"Der informelle Förderbereich wurde verdrängt"

2. Mai 2011, 18:13
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Initiatorin Edith Draxl über marktkonformes Schreiben, den Genie-Gedanken und den aktuellen Hang zum absurden Theater

Graz - Fördermodelle für dramatisches Schreiben haben sich im letzten Jahrzehnt auch in Österreich durchgesetzt. Zu den erfolgreichsten Werkstätten dieser Art zählt das im Rahmen des Universitätsvereins uniT von Edith Draxl gegründete Drama Forum in Graz. Es ist dies ein Lehrgang für Nachwuchsdramatikerinnen und -dramatiker, der die Zusammenarbeit mit renommierten Mentoren wie René Pollesch oder Roland Schimmelpfennig ermöglicht. Er ist lose mit dem Retzhofer Dramapreis verbunden, dessen Nominierte jeweils gute Chancen auf eine Teilnahme im Lehrgang haben. Am Freitag wird er erneut auf Schloss Retzhof verliehen. Wichtig ist, sagt Edith Draxl, dass "wir keine Schreibschule" sind. "Wir unterstützen Schreibende in ihren Reflexionsprozessen."

STANDARD: Es gibt den Vorwurf, dass junge Schreibende innerhalb solcher Förderprogramme ihre Eigenständigkeit einbüßen bzw. dann marktkonform schreiben. Wie sehen Sie diesen Vorwurf?

Draxl: Uns ist wichtig, dass jemand seinen Ton findet, also zu einer Vorstellung findet, wie Form, Inhalt und Sprache ineinandergehen könnten. Dieser Prozess geschieht meiner Meinung nach autark, ob begleitet oder unbegleitet. Fördermodelle beim Schreiben hat es immer und zu allen Zeiten gegeben, sie sahen halt anders aus. Heute sitzt nun einmal keiner mehr im ORF und diskutiert stundenlang mit Autoren im Hörspielbereich. Oder siehe Forum Stadtpark: Da hatten einst Emil Breisach und Alfred Kolleritsch so eine Funktion, die haben Texte gelesen und dazu Kommentare abgegeben. Dieser informelle Bereich ist aber verdrängt worden.

STANDARD: Es herrschen also zu romantische Vorstellungen vom prä-verschulten Schreiben?

Draxl: Vor allem der Genie-Wahn ist in Österreich und da besonders in der schreibenden Zunft noch extrem ausgeprägt. Im Unterschied zu anderen Kunstsparten, die ganz selbstverständlich auf einer professionellen Ausbildung fußen, ist das Schreiben allein dem Können des Genies überantwortet. Ich verstehe einfach nicht, warum.

STANDARD: Ist man beim Schreiben letztlich nicht sowieso allein?

Draxl: Ein Schauspieler bekommt viel schneller Feedback, ja. Beim Schreibenden kommt oft lange keine Resonanz, und das hängt sicher nicht an der Begabung, siehe Werner Schwab. Der ist lange herumgelaufen, und keiner hat das verstanden. Nicht die Schlechtesten geben auf.

STANDARD: Gerhild Steinbuch, Johannes Schrettle und Ewald Palmetshofer hätten früher also vielleicht aufgegeben?

Draxl: Das kann ich nicht sagen. Aber ich glaube nicht, dass unsere Leute durch das Drama Forum so sehr angepasst wären. Jörg Albrecht etwa kämpft um jeden Zentimeter Eigenständigkeit.

STANDARD: Welche Tendenzen bemerken Sie im Schreiben der jungen Dramatiker/-innen?

Draxl: Im Moment fällt mir ganz stark auf, dass es einen enormen Hang zum absurden Theater gibt, zum Clownesken und Surrealen. Vor acht Jahren waren das noch vorwiegend Familiengeschichten. Viele Junge sind auch über filmische Sehgewohnheiten sozialisiert, dann gibt es auch die totalen Freaks, die ganz stark sprachlich-intellektuell denken, die haben es ganz schwer. Denn am Theater boomen ja narrativ geschlossene Formen, also Romanadaptionen.

STANDARD: Ist die Kluft zwischen Stadttheater und Performance immer noch so groß?

Draxl: Diese geteilten Strukturen sind ein großes Problem. Regisseure, die einmal am Stadttheater inszeniert haben, werden als Stadttheateronkel abgestempelt. Mit 27! Und umgekehrt hat der Performancebereich unheimliche Angst vor dem Text.

STANDARD: Die Gier nach Uraufführungen seitens des Theaterbetriebs ist das Schlimmste, so die Wiener Wortstätten. Wie sehen Sie das?

Draxl: Ich sehe das gespalten. Es gibt auch Autoren, die sehr oft nachgespielt werden, wie etwa Ewald Palmetshofer. Ich kritisiere eher die Bedingungen, die man Autoren anbietet. Der Schreibende bekommt 500 Euro und basta. So ist das auf Mittel-und Stadttheaterbühnen! Und dann steckt man noch einen Regieassistenten dazu, der "eh schon immer etwas machen wollte" . Diese Grundstruktur kritisiere ich.

STANDARD: Das ruiniert einen Text?

Draxl: Ja, und man kann auch nicht verlangen, dass Nachwuchsdramatiker Stückaufträge über Routine abwickeln können. Das wird aber gemacht. Sie erfüllen dann einen Abgabetermin mit einem schlechten Text, den die Dramaturgie für den Premierentermin notversorgt. Aber besser wäre es gewesen zu sagen: Das ist womöglich der falsche Text, ich werfe ihn weg. Nur: In diesem System ist das nicht möglich, die Zeitläufe sind eng getaktet, man muss als Schreibender bei der ersten Behauptung bleiben, auch wenn sie nicht hält. Dann kommt Daumen rauf oder runter. So werden die Leute kaputtgemacht.

STANDARD: Gibt es nicht auch positive Beispiele?

Draxl: Ich bewundere, wie Jörg Albrecht mit seiner Gruppe in seinem geschützten Umfeld Projekte macht. Er schreibt Stücke ohne Auftrag, ohne Termin. Wenn er fertig ist, gibt er sie einem Verlag.

STANDARD: Wie ist das Dramafo-rum / Retzhofer Preis finanziert?

Draxl: Wir haben zweckgebundene Förderungen, von Stadt Graz, Land Steiermark und vom Bund, allerdings nicht für die Realisierungen. In Summe sind das 120.000 Euro pro Jahr, da ist alles drinnen, auch Bürokosten. Wir wirtschaften irrsinnig sparsam, aber es geht sich jedes Mal eigentlich nicht aus. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD - Printausgabe, 3. Mai 2011)

Edith Draxl, geb. 1957 in Judenburg, ist Gründerin des Vereins uniT in Graz und Hauptorganisatorin des Drama Forums sowie des Retzhofer Dramapreises.

  • "Menschen bei der Arbeit" , das Siegerstück von Henriette Dushe, 
inszeniert beim Retzhofer Dramapreis 2009 auf Schloss Retzhof in der 
Südsteiermark.
    foto: lore hindinger

    "Menschen bei der Arbeit" , das Siegerstück von Henriette Dushe, inszeniert beim Retzhofer Dramapreis 2009 auf Schloss Retzhof in der Südsteiermark.

  • Edith Draxl: "Weg mit dem Genie-Kult beim Schreiben".
    foto: furgler

    Edith Draxl: "Weg mit dem Genie-Kult beim Schreiben".

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