Gefahren für Pressefreiheit auch aus den Medien selbst

1. Mai 2011, 19:43

Über die Deals zwischen Massenzeitungen und staatsnahen Konzernen, wo das Geld so richtig rollt, wird nicht geredet

In einem Land, wo ohne starke Proteste die beiden größten politischen Maschinerien, die schwarze in Niederösterreich, die rote in Wien, Transparenz bei Zeitungswerbung verweigern, hängt die demokratische Kultur an einem Kleiderhaken.

Das hat Ursachen in der Branche selbst. Wenn von der Jury eines Fachmediums der Leiter einer Gratiszeitung zum "Chefredakteur des Jahres" gewählt wird, sind die Beurteilungskriterien verrutscht. Wenn durchaus renommierte Chefredakteure für ein anderes Fachmagazin aus ihrer Mitte den "Besten" küren, ist die Kompetenz der Medienmacher infrage zu stellen.

In einem Land, wo man Qualität meist bei deutschen Medien verortet, ohne sie selbst zu lesen, ist die Unsicherheit groß, ob journalistisches Niveau mehr sei als Wortwitz und Kabarett. Inhalte? Meinung und Mut? Internationale Analysen?

Die Zusammenschau der Qualitäten schafft das Niveau. Die Aufdeckung von Skandalen ist ein Element, nicht das Ganze. Enthüllungen sollen für viele dabei sein. Das aber kriegt man auch im Boulevard, spätestens auf Seite 5. Sagt sich der Hinterbänkler.

Der liest ja keine Schwerpunktstrecken, kein ALBUM und kein Spektrum, keine Essays, die länger sind als ein "Kleiner Brauner". Da glaubt dann jemand aus dem Horizont, die Verwendung von APA-Texten als Niveauverlust geißeln zu können. Besser APA als Österreich.

Anlässlich des Tages der Pressefreiheit wird diese Woche auch in Wien wieder diskutiert. Im Parlament mit Schülern, bei den Zeitungsherausgebern mit den üblichen Verdächtigen.

Große Worte werden fallen, aber über die Deals zwischen Massenzeitungen und staatsnahen Konzernen, wo das Geld so richtig rollt, wird nicht geredet werden. Und vor allem nicht darüber, dass die bezahlten Texte für die Normalleser von redaktionellen Texten schwer (wenn überhaupt) zu unterscheiden sind.

Weil der Qualität auf diese Weise geschadet wird, hat das werbliche Investment einiger Konzerne einen doppelten Nutzen: Einerseits werden Botschaften ohne kritische Fragen oder Gegenpositionen transportiert. Andererseits werden dadurch die Scheren in den Köpfen der Redakteure nachgeschärft. Der Mut zu kritischem Journalismus sinkt.

Die Pressefreiheit wird beschädigt. Ohne dass ein übelwollender Diktator auftritt und Zeitungen verbietet. Ohne die Meinungsfreiheit einschränkende Gesetze wie in Ungarn. Ohne Verhaftung von Journalisten wie in der Türkei.

Und wo alter Glanz noch zum Lesen verführt wie bei Peter Michael Lingens im Profil, wird zu seltsamen Vergleichen gegriffen. Er ruft ÖVPler auf, es Michael Fleischhacker mit seiner Presse gleichzutun: eine "neue Volkspartei zu erfinden", so wie der "ein rechtsliberales Blatt mit wirklichem Format" geschaffen habe. Die Presse hat schon ganz andere Formate erlebt. Das Großbürgerblatt als neue Parteizeitung? Dagegen müsste sie sich wehren.

Parteien und Partei-Neugründer sollten Zeitungen lieber in Ruhe lassen. (Gerfried Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 2.5.2011)

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23 Postings
Max Frisch Morgenessen
00

Bin immer ganz begeistert, wenn ich den Karriere und den Immoteil vom Standard lese. Die trauen sich noch was.

trollvottel
10

Die Seitenanzahl bei der Vorstellung neuer Computerspiele hängt davon ab, wie viele Anzeigenseiten der Publisher in letzter Zeit gekauft hat. Kleine Publisher, die sich keine Werbung leisten können, werden da manchmal abgestraft.

Was passiert, wenn man Unmengen an Werbung schaltet, aber nicht bezahlt, und dann wegen der Rechnung für die bereits geschaltete Werbung prozessiert, und dann einen Teilbetrag ohne die vom Gericht genannten Verzugszinsen zahlt, und sich auf dieselben erneut klagen lässt? Na dann gibt's entsprechend miese Kritiken. Das mussten gerüchteweise schon Firmen auch aus .at am eigenen Leib erfahren.

Gerhard Grabner
01
Die Delas im Hintergrund,

zwischen Parteien, Großbetrieben und Medien. das ist der Sumpf.

W. Müller
 
02
".. Besser APA als Österreich .."

