Der Reisebus als Geldtransporter

29. April 2011, 18:42
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Nach einem Einbruch in der Krise nehmen Überweisungen von Migranten in ihre Heimat wieder zu. Viele Staaten wären ohne dieses Geld längst pleite

Die Reisebusse die tagtäglich vom Bahnhof Erdberg in Wien Richtung Kiew, Sofia und Bukarest aufbrechen, sind auch Geldtransporter in die Heimat. 780 Millionen Euro haben Migranten laut Weltbank im vergangenen Jahr von Österreich aus in ihre Heimatländer zurück überwiesen. Weltweit waren es sogar 300 Milliarden, was ziemlich exakt Österreichs Wirtschaftsleistung entspricht.

Aber nicht nur die Summen, die bewegt werden, sind bemerkenswert. Die Wege des Geldes sind es ebenfalls. Nur die Hälfte der Zahlungen wird nämlich über Banken in die Heimat geschickt. Der Rest reist im Reisekoffer, in der Jackentasche und im Kuvert oder direkt mit dem Busfahrer.

Zu diesem Schluss kommt ein Bericht der Frankfurt School of Finance and Management, die im Auftrag der Oesterreichischen Entwicklungsbank die Geldtransfers österreichischer Immigranten in ihre Heimatländer, allen voran nach Bosnien, Albanien und in den Kosovo, analysiert haben.

Pro Familie werden im Schnitt 100 bis 300 Euro von Österreich aus transferiert. Dass viele dabei keine Banküberweisungen oder Western Union nutzen, liegt an den hohen Kosten für die Überweisungen. Dabei gibt es aber bemerkenswerte Unterschiede. Während Kosovaren öfter auf offizielle Kanäle zurückgreifen, schicken die Moldawier ihre "Überweisungen" fast nur mit dem Bus. Die Ursache dafür liegt in den schweren Lebensbedingungen der Moldawier in Österreich. Viele leben illegal im Land, haben also wenig andere Optionen.

Effekte der Zahlungen

In ihrer Studie hat sich die School of Finance and Management aber nicht nur die Wege des Geldes angesehen, sondern auch den wirtschaftlichen Effekt der Zahlungen in Osteuropa analysiert. Auf dem Papier ist die Sache klar: Die Region zählt neben Asien, Afrika und der Karibik nach wie vor zu den größten Nettoempfängern von Zahlungen. In Staaten wie der Republik Moldau und Tadschikistan machen Überweisungen mehr als ein Fünftel der Wirtschaftsleistung aus. Bosnien finanziert sogar ein Fünftel seines Haushaltes mit den Geldströmen.

Trotzdem bleiben die Frankfurter Experten skeptisch. Das Geld, das an die Familien in der Heimat geschickt wird, diene vor allem für den alltäglichen Konsum. Gekauft werden Lebensmittel, Kleidung, bezahlt werden Heiz- und Arztkosten. Was die jahrzehntelangen Geldüberweisungen allerdings nicht geschafft haben, sei, eine Grundlage zu schaffen für nachhaltige Entwicklungen. Wenn investiert wird, dann in den eigenen Hausbau. Vor allem in unterentwickelten ländlichen Gebieten steige die Abhängigkeit von den Überweisungen mit der Folge, das dort kaum eigene Initiativen gestartet werden.

Was die Studie spannend macht, ist, dass sie von der üblichen Diktion der internationalen Organisationen abweicht. Die Weltbank und der Währungsfonds (IWF) sehen die Wirkung der Rücküberweisungen nämlich durchwegs positiver. Die Weltbank spricht in ihren Analysen etwa regelmäßig davon, dass die Transferzahlungen "leicht" wachstumsfördernd wirken, und zwar trotz des sogenannten "Brain Drains", mit dem die Abwanderung gut ausgebildeter Arbeitskräfte aus armen Ländern umschrieben wird. Die International Organization for Migration (IOM) in Genf nimmt eine Zwischenposition ein.

"Brain Cirkulation"

Von "Brain Drain" zu sprechen sei eigentlich veraltet, meint Jean-Philippe Chauzy von der IOM. Es gehe um "Brain Waste" oder "Brain Circulation". Der erste Begriff umschreibt etwa, wenn Ärzte aus Ghana oder dem Kongo in Westeuropa als Taxifahrer arbeiten. Diese Form der Migration führe sozialpolitisch zu unerwünschten Ergebnissen, weil die Fachkräfte in der Heimat fehlen und im Zielland keine Aufstiegschancen erhalten. Die Migration in Europa habe dagegen zu einer "Brain Circulation", zu einem Wissensaustausch geführt, weil viele der Auswanderer bei ihrer Heimkehr neue Fertigkeiten mitgebracht haben. (Bettina Pfluger,András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4.2011)

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    780 Millionen Euro haben Migranten laut Weltbank im vergangenen Jahr von Österreich aus in ihre Heimatländer zurück überwiesen. Weltweit waren es sogar 300 Milliarden.

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