"Nichts ist massen-, alles mikroproduziert"

4. Mai 2011, 10:43
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Etsy.com bietet Kleinstunternehmern eine Plattform, ihre handgefertigten Waren an Menschen mit Sinn für das "gewisse Etwas" zu verkaufen

In einer Gesellschaft, in der im Leben und Denken der Menschen der digitale Aspekt einen immer höheren Stellenwert einnimmt, hinken Unternehmen, die auf die Produktion von Einzelstücke spezialisiert sind, oft hinterher. Der Massenmarkt dominiert mit einigen gut etablierten Ausnahmen die Wirtschaft. Matt Stinchcomb war einer der ersten Mitarbeiter von Etsy in New York und Speaker auf der SIME-Konferenz in Wien. Im Interview mit derStandard.at sprach der Etsy-Europa-Chef über das "gewisse Etwas" von Etsy und worum es beim Geschäft mit handgefertigten Produkten im Wesentlichen geht.

derStandard.at: Was macht den Erfolg von Etsy aus, was ist das Besondere an der Seite?

Matt Stinchcomb: Das Besondere ist sicherlich die Community und auch die Dinge, die die Menschen verkaufen. Im Gegensatz zu eBay erzählen die handgemachten Produkte auf Etsy eine Geschichte. Dazu kommt die Art und Weise, wie sie verkauft werden: es wird eine Mensch-zu-Mensch-Verbindung aufgebaut und es geht darum, wie sie miteinander interagieren. Es ist also nicht, "was wir tun", sondern "wer wir sind" und das überträgt sich auch auf die Produkte: nämlich kreative und und faszinierende Dinge, die man anderswo nicht findet. Außerdem betreiben wir eine sehr transparente Finanzpolitik. In Summe kann man sagen, die Firma wird durch die Menschen angetrieben, nicht durch Geld. Die Community steht an erster Stelle. Das Coole an Etsy ist, dass es keine Massenwaren zu kaufen gibt. Alles ist "mikroproduziert".

derStandard.at: Vergangene Woche haben Sie auf der SIME Vienna einen Vortrag gehalten. Können Sie uns einen kurzen Überblick geben?

Stinchcomb: Hauptsächlich habe ich darüber gesprochen, dass Etsy - im Gegensatz zu vielen global agierenden Unternehmen - einen unterschiedlichen Zugang zum Business hat. Wir sind sehr Community-fokussiert und organisieren diese auf einer regionalen Ebene. Dabei sind wir sehr darauf erpicht, dass die Mitglieder auch wirklich involviert sind.

derStandard.at: Wer hatte die Idee zu Etsy und wie kam es dazu, dass die Website zum internationalen Marktführer geworden ist?

Stinchcomb: Das war Robert Kalin, er gründete Etsy im Jahr 2006 - aus "persönlicher Not" sozusagen. Robert Kalin ist Tischler, Maler und Fotograf und hat damals nach einer Möglichkeit gesucht, seine Arbeiten online zu verkaufen. Für ihn und sein kreatives Umfeld schien eBay allerdings nicht die richtige Plattform zu sein. Die eignet sich besser für Großhändler. Für persönliche und kreative Kostbarkeiten, die den Künstlern am Herzen liegen, gab es kein entsprechendes Pendant. So entstand aus der Idee eines Kleinst-Herstellers eine Plattform für Kleinst-Hersteller. Das Ziel war von Anfang an, möglichst einfach und erschwinglich zu sein. Bis heute ist das so geblieben.

derStandard.at: Wie groß ist der Markt für handgefertigte Produkte?

Stinchcomb: Der ist enorm. Im vergangenen Jahr wurden Artikel im Wert von 600 Millionen Dollar verkauft, davon gingen 96 Prozent direkt an die Künstler. Es geht aber nicht nur um die Produktion, sondern auch um eine bestimmten Lebensweise. Das wirkt sich auf viele Bereiche wie zum Beispiel die Landwirtschaft aus. Etsy ist somit ein Teil einer viel größeren Bewegung. Nachhaltig wirtschaftende Farmer-Märkte in den USA erfahren derzeit ein 500-prozentiges Wachstum. Die Menschen haben eine Lebenseinstellung entwickelt, solche Produkte zu kaufen, von denen sie wissen, woher sie kommen. Da trifft auch Etsy den Nerv der Zeit.

derStandard.at: Was steht als nächstes auf der Agenda von Etsy?

Stinchcomb: Wir arbeiten daran, unterschiedliche Währungen anzubieten, in Deutschland können User bereits von Dollar auf Euro umstellen. Natürlich sind auch unterschiedliche Sprachen geplant. Dabei geht es uns immer darum, den Erfolg unserer Mitglieder zu pushen. Eine Plattform für Österreich streben wir auch an, aber ich kann noch keinen Zeitpunkt nennen.

derStandard.at: Ist es nicht etwas paradox, dass gerade wenn ein Künstler wirtschaftlich erfolgreich ist, er dann die Plattform verlässt und sich nach einer geeigneteren, weil größeren, Verkaufsebene umschaut?

Stinchcomb: Ja, das ist es tatsächlich (lacht). Wir schicken unsere erfolgreichsten Mitglieder und Kunden weg. Aber das ist nun mal der Weg, auf welchem Etsy operiert: Wir helfen Kleinstunternehmern dabei, zu wachsen. Eine gewisse Authentizität gehört dazu. Sprich: Man könnte nie ein iPhone auf Etsy verkaufen.

derStandard.at: Welche Kategorien sind besonders beliebt auf Etsy?

Stinchcomb: Der Verkaufsrenner sind die Kategorien Schmuck, Kunst, Accessoires und Taschen. Aber auch Stofftiere wie Hirsche oder Rehe beispielsweise sind sehr beliebt. Oder riesengroße Kühe und Waren in "dazzle camouflage" (Tarnoptik).

derStandard.at: Was haben Sie zuletzt auf Etsy gekauft bzw. welche Produkte kaufen Sie regelmäßig?

Stinchcomb: Da ich vor kurzem Vater geworden bin, habe ich mich in der letzten Zeit vorwiegend nach Baby-Sachen (ein Mobile, coole Baby-Kleidung und kreative Spielsachen) umgesehen. Das letzte, was ich für mich gekauft habe, war ein Bild. Darauf war ein Mann gemalt, der vor seinem  Schreibtisch im Büro steht und seine Sachen zusammenpackt, nachdem er gekündigt wurde. Ich weiß nicht wieso, aber es hat mich einfach sehr berührt. (Eva Zelechowski, derStandard.at, 2. Mai 2011)

Matt Stinchcomb leitet das Europa-Büro von Etsy und lebt mit seiner Frau Benedikta und seinem kleinen Sohn Francis in Berlin. Vor seiner Tätigkeit beim Online-Marktplatz für handgemachte Produkte war er Sänger der Indie Rockband French Kicks.

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  • Europa-Chef von Etsy und SIME-Speaker: "Im vergangenen Jahr wurden Artikel im Wert von 600 Millionen Dollar verkauft, davon gingen 96 Prozent direkt an die Künstler."
    foto: matt stinchcomb

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  • Die beliebtesten Kategorien: Schmuck, Kunst, Accessoires und Taschen
    foto: screenshot, etsy.com

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  • Roboter-Ring für geekige Fashionitas.
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