Masouds Mathematikkurs beim Software-Multi

29. April 2011, 19:41
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Das Asylrecht wird härter, die Alltagsprobleme von Flüchtlingen bleiben bestehen - Schwierigkeiten minderjähriger Asylwerber in der Schule etwa

Wien - 778 Euro auf dem Lohnzettel sind keine 778 Euro bar in der Hand. Diesem traurigen Umstand geht Masoud (17) aus Afghanistan gerade mathematisch auf den Grund. "Der Bruttolohn ist der Nettolohn plus Tara. Tara, das sind 20 Prozent", doziert Josef Trojan, Mathematiknachhilfelehrer, vorn an der Wand, auf die das Rechenbeispiel projiziert wird.

Masoud tippt konzentriert auf seinem Rechner herum, dann wird sein Gesicht etwas länger: "Das sind ja nur 622,40 Euro netto!" Mathematikbeispiel richtig gelöst - "und dieses Beispiel ist auch für euch persönlich wichtig, wenn ihr einmal einen Job suchen werdet", bemerkt Trojan vor den sieben Burschen im glasverschalten Besprechungsraum des Softwareherstellers Oracle Austria mit fulminanter Aussicht auf die Wiener Uno-City.

Hier, im 16. Stock eines Floridsdorfer Businesstowers, lassen Trojan und vier Kollegen einmal pro Woche ihre berufliche Rolle beiseite. Statt sich wie sonst um Geschäftsabschlüsse ihres Brötchengebers Oracle zu bemühen, widmen sie sich dem logischen Denken Masouds, Tareks, Johns (Namen allesamt geändert, Anm.) und anderen jungen Männern zwischen 15 und 22 Jahren.

Diesen ist gemeinsam: Sie leben noch nicht lange in Österreich und sind allein, unbegleitet, als Flüchtlinge hierhergekommen - manche als Analphabeten, weil sie in Afghanistan, Irak, Nigeria oder Somalia die Schule nicht besuchen durften oder konnten.

Deutsch und Mathematik als Krisenfächer

Jetzt mühen sie sich allesamt mit dem Hauptschulabschluss ab, den sie als über 15-Jährige nicht im Regelschulwesen, sondern im Rahmen eigener Kurse schaffen müssen. Neben Deutsch ist Mathematik das krisenträchtigste Fach: "Ein wirkliches Problem, denn es ist unmöglich, in dem Kurs alle Wissensdefizite aufzuholen", erläutert Veronika Krainz, Gründerin von Lobby 16: Das ist eine NGO, die sich um Bildung, Arbeit und Alltag unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge kümmert und dabei von der Industriellenvereinigung, der Erste Group, T-Mobile, der Wiener Privatbank SE sowie dem Datenmanagement Juillot unterstützt wird.

Oracle habe sich aus eigenem Antrieb bei ihr gemeldet, schildert Krainz, viele weitere derartige Initiativen seien aber noch nötig. "Wir sind im Rahmen unseres firmeninternen Corporate Social Leadership-Programms auf die Idee gekommen", schildert Günther Göschl aus der Oracle-Geschäftsführung. Das Engagement für Flüchtlinge sei für ein "multinationales Unternehmen, wie wir eins sind, eine Selbstverständlichkeit", sagt er. In Österreich gebe es diesbezüglich ohnehin "viel nachzudenken und zu tun."

"Job-Shadowing"

Etwa über Berufsaussichten für jene 934 Asylwerber, die zum Beispiel im Jahr 2010 angaben, jünger als 18 Jahre zu sein. Wie alle Asylwerber stehen sie de facto unter Arbeitsverbot - "in einem zukunftsbestimmenden Lebensabschnitt", kritisiert Krainz. Auch Lehre oder Praktika sind untersagt. "Nach zähen Verhandlungen mit dem Arbeitsmarktservice ist gelungen, die Bewilligung für sogenanntes Job-Shadowing zu bekommen: drei Monate in einer Firma unbezahlt, aber unfallversichert Arbeitenden über die Schulter schauen."(Irene Brickner, DER STANDARD; Printausgabe, 30.4./1.5.2011)

  • Einmal pro Woche Mathematiknachhilfe im Floridsdorfer Businesstower: für die jugendlichen Flüchtlinge hilfreich, für die Oracle-Mitarbeiter wichtiges Sozialengagement.
    foto: standard/andy urban

    Einmal pro Woche Mathematiknachhilfe im Floridsdorfer Businesstower: für die jugendlichen Flüchtlinge hilfreich, für die Oracle-Mitarbeiter wichtiges Sozialengagement.

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