"Unterstützung? Gab es nicht."

29. April 2011, 20:17
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Obdachlos in Wien: Ioan Bucur aus Timisoara

Ein Autounfall hat Ioan Bucurs Leben aus dem Lot gebracht. Hat ihn vom Stahlbauarbeiter und Lkw-Fahrer in seiner rumänischen Heimat - samt Auslandsjobs am Bau in Israel - zum Obdachlosen in Wien gemacht.

"Nach dem Unfall haben sie mich ins Spital gebracht, doch mein rechtes Bein haben sie nicht hinbekommen", schildert der 34-Jährige. Also sei das Bein von einem rumänischen Arzt bis zum Knie amputiert worden: "Sie haben es mir abgeschnitten, aber auch das nicht richtig gemacht. Dann haben sie mich nach Hause geschickt. Soziale Unterstützung? Gab es nicht", sagt Bucur.

Damit sei mit dem Arbeiten Schluss gewesen: Mit dem unabgesicherten, anstrengenden Über-die-Runden-Kommen in Rumänien. Staatliche Hilfe, sagt Bucur, sei für Normalbürger in dem EU-Staat nach wie vor nur durch Beziehungen und nach Geldflüssen, vulgo Korruption, zu bekommen. Zwei Jahre habe ihn daheim in Timisoara ein Freund unterstützt, ihn bei sich in der Wohnung wohnen lassen. "Bis mir ein anderer Bekannter geraten hat, es doch in Wien zu probieren. Dort könne es für mich nur besser werden."

Zwei Monate unter freiem Himmel

So wurde aus Ioan Bucur, dem nach einem Unfall gehandicapten Arbeiter und Fahrer, Ioan Bucur, der Bewohner des Wien-Meidlinger Schedifkaplatzes. Zwei Wochen habe er dort im kühlen November 2008 mit weiteren Rumänen unter freiem Himmel ausgeharrt. Die anderen gingen frühmorgens auf den Arbeitsstrich an jene Wiener Orte, wo Schwarzarbeiter für einen Tag Beschäftigung finden. Er blieb über: das fehlende Bein.

Dann wies ihn ein Landsmann auf die Vinzirast hin, wo - unweit des Schedifkaplatzes - Obdachlose nachts ein Bett bekommen. "Ich hätte nie mit solcher Hilfsbereitschaft gerechnet", erzählt Bucur. Die Vinzirast-Mitarbeiter erkannten seine Lage, er erkannte seine Chance: Er konnte in ein Zimmer einziehen, kam als private Haushaltshilfe bei einer pflegebedürftigen Dame unter. Er wurde versichert: Rehabilitation und Operation am Beinstumpf rückten in den Bereich des Möglichen.

Die Operation steht jetzt kurz bevor: Für Ioan Bucur eine Weichenstellung, denn ohne Eingliederung ins österreichische Sozialsystem gäbe es für ihn keinen Ausweg aus dem Elend. (Irene Brickner, DER STANDARD; Printausgabe, 30.4./1.5.2011)

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