Josefina Samper - eine außergewöhnliche Frau

1. Mai 2011, 17:23
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"Es gibt Menschen, die kämpfen einen Tag, und sie sind gut. Es gibt andere, die kämpfen ein Jahr und sind besser. Es gibt Menschen, die kämpfen viele Jahre und sind sehr gut. Aber es gibt Menschen, die kämpfen ihr Leben lang: Das sind die Unersetzlichen." (Bertolt Brecht)

Josefina Samper ist eine beeindruckende Person, wie sie da steht, alleine, schwach und doch so stark. Es war der erste Tag der Arbeit in Madrid ohne ihren geliebten Marcelino Camacho. Der Gründer der spanischen Gewerkschaft CCOO verstarb vergangenen Herbst. Zehntausende trugen damals den streitbaren Kommunisten, der Spanien geprägt hat wie wenige, zu Grabe. Josefina hielt eine Ansprache, tapfer, bewegt, den Tränen nahe.

Das war vor sechs Monaten. Trotz des Verlustes ihres "compañero" - wie sie Marcelino auch nach 62 Jahren Ehe nannte - ist sie da. Sie nimmt Umarmungen, Küsse und gereichte Hände entgegen und lächelt sogar wieder.

Warum ich das hier in meinem Nordafrika-Blog erzähle? Die Antwort ist einfach. Die Geschichte von Josefina und ihrem Marcelino begann im algerischen Oran. 1927 geboren siedelte Josefina mit ihren Eltern im Alter von nur fünf Jahren von Südspanien nach Oran über. Die Familie erhoffte sich in der damaligen französischen Kolonie eine bessere Zukunft. Doch die Heimat vergaß die Familie Samper und die kleine Josefina nie.

Mit nur zehn Jahren beteiligte sie sich an Kampagnen, um Neuankömmlingen aus Spanien zu helfen. General Francisco Franco - der ebenfalls in Nordafrika, in Spanisch- Marokko, stationiert war - hatte gegen die zweite Republik geputscht. Zu Hause tobte der Bürgerkrieg. Oran wurde zur Stadt des spanischen, republikanischen Exils. Nicht nur nördlich der Pyrenäen war Frankreich und damit Schutz vor den Faschisten, sondern auch im Süden, jenseits des Mittelmeeres.

Mit 14 Jahren schloss sich Josefina der Sozialistischen Jugend und kurz darauf der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE) an, der sie bis heute angehört. Marcelino Camacho - neun Jahre älter als Josefina - wurde nach Ende des Krieges 1939 zu zwölf Jahren Haft verurteilt. 1943 gelang ihm die Flucht aus einem Arbeitslager im spanischen Teil Marokkos über die Grenze ins algerische Oran. Die Kolonialmacht Frankreich gewährt ihm politisches Asyl. Josefina und Marcelino lernten sich kennen und lieben und heirateten schließlich.

1957 kehrte das Paar nach einer Amnestie mit ihren beiden Kindern ins faschistische Spanien zurück. Marcelino begann in Madrid als Fräser in einer Motorenfabrik. Schnell wurde er für seine kritische und kämpferische Haltung unter den Kollegen bekannt und beliebt. Sie wählten ihn bei den Betriebsratswahlen, die Ende 1957 unter Aufsicht der frankistischen Einheitsgewerkschaft stattfanden, fast einstimmig zu ihrem Vertreter. Die Idee zu einer Neuorganisierung der von Franco zerschlagenen Arbeiterbewegung war geboren. In immer mehr Fabriken kandidierten Kommunisten und Basischristen unter dem Deckmantel der frankistischen Einheitsgewerkschaften. Schnell wurden die neuentstandenen Arbeiterkommissionen (CCOO) überall im Lande bekannt.

Marcelino wurde immer wieder verhaftet und schließlich zu sechs Jahren Haft verurteil. Ein paar Monate nach dem dem Tod des Diktators 1975 wird er begnadigt. Bis 1987 steht er der nun legalen CCOO vor. Bei den ersten freien Wahlen 1977 zieht er als Abgeordneter PCE, dessen Zentralkomitee er angehörte, ins spanische Parlament ein.

In all den Jahren stand Josefina ihm zur Seite. Sie brachte Essen ins Gefängnis und strikte die typischen Pullover für die Camacho bekannt war, hielt den Kontakt mit den Genossen im Untergrund und brachte die Familie durch die harten Zeiten.

Ich traf Josefina zum ersten Mal, als ich ihren Mann 1996 interviewte. Kaffee und Selbstgebackenes gab es in der kleinen, bescheidenen Arbeiterwohnung in Madrider Stadtteil Carabanchel. Marcelino war damals bereits im Ruhestand. Zusammen mit Josefina hatte er sich als einfaches Basismitglied in die Rentnervereinigung seiner CCOO eingereiht. Die Beiden fehlten auf keiner Demonstration und auf keinem 1. Mai.

Jetzt geht Josefina diesen Weg als Witwe tapfer weiter. "Wir sind umgezogen, in die Nähe der Kinder", erklärt sie mir, als ich sie auf jenen Nachmittag im Wohnzimmer in Carabanchel anspreche - als wäre Marcelino noch immer mit ihr.

Wieder fällt mir ihr leichter, kaum wahrnehmbarer französischer Akzent auf. Oran hat Josefina nie vergessen. Noch immer hält sie Kontakt, auch wenn die Reise zurück mit ihren Kindern immer wieder aufgeschoben werden musste.

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    foto: reiner wandler
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