Farbmagie der Übergänge

29. April 2011, 17:08
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Starpianist Leif Ove Andsnes im Musikverein

Wien - Gegen greifbare Skepsis anspielen musste Leif Ove Andsnes am Donnerstagabend im Musikverein. Das lag allerdings nicht an seiner Person - dem norwegischen Starpianisten jubelte das Publikum im Goldenen Saal ansonsten frenetisch zu -, sondern an einem der gewählten Werke.

Arnold Schönbergs 6 kleine Klavierstücke op. 19 standen nach der Pause auf dem Programm, und das Räuspern, Husten und Murmeln blieb derart lange im Mezzoforte-Bereich, dass Andsnes mehrfach zum Beginnen im dreifachen Piano ansetzte, um dann doch wieder auf die nötige Stille zu warten.

Inmitten aller geradezu greifbaren Unruhe skizzierte er dann die expressionistischen Miniaturen, die inzwischen genau 100 Jahre auf dem Buckel haben (!), so zart und nuanciert wie unter diesen Umständen möglich. Die ästhetizistische Kultiviertheit seines Spiels hätte das Eruptive an Schönberg gerade auch den Skeptischen auf beinahe kulinarische Weise vermitteln können.

Allein die dazu nötige konzentrierte Atmosphäre ließ der Saal in den wenigen Minuten, die op. 19 dauert, schlichtweg nicht aufkommen. Dafür war das Auditorium beim Rest des intelligent konzipierten Programms mit Brahms' Vier Balladen op. 10 und zwei Beethoven-Sonaten ganz Ohr. Die "Waldstein"-Sonate präsentierte Andsnes als brillant huschendes Räderwerk mit magischen Farbwirkungen. Ebenso gekonnt waren allmähliche Tempoübergänge, kaum merkliche Zurücknahmen und furiose Steigerungen.

Merkwürdig blieb allerdings den ganzen Abend über der Eindruck einer gewissen Distanz, der daraus resultierte, dass sich Andsnes im Zweifelsfall innerlich zurückzuhalten schien und besonders bei Beethoven das Schroffe, Zerklüftete abmilderte. Und das Arietta-Thema der c-Moll-Sonate op. 111 erschien bei ihm fast als bieder. Die beiden Zugaben von Kurtág und Chopin waren dann abermals voller Poesie. (daen, DER STANDARD - Printausgabe, 30. April/1. Mai 2011)

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