Im Stauraum des Lebens

29. April 2011, 19:13
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Immer mehr Menschen lagern immer mehr Sachen in immer mehr Selbstlagerzentren - aus unterschiedlichen Gründen. Eine Reportage aus dem Stauraum der Gesellschaft.

"Heute erfülle ich mir meine Sehnsüchte!", sagt Doris Neger, macht eine kleine Pause und fügt hinzu: "Kompromisslos!" Die resolute Person mit den kurzen schwarzen Haaren steht zwischen aufgestapelten Umzugskartons, und so, wie sie das sagt, klingt das auch glaubwürdig. Dass es zur Erfüllung der Sehnsüchte ausgerechnet zwei kleine Lagerräume über dem Gaudenzdorfer Gürtel an der Grenze zwischen dem 5. und 12. Wiener Gemeindebezirk gebraucht hat, hätte Doris Neger selbst bis vor kurzem nicht gedacht.

Seit knapp einem Jahr lagert die 42-Jährige hier ihren Hausrat: zwei Fahrräder, "eine Spezialanfertigung aus der Schweiz und ein altes, mit dem die Großmutter 40 Jahre zur Arbeit gefahren ist", zahlreiche Kisten und Kartons mit Schuhen und Geschirr, Regale mit Büchern, eine Kleiderstange, auf der ihre einstige Abendgarderobe in Kleidersäcken fein säuberlich verstaut ist. "Mehr ist davon nicht übriggeblieben!", sagt Doris Neger und meint mit "davon" ein früheres Leben, dessen Teile hier auf rund zwei mal fünf Quadratmetern einen Großteil der Zeit weggesperrt sind.

Aber unglücklich schaut die Frau nicht aus. Im Gegenteil: Sie wirkt befreit. Wenn sie heute in Wien ist, schläft sie entweder im Hotel oder bei Freunden auf dem Sofa, erzählt sie, schaut vom fünften Obergeschoß hinunter auf den befahrenen Gürtel und öffnet mit einem Nummerncode die blaue Tür ihres zweiten Abteils - immerhin: "Dieser Platz hier hat mir die Möglichkeit gegeben, das alles durchzuziehen!"

My Place heißt das österreichische Unternehmen, das mit seinen 32 Selfstorage-Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mittlerweile Marktführer im deutschen Sprachraum ist. "Die Wachstumsrate bewegt sich auch bei uns im gut zweistelligen Bereich", sagt Martin Gerhardus, geschäftsführender Gesellschafter. "Auch bei uns" heißt so viel wie: auch hier in Europa, im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, wo Selfstorage eigentlich herkommt und mit knapp 45.000 Standorten heute ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor ist.

Der Mann im Tweed-Sakko und mit der runden Brille wirkt, wenn er über die Ideen zur Firmengründung 1999 oder über die Entwicklungen der vergangenen 13 Jahre spricht, weniger wie ein Manager denn wie ein Soziologieprofessor: "So groß wie in den USA wird dieses Phänomen bei uns nie werden", ist Gerhardus überzeugt. Aber auch hier in Europa hat sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahren stark verändert - und den Selbstlagerzentren ein neues Potenzial verschafft.

"Wir lösen hier Probleme für Menschen", sagt der Mann ohne Überheblichkeit, egal ob für Privatkunden, die etwa zwei Drittel ausmachen, oder auch Gewerbekunden, wie Vertreter aus der Pharma- oder Kaffeebranche, Möbelhändler, Galeristen, Ebay-Verkäufer oder Menschen, die auf Christkindl-Märkten ihr Geld verdienen. Die Büroräumlichkeiten in der Wiener My-Place-Filiale Wattgasse sind wahrscheinlich ähnlich schmucklos wie die restlichen knapp 35.000 Selbstlager-Abteile (zwischen einem und 80 m2 groß), die sein Unternehmen heute vermietet. Aber sie sind unendlich praktisch. Alles ist auf Kundenbedürfnisse zugeschnitten. Darum geht es hier. Dass es mittlerweile draußen leicht nieselt, ist kein Problem, alle Zufahrten sind stets überdacht. Rollwagen stehen zur Verfügung, in jedes Stockwerk führt ein großer Aufzug. Alles ist gut beleuchtet, bestens klimatisiert, gepflegt, videoüberwacht, und aus Lautsprechern rieselt unauffälliger Kuschel-Pop.