Qualität orientiert und misst sich nach oben.

M.E. :
Als große Gefahr für die Pressefreiheit sehe ich die Anzeigenressorts im jeweiligen Haus.

KKdJ
03
Was mich an dieser Argumentation so wundert, ist dass immer so getan wird, als ob der Journalismus früher so viel besser gewesen wäre.

Um diesem Vorurteil zu begegnen, ist es mehr als genug, die frühen Jahrgänge der "Fackel" zu lesen. Selbst wenn dort das eine oder andere ein wenig polemisch überspitzt sein mag, so stimmt die grundsätzliche Kritik an der Käuflichkeit der damaligen Presse (und damit ist nicht nur die "Neue Freie" gemeint) doch auf jeden Fall.
Da möchte man eher meinen, dass es heute doch etwas besser geworden ist. Wenn man Karl Kraus glaubt, so waren damals in der Neuen Freien Presse so gut wie alle Texte bezahlt. Und es ging auch sehr viel darum, was NICHT berichtet wurde.

Bioberni31
12
Bravo Herr Sperl.

Ein Aufruf für den unabhängigen Journalismus in Österreich. Der Standard ist dafür der beste Beweis, der schreibt nicht das was den Parteien passt. Sondern der Raika.

17+4
12
ich war vor kurzem bei einer Diskussion über

solche pressethemen:
was ich festgestellt habe ist:
die gering verbreiteten Medien behaupten von sich, Qualitätsjounalismus zu betreiben, während die großen schlechten und seichten Jounalismus schon wegen der Quote (Auflage oder wie man das nennen will) betreiben (natürlich um hohe Inseratengelder zu lukrieren),
und damit beim zweiten: die gering verbreiteten medien mit dem behaupteten Q-Journalismus wollen aber das Geld von den großen der Branche und auch öffentliche Gelder, ohne Nachweis, einfach so (in dieser Gegend sind auch die meisten Beführworter des bedingungslosen Grundeinkommens vertreten).
Mein succus aus dieser Diskussion:
es geht nur um den Futtertrog, um gar nichts anderes, das Publikum, das diese ganze chose bezahlt, ist nic

Fritz Meyer
06
Alles ist gefällig geworden...

Gefälligkeitspolitik, Gefälligkeitsjournalismus, Gefälligkeitswissenschaft.

Scheint als ob wir uns schon in einem Gefälligkeitsfeudalismus befinden.

Milchleber
00

gute Analyse ... aber nicht 'geworden' .. sondern immer schon gewesen.

edurkheim
02
Das Internet setzt die traditionellen Medien stark unter Druck

Das ist ein weltweit bekanntes Phänomen und in österreich haben sie sich halt neue Einnahmequellen erschlossen wo es am meisten zu holen gibt (über 50 % Staatsanteil).

Aber das ist wie wenn der Verdurstende auf hoher See Salzwasser trinkt.

Durch dieses Verhalten wird nämlich ihre Glaubwürdigkeit und ihr Einfluss weiter reduziert (wer glaubt schon noch einem ORF oder Österreich?) was sie letztendlich auch für die Politik immer uninteressanter machen wird.

Sobald das staatliche Geld für die Inserate fehlen wird - und das kommt sehr bald - ist dann überhaupt aus.

in love with kate perry
29

reichlich grotesk ausgerechnet im hofblatt der politcal correctness über die 'pressefreiheit' zu lesen, die von einer 'gratiszeitung' bedroht werde ;)

Zweitgeist
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was alles grotesk ist

sperl sagt nicht, dass die pressefreiheit von einer gratiszeitung bedroht wird. es sagt, dass sie von "Deals zwischen Massenzeitungen und staatsnahen Konzernen" bedroht wird.
entweder Sie haben den kommentar nicht gelesen, oder Sie rechnen mit einer minderbemittelten leserschaft.

in love with kate perry
01
der stein des anstosses war, dass der 'Leiter einer Gratiszeitung zum "Chefredakteur des Jahres" gewählt wird'. weiter wirft er der gratiszeitung vor, redaktionelle von kommerziellen inhalten nicht sichtbar genug zu trennen,

was angesichts der blödheit der leser (sperl formuliert das zwar anders, meint aber genau das) zu einem qualitätsverlust führe.

es ist sperl der den zusammenhang mit der pressefreiheit herstellt, nicht ich. und wenn die beiden dinge nicht zusammengehören, warum werden sie dann von einem 'qualitätsjournalisten' wie sperl im selben artikel erwähnt ?

das was ich persönlich aus diesem artikel herauslese ist, dass es der linken journaille wohl schwerfällt feststellen zu müssen, dass sie die journalistische hoheit über die kaffeehaustische abgeben mussten und auch journalisten die sich dem grün-linken ''demokratischen' grundkonsens' nicht bedingungslos unterwerfen plötzlich mitreden ;)

Zweitgeist
00

Ihre provokante verkürzung zieht das eigentlich thema, die finanzierung von massenzeitungen durch staatsnahe betriebe, ins lächerliche.
und die boulevardjournalisten als aufrechte menschen zu bezeichnen, die sich dem *grün-linken ''demokratischen' grundkonsens'* nicht bedingungslos unterwerfen*, entbehrt auch nicht einer gewissen pikanterie.

es bleibt spanned...
04
Was will man erwarten...

