Im Blut lesen können

29. April 2011, 17:31
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Die Herkunft eines Menschen spiegelt sich in den genetischen Merkmalen des Bluts wider

Wenn Leukämiepatienten einen Knochenmarkspender suchen, sind historische Migrationsströme höchst relevant

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Bestimmte sehr hartnäckige Formen von Leukämien können nur durch Knochenmarktransplantation geheilt werden. Dabei wird das kranke Knochenmark durch Chemotherapie und Bestrahlung zerstört und durch das gesunde Knochenmark eines geeigneten Spenders ersetzt. Die wichtigste Voraussetzung für diesen Systemaustausch: Die HLA-Merkmale des Patienten müssen mit denen des Spenders übereinstimmen.

HLA steht für Humanes Leukozyten Antigen System. Es handelt sich um genetisch vererbte Merkmale auf fast allen Zellen des Körpers, die die Immunantwort des Menschen, also sein Abwehrsystem gegen Bakterien oder Viren, regulieren. Das hochkomplexe System hat etwa 4000 Merkmalsausprägungen, die in mehr als zwölf Gen-Orten verankert sind. "Die Zahl der möglichen HLA-Typen ist weit größer, als es Menschen auf der Erde gibt", erklärt Gottfried Fischer, ärztlicher Leiter des österreichischen Stammzellregisters. Der Grund für die Vielfalt liegt darin, die Menschheit vor der Auslöschung durch eine Infektionskrankheit zu schützen. "Die HLA-Vielfalt spiegelt die Kampfbereitschaft des Immunsystems gegen eine immense Vielfalt von Erregern wider", so Fischer.

An der Verteilung der genetischen Merkmale im Blut lasse sich bis zu einem gewissen Grad auch ethnische Verwandtschaften und Migrationsbewegungen ablesen, sagt Fischer, macht aber klar, wie komplex dieses System ist und dass Eindeutigkeit hier unmöglich ist. Immerhin: das HLA-Merkmal B*5703 kommt in der nordame- rikanischen Bevölkerung bei Schwarzen 100-mal häufiger vor als bei Europiden, das Merkmal DRB1*0901 bei Menschen mit asiatischem Hintergrund zehnmal häufiger. Zum besseren Verständnis: Wenn man sich das HLA-System als eine Art genetisches Klavier vorstellt, so verkörpern die HLA-Typen Akkorde, deren Klang Rückschlüsse auf eine genetische Verwandtschaft zulassen. Von den 1276 Transplantationen, die zwischen 1991 und 2010 in Österreich durchgeführt wurden, stammten 647 Spender aus Deutschland, 173 aus den USA, 163 aus Österreich und 98 aus Großbritannien. Im international vernetzten Stammzellregister, das auf die Daten von mehr als 17 Millionen registrierter Spender weltweit zugreifen kann - zirka 62000 davon allein in Österreich -, werden durch statistische Auswertungen Gemeinsamkeiten transparent.

Die HLA-Typisierung ist auch für Anthropologen ein wichtiges Forschungsfeld. Eine führende Wissenschafterin, Alicia Sanchez-Mazas von der Universität Genf, hat unlängst in einem viel beachteten Artikel die Verteilung von HLA-Typen in Ostasien analysiert und die Hypothese erstellt, dass China nicht wie ursprünglich angenommen ausschließlich über eine Migrationsbewegung nördlich des Himalaya besiedelt wurde, sondern dass zu einem zweiten Zeitpunkt auch Bevölkerungsströme südlich des Himalaya erfolgt sein mussten.

HLA-Experte Fischer geht noch einen Schritt weiter, wenn er sagt: "Auch die Pest hat ihre Spur im heutigen Muster der HLA-Typen Europas hinterlassen." Was er meint: Besaßen Menschen im Mittelalter einen bestimmten HLA- Typ, hatten sie damit einen Schutz und eine höhere Wahrscheinlichkeit, die Pestepidemie zu überleben. Positive Selektionierung ist der Fachbegriff dafür, und ihre Folgen sind in die europäischen HLA-Typen eingeschrieben. "Auch wenn er offensichtlich mit einer besonders starken Immunantwort einhergeht, so gibt es eine Kehrseite, dass nämlich Autoimmunerkrankungen häufiger bei Menschen mit ebendiesem HLA-Typ anzufinden sind", beschreibt Fischer den schmalen Grat, den die Evolution bei der Herausbildung einer wirksamen Immunantwort beschreitet. Fischer veröffentlichte mit Kollegen bereits vor fünfzehn Jahren eine HLA-Typisierung des in Südtirol gefundenen, 4000 Jahre alten Ötzi. Auffällig: Ötzi hat einen Typ, der heute bei Inuits und in der Bevölkerung Mittelamerikas, nicht aber bei uns vorkommt. "Es wäre zu einfach gedacht, würde man mutmaßen, Ötzi wäre ein Eskimo. Wahrscheinlich ist, dass die Pest in Europa ein damals verbreitetes Merkmal ausgelöscht - selektioniert - hat. Die arktische Bevölkerung blieb von der Pest verschont, es kam nicht zu einer solcher Selektion.

Nur in reichen Ländern

Es gibt aber auch gesellschaftspolitische Aspekte, die sich aus der unterschiedlichen Verteilung der HLA-Typen weltweit ergeben: Die Spender, die in den Knochenmarkregistern gelistet sind, sind in der Mehrzahl Europide, europide Patienten haben derzeit eine Chance von 85 Prozent einen Spender zu finden. Ungleich schwerer ist das für nichteuropide Patienten und Minderheiten. Die zum Teil noch im Aufbau begriffenen Knochenmark-Register in Osteuropa, Südamerika, Asien und Afrika sind daher dringend notwendig. (Karin Pollack/DER STANDARD, Printausgabe, 30. 4./1.5. 2011)

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