Rudolf Berger kommt sicher ein-, zweimal pro Woche an den Gaudenzdorfer Gürtel. Mit seinem Auto, denn Kundenparkplätze stehen reichlich zur Verfügung. Auch die Öffnungszeiten täglich zwischen 6 und 22 Uhr sind kundenfreundlich, für Nachtarbeiter wie etwa DJs gibt es Ausnahmen. Der ehemalige Volksopern-Direktor ist trotzdem ein spezieller Kunde. In seinem Container-Reich befinden sich weder alte Skier oder Schlitten noch Schallplatten, stehen keine ausrangierten Kinderwagen, Wickelkommoden oder ungeliebte Ölschinken herum, die keiner mehr an der Wohnungswand hängen haben will. Hinter der Abteilnummer 4193 lagern ausschließlich Bücher. Nach einem Wohnungsumzug kam für Berger der Punkt, an dem er einsehen musste: Es geht nicht mehr!

Heute hat der Bücherfreund und Kulturmanager nur noch rund 500 Bücher zu Hause, rund 5000 Exemplare stehen in 22 Billy-Regalen hier im Selfstorage. "Billy-Regale aufbauen kann ich im Schlaf!", lacht der Mann mit den weißen Haaren, und das ist auch gut so. Denn rund 25 Bücher kommen pro Monat dazu. Mithilfe von Regalnummern und einem Archivierungsprogramm am Computer lassen sich die Bücher, die er braucht, schnell herausfischen.

Berger zählt zu jenen 25 Prozent aller Österreicher, die sagen: Ich habe zu wenig Platz! Dass dem so ist, weiß etwa Martin Gerhardus sehr genau. In den vergangenen 13 Jahren haben das Unternehmen und seine Mitarbeiter viele Erfahrungen mit Kunden gesammelt. Grundlegend, sagt er, gibt es drei Bedürfnistypen: diejenigen, denen ein Keller- oder Dachbodenabteil fehlt und damit Stauraum. Nicht selten sind hierzulande die Keller schmutzig, feucht oder gar nicht vermietet, die Dachböden darüber schon ausgebaut, und das eigene Elternhaus ist als Depot in einem anderen Bundesland oder aufgrund der voranschreitenden Globalisierung überhaupt weiter weg. Der zweite Kundentypus wiederum braucht bloß ein kurzfristiges Zwischenlager, wegen eines Umzugs, einer Wohnungsrenovierung oder eines "Notfalls", sprich: Menschen trennen sich, jemand stirbt, oder es droht eine Delogierung. Längerfristige Lösungen suchen Kunden, die, meist aus beruflichen Gründen, für längere Zeit ins Ausland ziehen oder ihre Wohnung wegen Zusammenzug, Heirat oder eines Umzugs ins Altersheim auflösen müssen, aber den Besitz nicht gleich veräußern wollen.

Miranda Loibl zum Beispiel hätte schon vor Jahren gerne von der Möglichkeit gewusst, Dinge unkompliziert unterzubringen. Dann hätte sie die Erbschaft ihrer Großmutter nicht viel zu schnell und viel zu billig verkauft. Heute tut ihr das leid. In ihrem großzügig gewählten Selfstorage-Depot lagert jetzt nur noch ein einziger Teppich der Großmutter, den sie sich behalten hat und der hier auf seine Reparatur wartet. Schuld daran, dass sie heute zusätzlich zu ihrer Altbauwohnung einen Stauraum anmietet, ist ihre Schwester, die mittlerweile seit 15 Jahren in Südafrika lebt und nie genau weiß, ob und wann sie nach Österreich zurückkehren wird. Sie hat die Wohnung ihrer Schwester zunehmend als Zwischenlager missbraucht. Bis die eines Tages nicht mehr wollte.

