Kleines Land, von Ausländern reich gemacht

29. April 2011, 19:32
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Mit der radikalen Öffnung des Arbeitsmarktes, Anreizen für Finanzindustrie und Dienstleister, reagierte Luxemburg auf die Krise der Stahlindustrie

Luxemburg - Es ist eine großartige Stadt: vielfältig, kreativ, teuer, aber reich, wenn auch mit großen sozialen Unterschieden, ein Anziehungspunkt für Auswanderer, Glücks- und Arbeitssuchende aus praktisch allen Ländern der Welt.

So kennt man New York. Dort gibt es fast so viele Nichtamerikaner wie Menschen, die in den USA geboren sind. Das macht die Stadt einzigartig. Sie hat die größte Börse der Welt, eine riesige Finanzindustrie und die Uno.

In Europa gibt es keine vergleichbare Stadt. London vielleicht. Paris pulsiert, aber der Ausländeranteil liegt bei gerade 15 Prozent. Nur eine europäische Stadt gibt es, die sich in ihrer Dynamik, Offenheit für Neues und für Fremde in nur drei Jahrzehnten ähnlich rasant verändert hat: Luxemburg.

Die Hauptstadt des gleichnamigen Großherzogtums mit 502.000 Einwohnern (vor dreißig Jahren waren es 350.000) wirkt auf den ersten Blick geradezu putzig, in der Nacht ruhig wie ein Kurort. "D'Stadt", wie die Einheimischen sagen, hat praktisch keine Hochhäuser. Die gibt es nur auf dem Kirchberg hoch über der Altstadt, wo wichtige EU-Institutionen wie der Europäische Gerichtshof oder der EU-Rechnungshof sind, wo sich Banken und Finanzdienstleister in großer Zahl niedergelassen haben. 8000 Menschen arbeiten in den EU-Institutionen.

Taucht man aber tagsüber ins Alltagsleben der Hauptstadt ein, tut sich ein kosmopolitisches Gewurl auf, das an ein kleines Manhattan erinnert. Es hat Luxemburg zum relativ wohlhabendsten Mitglied der Europäischen Union gemacht, mit Abstand.

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt mehr als das Doppelte des EU-Durchschnitts. Der gesetzliche Mindestlohn für Angestellte über 18 beträgt beachtliche 1720 Euro. Vor der Finanzkrise 2008 erwirtschaftete die Regierung in großer Regelmäßigkeit Budgetüberschüsse. Die Gesamtverschuldung des Staates liegt mit nur 15 Prozent des BIPs weit unter jener anderer EU-Staaten (Österreich: 80 Prozent). Wie wurde das möglich in einem Zwergstaat, eingeklemmt zwischen Belgien, Deutschland und Frankreich? Wie hat Luxemburg, das nach dem Krieg wie die angrenzenden Regionen auch einen Großteil seines Reichtums der Eisen- und Stahlindustrie verdankte, den Umschwung geschafft, während die angrenzenden Saarland, Wallonie und Nord-Lothringen in die Krise schlitterten?

Voll auf Öffnung

Indem man voll auf Öffnung nach außen setzte, auf die europäische Karte statt auf die nationale, erklärt ein Mitarbeiter der Regierung. Und auf Steuererleichterungen für eine boomende Finanzindustrie. 93.000 Einwohner hat Luxemburg Stadt, aber nur etwas mehr als ein Drittel sind "echte" Luxemburger. Der Ausländeranteil von Menschen aus 153 Nationen beträgt in der Hauptstadt rund 64 Prozent, so viel wie nirgendwo in Europa. Im ganzen Land liegt er immerhin noch bei 44 Prozent.

Dazu kommen, für die Wertschöpfung entscheidend, etwa 140.000 Einpendler aus den nur wenige dutzend Kilometer entfernten Nachbarländern, die täglich zur Arbeit nach Luxemburg fahren. Sie besetzen fast die Hälfte aller Arbeitsplätze. Ihr Hauptproblem ist - wenig überraschend - nicht Fremdenfeindlichkeit, die es in dem dreisprachigen Land (Deutsch, Französisch und Luxemburgisch sind Amtssprachen) kaum gibt, sondern der tägliche Megastau auf den Zufahrtswegen.

Luxemburg war einer der Antreiber der offenen Grenzen in Europa. Das EU-Abkommen dazu trägt den Namen des Dorfes Schengen an der Grenze zu Frankreich, wo es unterzeichnet wurde.

Ähnlich verhielt sich die Regierung, traditionell großkoalitionär und auf sozialen Ausgleich bedacht, beim Zugang zum Arbeitsmarkt: Sie setzt große Summen für Bildung und Ausbildung ein. Bedenken wie derzeit in Österreich gegenüber den osteuropäischen Arbeitnehmern spielten in der jüngeren Geschichte selten eine Rolle. Als Portugal und Spanien 1986 der EU beitraten, verzichtete man auf jegliche Restriktionen.

So kam es, dass die größte Gruppe von Ausländern Portugiesen sind, mit einem Bevölkerungsanteil von 15 Prozent, dann kommen Franzosen, Italiener, Belgier. Die Portugiesen lösten die Welle der Italiener ab, die nach dem Krieg dominierten, wie Antonio Correa Marques erzählt. Er betreibt das Restaurant "Chez Bacano". Dort werden seit 35 Jahren die wohl besten gegrillten Garnelen mit Knoblauch von Mitteleuropa aufgetischt. Das einfache Lokal ist jeden Tag gerammelt voll - hörbar mit Gästen aus aller Welt.(Thomas Mayer, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.4.2011)

  • Typisch Luxemburg: Mit einem Durchschnittsalter von 38 Jahren ist die Bevölkerung im EU-Vergleich relativ jung. Zugewanderte Portugiesen stellen fast 15 Prozent der Gesamtbevölkerung.
    foto: standard/lobo

    Typisch Luxemburg: Mit einem Durchschnittsalter von 38 Jahren ist die Bevölkerung im EU-Vergleich relativ jung. Zugewanderte Portugiesen stellen fast 15 Prozent der Gesamtbevölkerung.

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