...in einem Land, wo selbst die Arbeitnehmervertreter einer "staatstragenden" Partei sich mit der Trainee-Zeit bei der IV rühmen.

Nichts gegen die IV. Die ist in ihrer Effizienz und Durchschlagskraft mittlerweile der Maßstab in Österreich für perfektes Lobbying. Das ist aus deren Sicht zu bewundern, aber nicht (mehr) nachahmenswert.

Es ist - neben den bezahlten Strecken aus Wirtschaft und Politik in bestimmten Medien - mittlerweile eine spezifisch österreichisch entwickelte Hochform der Korruption.

Und es ist, wenn wir so weitermachen, die Einleitung des Endes der Demokratie.
Sperl hat schon recht. So plump und unelegant wie die Ungarn machen es hiesige Machthaber nicht. Aber effizienter...

Peter Sichrovsky
111
Medienleid

Der Verlust des Niveaus des Journalismus hat seine Gründe nicht im Internet oder anderen konrurrierenden Info-Systemen - die Verantwortung liegt bei den Journalisten und Zeitungs-Machern. Information wurde zu Kommentar, Kommentar zu Leserbrief und Leserbrief zu Kommentar der Eigentümer. Sogenannte Star-Journalisten langweiligen die Leser mit ihren politischen Vor-Urteilen und sogenannte Aufdecker schauen in ihr E-Mail Account, ob jemand eine gestohlene Botschaft schickt. Dass Unter-30-Jährige praktisch keine Zeitungen mehr lesen ist das Ergebnis dieser Entwicklung.

saunaecho
00
Brilliante Analyse !

Es ist eben wie in der Politk : Wenn Gesindel und Spinner die Bühne beherrschen "dürfen" wendet sich das Publikum ab. Meinungsfreiheit und Pressefreiheit wurden zur Narrenfreiheit und die ist auf Dauer nicht auszuhalten.

Alter Knochen
01

Ein Grund ist auch der Agentur-Journalismus. APA übernimmt von Reuters, Der Standard übernimmt von APA, überprüft oder gar selbst vor Ort recherchiert wird nicht mehr. Aufgedeckt wird nichts mehr, denn sollten Indiskretionen veröffentlicht werden, kann der Journalist sicher sein, nie wieder auch nur die kleinsten Infos zu bekommen. Man möchte es sich mit den Mächtigen ja nicht verscherzen.

pago1
14
Wenn se eine journalismus in österreich gäbe

hätten schüssel haiider grasser strasser pröll usw. nicht alle ihre schweinereien abziehen können

Er, der über Floridsdorf wacht
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Journalismus heute...

Dem leidgeprüften Zeitungsleser ist längst klar, dass es einen Journalismus im klassischen Sinn (Tell the truth!) nicht mehr gibt. Die Journalisten sind zu Agitatoren geworden und schreiben nicht die Wahrheit, sondern die Meinung des Herausgebers/Chefredakteurs, oft auch mit vorauseilendem Gehorsam. Der Leser muss daher nicht nur mehrere und möglichst verschiedene Zeitungen konsumieren, sondern sollte auch deren Verbindungen zu Lobbies und Parteien kennen und die Texte danach filtern.
Im Kalten Krieg gab es einen interessanten Vergleich der russischen 'Pravda' mit 'L’Osservatore Romano', der die erstaunlichsten Parallelen aufzeigte: Nachrichten filtern, verändern, vertuschen und Tatsachen leugnen taten beide. Und heute? Così fan tutte...

Chocoholic
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Schon meine grossmutter wusste vor 40 jahren (und länger),

Dass ALLE tageszeitungen gelesen werden müssen plus einer Auswahl der internationalen Zeitungen der wichtigsten europäischen Länder (damals leichter, mit englsich und französisch und spanisch/italienisch), um sich halbwegs ein neutrales, politisches Bild machen kann... Heute wird alles, was im internet oder in dennMedien steht sofort für bare Münze genommen, politische Einstellung und persönliche Meinung der Mächtigen innerhalb der Strukturen auch der Medien ausgeschlossen, als ob es Automaten wären.

jesus mohamed von wien
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die wahrheit findet jeden tag auf der ganzen welt opfer

Bertel Mann
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"Parteien und Partei-Neugründer sollten Zeitungen lieber in Ruhe lassen"

Banken und Bankkonzerne auch.

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