Hinter der blitzblauen Abteiltüre mit der Nummer 4152 verbergen sich also gleich zwei Kundentypen. Seit zwei Jahren teilen sich die Schwestern die rund 150 Euro Kosten pro Monat, und beide sind zufrieden. Hier lagert jetzt neben dem Hausrat der Schwester eine alte Waschmaschine, die wahrscheinlich in zwei, drei Jahren in einer Studenten-WG zum Einsatz kommt, wenn Loibls Kinder (derzeit 15 und 17) dann aus dem Haus sind, genauso wie ein alter Couchtisch und ein Barhocker. Hier lagern auch noch immer die Kindersachen, Spielzeug und Kleider, alles fein säuberlich in Kartons verstaut, bis sie vielleicht irgendwann wieder Verwendung finden. Wer weiß?

Spiegel der Gesellschaft

Die 46-jährige Angestellte im Businesskostüm und mit dem adretten Pagenkopf ist froh, sich die eigene Wohnung nicht zusehends zuzumüllen. Die Scheidung von ihrem Mann war nicht der Grund, sich hier einzumieten, sagt Loibl, aber sie kennt auch geschiedene Paare, die sich Stauraum mieten, damit jeder abwechselnd und unkompliziert auf die Freizeit- und Sportartikel der Kinder Zugriff hat. "Alles", stöhnt sie "wird immer mehr, aber wegschmeißen will ich auch nicht alles!" Loibl ist um einen Mittelweg bemüht: Nicht so werden wie die Nachkriegsgeneration, die gar nichts wegschmeißen konnte, aber auch nicht ununterbrochen eine Wegwerfgesellschaft bedienen, wie sie in den USA noch verbreiteter ist als hierzulande.

Dort schießen neben den großen Shoppingmalls auch die großen Selbstlagerhallen aus dem Boden. Damit man gleich Bescheid weiß, wo früher oder später vieles landet. "Kulturalisierung und Stilisierung der Lebensführung" nennt Carmen Keckeis diesen einen Aspekt des Phänomens Selfstorage im Wissenschaftsjargon. Soll heißen: Heute wird die eigene Identität zunehmend durch den Konsum und den Besitz von Gütern gefestigt.

Keckeis studiert Soziologie an der Universität Wien und hat gerade eine Diplomarbeit zum Thema verfasst. Auf der Basis zahlreicher Interviews mit Kunden, Angestellten und auch Sozialarbeitern hat sie "den Bedarf an Stauraum anhand der dynamischen Wechselwirkung Individuen - Räume - Objekte" untersucht. Selfstorage ist mittlerweile nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern in der Gesellschaft so verbreitet, dass sich die Forschung dafür interessiert. Keckeis hat hinter den steril wirkenden Containertüren Mikrokosmen erforscht, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und empirisch erhoben, was wir ohnehin längst ahnen: dass eine Vielfalt neuer Familien- und Haushaltsformen entstanden ist und die Gesellschaft heute steigende Mobilitätsanforderungen an ihre Individuen stellt.

Ein Rundgang durch ein Selfstorage-Unternehmen eröffnet Einblicke in aktuelle soziologische Entwicklungen. Das Innenleben dieser nüchternen, 2,60 Meter hohen Containerabteile wirkt dabei wie ein Spiegel der Gesellschaft - oder zumindest ihrer Hinterbühne mit ihren ganz unterschiedlichen Protagonisten: ein Pensionist, der sich mitten in der Stadt mit einem Werkzeugschuppen seinen Jugendtraum erfüllt hat; eine Mutter, die das Kinderzimmer ihrer studierenden Tochter ausgelagert hat, um mehr Platz für sich und ihre Selbstverwirklichung zu haben; eine Studentin, die für ein Jahr im Ausland studiert, ihre Wohnung vermietet, aber alles Private hier einlagert; ein ÖBBler, der hierher kommt, um an den Wochenenden mit seiner Modelleisenbahn zu spielen; oder auch ein Wohnungsloser, der auf kleinstem Raum lagert, was er noch besitzt und was er als "letztes Stückchen Normalität" sieht, für das er gerne einen Teil seiner Sozialhilfe investiert. Die kleinsten Abteile sind ab 28 Euro zuzüglich Nebenkosten zu haben.

