucht und zogen in ihre Heimatländer zurück, mitsamt ihrer extremistischen Ideologie, ihrem Wissen vom Kriegshandwerk und ihrer Brutalisierung. Damals begann sich das saudische Königshaus vor dem jungen Wilden mit den sanften Manieren zu fürchten, der offenbar auf der Suche nach neuen jihadistischen Betätigungsfeldern war. Der endgültige Bruch kam, als König Fahd 1990 nach dem Einmarsch von Saddam Husseins Truppen in Kuwait, als auch Saudi-Arabien als gefährdet galt, ein Hilfsangebot Bin Ladens ablehnte - um gleichzeitig US-Truppen ins Land zu lassen. Ab da gehörte auch Saudi-Arabien zu den zu befreienden Ländern.

Flucht aus Saudi-Arabien

Zunächst musste Bin Laden jedoch fliehen: Ohne Pass - den hatten ihm die saudiarabischen Behörden schon abgenommen, 1994 wurde ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt - gelang ihm die Flucht ins Ausland, zuerst nach Pakistan und Afghanistan, danach in den Sudan, den er jedoch 1996 verlassen musste, was ihn wieder ins mittlerweile von den Taliban regierte Afghanistan zurückbrachte

Und in jenem Jahr meldete sich Bin Laden nach dem Attentat auf US-Truppen in Khobar mit seinem ersten offiziellen Statement zu Wort, mit dem er den Jihad in alle "besetzte" Gebiete - von Bosnien über Tschetschenien bis nach Saudi-Arabien - tragen wollte. Eine zweite Grundsatzerklärung folgte 1998, bereits unter Mitwirkung von Ayman al-Zawahiri, und sie erhob den Jihad unmissverständlich zur "Pflicht": das Töten von Amerikanern und ihren Verbündeten "in allen Ländern, wo dies möglich ist".

Die Welle der Großattentate begann noch 1998 in Nairobi und Daressalam, 9/11 war der Höhepunkt, aber nicht das Ende. Seit 2001 war der Al-Kaida-Chef im Untergrund, und so groß der Erfolg für die USA jetzt ist: Noch sensationeller ist, dass Osama Bin Laden sich so lange halten konnte. (Gudrun Harrer, STANDARD-Printausgabe, 3.5.2011)

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    Osama Bin Laden 1988 in einer der afghanischen Höhlen. In einem ähnlichen Unterschlupf soll er sich nach 2001 versteckt haben.

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