Ein Parallel-Hollywood mit Mutterwitz

2. Mai 2011, 17:01
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Tyler Perry heißt der aktuell erfolgreichste Afroamerikaner im Film- und TV-Geschäft

Außerhalb der USA sind der Autor, Schauspieler, Regisseur und Produzent und seine Arbeiten noch weitgehend unbekannt.

Wien - Die US-Kinocharts werden derzeit von entfesselten Automobilisten und einem Zeichentrickpapagei angeführt. Nach Fast Five und Rio, aber noch vor dem Christoph-Waltz-Vehikel Wasser für die Elefanten, rangiert ein Film, der den Titel Madea's Big Happy Family trägt. Und anders als die übrigen Genannten wird dieser bei uns wohl eher nicht in die Kinos kommen - so wie alle bisherigen Werke seines Schöpfers.

Die Titelfigur Madea ist eine Erfindung des Mannes, der für den Film auch in ihren Körper schlüpft: Tyler Perry, Autor, Schauspieler, Regisseur und Produzent, und als solcher gegenwärtig der kommerziell erfolgreichste Afroamerikaner im Film- und TV-Geschäft. Nach einem Dutzend Kinofilmen beläuft sich das Gesamteinspielergebnis auf nahezu eine halbe Milliarde US-Dollar. In den Rankings der Hollywood-Großverdiener taucht Tyler Perry inzwischen auf den vordersten Plätzen auf. Dabei hat er sein eigenes Studio, wo auch die TV-Serien House of Payne und Meet The Browns entstehen und 300 Angestellte werken, 2008 gar nicht an der Westküste, sondern in Atlanta (Georgia) eröffnet.

Dort im Süden ist schon die Erfolgsfigur Madea groß geworden - Jahre vor ihrem ersten Leinwandauftritt in Diary of A Mad Black Woman (2005). Anfang der 1990er-Jahre startete der am 13. September 1969 in New Orleans geborene Perry in Atlanta seine zunächst wechselhafte Karriere als Autor eines Musicals und mehrerer Theaterstücke, die ihm langsam, aber stetig ein treues Publikum sicherten.

Madea, die laute, derbe, keine Konfrontation scheuende, immer für Schwächere einstehende Matriarchin, wurde zum fixen Bestandteil seiner Familien- und Gesellschaftstragikomödien - und immer wieder auch zur Zielscheibe von Kritik, wonach Perry sich jener Stereotype und Formen bedienen würde, mit denen sich afroamerikanische Entertainer schon früher unter Wert verkauft hätten. Sieht man Filme wie Diary of a Mad Black Woman, dann fällt auf, dass die Groteske, die Gross-out- und Drag-Elemente hier der Generation der Alten vorbehalten bleiben und stets auf ein emanzipatorisches Anliegen zielen. Die Kinder und Enkel können im Schutz dieser gutherzigen, lebensweisen Großmäuler derweil nach dem Muster einschlägiger Hollywood-Romcoms oder Beziehungsdramen Romanzen durchleben und Lebenskrisen durchleiden.

Tatsächlich ist Perry dem verbindlichen Bill Cosby näher als dem konfrontativen Richard Pryor. Seine Kinofilme sind unauffällig, klassisch inszeniert. Inhaltlich verfolgen Produktionen wie die Madea -Serie oder Why Did I Get Married (2007) ganz vordergründig praktische Lebenshilfe: In Letzterem exemplarisch anhand eines Kreises befreundeter Ehepaare rund um die Psychologin Patricia Agnew (Janet Jackson) ausgeführt, den klassische Konflikte um Untreue, Karriere, Kinderwunsch umtreiben.

Perry gehörte neben Oprah Winfrey außerdem zu jenen schwarzen Meinungsmachern, deren Unterstützung Publizität und Erfolg von Lee Daniels' Precious (2009) mit ermöglichte. Und Perrys vorletzte Arbeit, der Episodenfilm For Colored Girls (2010), versammelt mit Whoopi Goldberg, Thandi Newton, Kimberly Elise, Janet Jackson, Macy Gray und anderen nicht nur einen imposanten weiblichen All-Star-Cast. Die Adaption des 1975er-Bühnenerfolgs der feministischen Autorin Ntozake Shange ist auch formal ambitionierter.

In langen Plansequenzen werden die Protagonistinnen und ihre spezifischen Erfahrungen als "colored girl" zunächst nur beiläufig miteinander in Verbindung gebracht, mit der Zeit entsteht allerdings ein dichtes, vielstimmiges Netz der Bezugnahme. Was leicht, fast im Tonfall einer Komödie beginnt, wandelt sich in Verbindung mit Shanges delirierenden, lyrischen Monologen zur beklemmenden Tragödie. Man fragt sich, weshalb diese brillanten Schauspielerinnen im US-Kino immer noch weitgehend in einer Parallelwelt existieren müssen. Immerhin hat diese Welt mit Tyler Perry an Gewicht gewonnen. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 3. Mai 2011)

  • Ein Mann gräbt in diesem Frauenkostüm seit geraumer Zeit das 
US-Entertainmentgeschäft um: Tyler Perry als Titelheldin von "Madea Goes
 To Jail" (2009).
    foto: tyler perry studios

    Ein Mann gräbt in diesem Frauenkostüm seit geraumer Zeit das US-Entertainmentgeschäft um: Tyler Perry als Titelheldin von "Madea Goes To Jail" (2009).

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    Seine Traumfabrik steht in Atlanta: Tyler Perry (41).

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