Bis Ende des Jahres werden drei neue Filialen (Wien, Berlin und Hamburg) fertiggestellt und eröffnet sein. Für ein Unternehmen wie My Place ist es aber nicht nur eine Herausforderung, den richtigen Standort zu finden, sondern den Standort mit den richtigen Mitarbeitern zu besetzen. Denn der Job erfordert Menschenkenntnis und Feingefühl. Viele, die hier landen, stehen unter Druck. "Langweilig war mir noch keinen Tag", sagt Doris Saurer, eine quirlige Frau im Minirock, während ihre Stöckelschuhe auf dem Betonboden des langen Containergangs klappern. Sie ist seit dem ersten Tag Mitarbeiterin der Filiale Wattgasse und so etwas wie die Hausherrin hier im 16. Bezirk.

Keine Frage, dass keine Lebensmittel, Waffen oder Lebewesen, egal welcher Art, gelagert werden dürfen, wie eine Wandtafel penibel aufzählt. Probleme gibt es kaum, sagt Saurer. Vielleicht, dass jemand einmal beim Räumen altes Zeugs stehen lässt. Eingebrochen wurde bisher nur einmal, aber wie gesagt, My Place kümmert sich, wenn jemand das möchte, auch um die Versicherung. Saurer hat den Überblick, nicht nur über Preiskonditionen, Kündigungsfristen und Langzeitrabatte, sondern auch über ein Panoptikum an Kunden und deren Marotten. Was sie hier gelernt hat? "Nicht zu urteilen", sagt sie. Viele kommen auf einen Tratsch ins Büro, das bedeutet auch manchmal Psychobetreuung: "Zu sehr reinkippen darf man da nicht!"

Auch Doris Neger hätte einige Geschichten zu erzählen, wie es schlussendlich zu den beiden Abteilen am Gaudenzdorfer Gürtel kam. Nur so viel: Die Frau war bereits mit 35 Jahren Vorstandsvorsitzende einer österreichischen Aktiengesellschaft. Sie erzählt von Geldsummen, die ihr geboten wurden, und lacht kurz auf, weil der Lobbyismus in Österreich gerade in die Schlagzeilen geraten ist. Hinter ihr liegt aber ein Job, der so war, dass sie die große Wohnung, ihr Geld oder ein Privatleben gar nicht genießen konnte. Ein Gerichtsverfahren hat ihr klargemacht, Prioritäten infrage zu stellen, ihr Leben von Grund auf zu verändern. "Immer mehr, mehr, mehr, das konnte es nicht sein!" Im Gegensatz zu anderen hat sie aber auch Konsequenzen aus ihrem Überdruss gezogen.

Der Übergang in ein anderes Leben hat gedauert. Sie war zwei Jahre in Dänemark. Aber anstatt dort ein Unternehmen aufzubauen, musste sie einen Konkurs abwickeln, weil in Island die Banken crashten. Von dem Geld der vielen Umzüge der letzten Jahre hätte sie sich ein kleines Haus kaufen können, sagt sie, aber auch das braucht sie heute nicht mehr. "Sich zu reduzieren ist schwer", sagt sie mit einem Blick in ihr zweites Lagerabteil. Aber sie will weiter Ballast abwerfen.

Vor genau einem Jahr landete sie bei My Place. Und seither macht sie endlich das, was sie schon immer wollte: sich die Welt anschauen - und das mit einem neuen, ungewöhnlichen Job. Doris Neger hat, wie sie sagt, "auf dem schönsten Großsegler der Welt" angeheuert und betreut die 90 Gäste an Bord, dafür hat sie überschaubare 45 Mitarbeiter unter sich. Im April geht es wieder los, vier Monate von London auf die Kanarischen Inseln. Die beiden Abteile hat sie jetzt erst einmal fix für ein Jahr gebucht. Dann schaut sie weiter. "Diese Lagerabteile sind meine letzte Verbindung zu Österreich", sagt sie und schließt die blaue Containertüre, ähnlich blau wie das Meer in der Karibik. (Mia Eidlhuber, DER STANDARD; Printausgabe, 30.4./1.5.2011)

  • Hinter den blauen, steril wirkenden Containertüren verbergen sich Dinge aus ganz unterschiedlichen sozialen Mikrokosmen.
    foto: heribert corn

    Hinter den blauen, steril wirkenden Containertüren verbergen sich Dinge aus ganz unterschiedlichen sozialen Mikrokosmen.

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