Geistiger Koitus

29. April 2011, 18:44
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Carl Djerassi thematisiert in seinem Theaterstück "Vorspiel" spezifische Entwicklungen der Sexualität in besonderen gesellschaftlichen Situationen

Nach der Stammeskultur der Naturwissenschafter, die Carl Djerassi in seinen Kurzgeschichten, Romanen und Theaterstücken zur Darstellung gebracht und damit dem Laienpublikum enthüllt hat, scheint der Erfinder der Pille es nun auf die Geisteswissenschaften abgesehen zu haben.

Und siehe da: So unterschiedlich scheint es hier gar nicht zuzugehen. In seinem letzten Buch, "Vier Juden auf dem Parnass" (2008), einem "Gespräch" zwischen Theodor Adorno, Walter Benjamin, dem Religionshistoriker Gershom Scholem und, etwas außer der Reihe, Arnold Schönberg, ist der Ruhm - in Form dauernder Kanonisierung - genauso signifikant wie in der Wissenschaftsgeschichte.

Und auch im vorliegenden Stück, in dem Gretel und Theodor Adorno, Walter Benjamin und eine sehr selbstbewusste Hannah Arendt die Hauptrollen spielen, geht es um Eifersucht, um Frauen, die die Leistungen ihrer Männer erst möglich machen, und um öffentliche Anerkennung. Im Unterschied zum Dokudrama "Vier Juden ist Vorspiel" nicht nur eminent lesbar - die Lektüre von Theaterstücken erinnert viele an die Schule, ist aber hier eine radikal andere Erfahrung -, sondern wird auch gut aufgeführt werden können.

Das mag auch mit der Dominanz des Themas Sexualität in diesem Stück zu tun haben. Das Vorspiel ist die Grundmetapher des Texts und erweist sich überraschenderweise als Hauptakt. Die Manifeste aufgeklärter Sexualität forderten - vorgeblich im Interesse der Frau - ein genügend langes Vorspiel, bis der Mann sich dem "eigentlichen" Spiel widmen durfte, das häufig allzu kurz zu sein drohte. Es ist nur logisch, dass sich mit der Emanzipation der Frauen auch das Vorspiel emanzipieren musste.

Der Erforscher des Patriarchats, Ernest Bornemann, verließ uns mit der Erkenntnis, dass hierzulande zu wenig koitiert werde und damit ein Verlust an sexueller Erfüllung und auch Erkenntnis einherginge. Im Vorspiel dagegen scheint der fehlende Koitus geradezu die Voraussetzung für sexuelle Raffinesse zu sein. Wie selbstverständlich stimmen Gretel und Theodor Adorno darin überein, dass ein "geistiger Koitus per definitionem ... nun einmal intimer als ein körperlicher" sei. Schwieriger wird die Situation allerdings für den erotomanischen Adorno, als seine auf Rache sinnende Gretel ("eine gedemütigte Frau ist ein gefährlicher Gegner") ihm über ihren "epistolarischen Sex" mit Walter Benjamin, eine Art Erotikchat per Briefträger, Mitteilung macht.

Dieser lief über die pornografische Bibliothek Benjamins, die Gretel katalogisieren soll. Höhepunkt der hier genannten Praktiken ist wohl die Agalmatophilie, die sexuelle Vorliebe für Statuen, "vor allem solche mit abnehmbarem Penis" (und entsprechender Nutzung). Dagegen nimmt sich die mit Blick auf Adorno postulierte Wirkung, die "die Bereitschaft eines Professors, Ehebruch zu begehen, auf Studentinnen hat", fast schon harmlos aus. Zentrum der dramatischen Klitterung von sorgsam recherchierter dokumentarischer Evidenz und fiktiven Annahmen ist die in der internationalen Benjaminologie bis heute herumgeisternde Tasche, in der Benjamin ihm sehr wichtige Dokumente oder Manuskripte aufbewahrt hatte, und die ihm bei der Flucht abhandengekommen sei.

Insinuierte Djerassi in den "Vier Juden" noch, es habe sich bei dem Inhalt um Untersuchungen zur Pornografie gehandelt, so sind es im Vorspiel u. a. sexuell explizite und hoch peinliche Briefe Gretel Adornos an Benjamin, die von einer mysteriösen Studentin mit dem Kürzel "X" gefunden werden und deren Publikation die Stellung Benjamins im Kanon der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts nachhaltig zu gefährden drohen.

