Gelée Royale und saftige Fleischbrocken für Medien-Wachhunde

2. Mai 2011, 18:17
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Ich hätte gern diesen Traum: am 3. Mai, dem internationalen Tag der Pressefreiheit kommenden Jahres, vermeldet Reporter ohne Grenzen: Ermordete JournalistInen und MedienassistentInnen: Null. Inhaftierte JournalistInnen und MedienassistentInnen: Null. Inhaftierte Netizens, sprich so genannte Internet-Dissidenten: Null. Träte dies tatsächlich ein, könnte ich den wöchentlichen Blog, den ich heute auf derStandard.at beginne, in einem Jahr wieder sein lassen. Ich müsste kein Pressefreiheits-Watchdog mehr sein und könnte total entspannt mit meinem Hund Mo spazieren gehen. Darauf zu wetten, wage ich nicht. Außerdem gibt es zu Genüge andere, auch Österreich-bezogene Medien-Themen.

Zum Beispiel die kleinen, feinen, indirekten Nutzungen der Medien durch die Politik. Jüngst geschehen anlässlich des bienenfleißig aufbereiteten medialen Gelée Royale rund um die königliche Hochzeit in London. Alle anderen News fristeten an diesem Tag ein Aschenputteldasein. Doch auch keine Nachrichten sind eine Nachricht. Während in der Londoner Westminster Abbey die bürgerliche Kate ihrem Prinz Willy das Ja-Wort gab, wurde im Wiener Parlament über die heikle, neuerlich verschärfte Novelle des österreichischen Fremdengesetzes abgestimmt. Dies weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, denn im Gegensatz zu sonstigen wichtigen Parlamentsdebatten fiel die übliche Live-Übertragung auf dem öffentlich-rechtlichen Infokanal ORF 2 an diesem Tag aus: Royal Wedding. Folgend den Gesetzen des Marktes hatte auch der ORF dem britischen Cinderella-Märchen die aktuellen Berichterstattung über das österreichischen Ausgrenzungsgesetz geopfert und damit satte Quoten gemacht. So weit, so gut beziehungsweise ungut. Immerhin: derStandard.at hat einen Livestream aus dem Parlament gemacht.

Mehr denn je sind auch heute die Thesen des kanadischen Medientheoretikers McLuhan gültig: The media is the message, das Medium ist die Botschaft. Die transportierten medialen Inhalte setzt MacLuhan mit saftigen Fleischbrocken gleich, derer sich Einbrecher bedienen, um Wachhunde abzulenken. Am 3. Maitag melden sich weltweit Pressefreiheits-Watchdogs zu Wort. "Mayday" ist, nebenbei bemerkt, international das Kennungswort für Notsituationen.

  • "Watchdog" im Web: Rubina Möhring bloggt auf derStandard.at über Pressefreiheit.
    foto: derstandard.at/schüller

    "Watchdog" im Web: Rubina Möhring bloggt auf derStandard.at über Pressefreiheit.

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