Doktorandin "X", eine von Adorno im buchstäblichen Sinn misshandelte und danach ignorierte Studierende, zwingt damit das in Benjamin verliebte, aber ansonsten untereinander feindselig eingestellte Trio Gretel und Theodor Adorno sowie Hannah Arendt in ein Boot, wo sie über ihre Situation nachdenken müssen. Dabei fasziniert vor allem die Kraft, mit der Dinge, die in den 1920er- und 1930er-Jahren passiert sind, in die späten 60er-Jahren, der Periode, in der das Stück (mit Rückblendungen) spielt, hineinwirken. Benjamins postulierte "Immunität gegenüber der Zeit" von "künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen gleichermaßen" findet in den Beziehungen der handelnden Personen ihren Ausdruck.

Das sprachlich scharfsinnige und gleichzeitig explizite Stück, das an die Übersetzerin große Ansprüche stellte, die souverän bewältigt wurden, lebt zwar von der Sexualität, erschöpft sich jedoch - einem dauernden Vorspiel angemessen - nicht darin. Die These von Doktorandin X, dass sich Benjamin zum Ende seines Lebens "mit dem Thema der Pornographie im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit zu beschäftigen begann", führt unmittelbar zu den sexuellen Praktiken unserer Tage. Im Stück ist es Hannah Arendts Aufgabe, diese Entwicklungen einzuordnen, möglicherweise aufgrund ihrer widersprüchlichen Beziehung zu Martin Heidegger, der irgendwo hinter der Bühne steht. Er hat ihr zunächst den "Laufpass" gegeben, nur um sie später in einer "Umkehrung der Machtverhältnisse" anerkennen zu müssen. Der Zusammenhang von Sexualität und Macht ist seit langem Gemeinplatz, hier geht es jedoch um spezifische Entwicklungen in der Sexualität in besonderen gesellschaftlichen Situationen.

Mit ihrem Wort vom "ultimativen Vorspiel" charakterisiert Arendt (und das Stück) prägnant sexuelle Phänomene, deren kulturelle Signifikanz wir noch nicht einmal im Ansatz verstehen. Dabei wird die Frage, "wo die Grenze zwischen Erotika und Pornographie liegt", durch das Stück irrelevant, denn diese Grenze erweist sich als abgeschafft.

Solche kulturhistorischen Spekulationen legen nahe, dass der Text höchstwahrscheinlich nur ein Vorspiel zu weiteren literarischen Explorationen der Entwicklung von Sexualität ist, die der Autor als Naturwissenschafter nicht bloß entscheidend beeinflusst hat, sondern nun auch literarisch einer kulturellen Analyse zuführt. (Walter Grünzweig, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 30. April/1. Mai 2011)

Carl Djerassi, "Vorspiel." Theaterstück. Aus dem Amerikanischen von Ursula- Maria Mössner. € 16,90 / 104 Seiten. Haymon, Innsbruck 2011

Hinweise:

  • Am 4. Mai um 19.00 Uhr werden "Vier Juden auf dem Parnass" und "Vorspiel" im Wiener Literaturhaus als dialogische Lesung vorgestellt. Eine Veranstaltung mit Carl Djerassi und der Regisseurin und Schauspielerin Isabella Gregor.
  • Am 11. Mai findet die offizielle Buchpräsentation von "Vorspiel" um 18. 30 Uhr in der Albertina, (1., Augustinerstraße 1) statt. Diskussion mit Carl Djerassi, Konrad Paul Liessmann. Moderation:STANDARD -Kulturressortleiterin Andrea Schurian.
  • Am 18. Mai um 19.30 Uhr referiert Djerassi bei der "Mittwochabend-Gesellschaft" der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (Salzgries 16, A-1010) über "Ist Autopsychoanalyse immer Automythologie? "
  • Ein "Vorspiel" und Pornografie im Zeitalter der technischen 
Reproduzierbarkeit: Carl Djerassi.
    foto: heribert corn

    Ein "Vorspiel" und Pornografie im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit: Carl Djerassi.

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