Pannonien wächst wieder zusammen

29. April 2011, 18:02
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Die wirtschaftliche Entwicklung des Burgenlands ist eine EU-Erfolgsgeschichte. Dennoch fürchtet man auf beiden Seiten der Grenze ungleiche Marktchancen und Ressourcenknappheit

Manchmal schließen sich historische Kreise an den ungewöhnlichsten Plätzen - auf Terrassen von Strandcafés zum Beispiel.

Unlängst war eine Wirtschaftsdelegation aus dem serbischen Subotica - dem alten Maria Theresiopel - in der Eisenstädter Wirtschaftskammer. Und weil sowohl da wie dort bei solchen Anlässen dem altpannonischen Brauch des ausgiebigen Ausklingens gehuldigt wird, wurden die Gespräche dann mit großer Selbstverständlichkeit an den See verlegt. Und dort fiel es den Wirtschaftstreibenden aus dem ungarischsprachigen Teil der serbischen Backa wie Schuppen von den Augen: Was immer sie zu essen und trinken begehrten, sie konnten das anstandslos in ihrer Muttersprache tun.

Tatsächlich hat sich die burgenländische Gastronomie seit der Öffnung der Grenze im Jahr 1989 in einer fundamentalen Weise zum Besseren gewendet. Statt mürrische, übernachtige Wirtspersonen in Kauf nehmen zu müssen, hat man sich mittlerweile an professionelle Bedienung gewöhnt. Auch in anderen Branchen gehört der ungarische Akzent längst zum Alltag - bis hin zur traditionellen Pfuscherpartie.

Die Angst vor der endgültigen Arbeitnehmer- und Dienstleistungsfreizügigkeit - ein Klavier, auf dem so mancher Wahlkampf gespielt worden ist -, wirkte deshalb gerade im Burgenland ein wenig aufgesetzt. Vor allem deshalb, weil gerade das Burgenland schon bisher nicht darunter gelitten, sondern davon profitiert hat. Rund 9000 Menschen aus den sogenannten neuen EU-Ländern arbeiten offiziell im Burgenland, 8000 davon sind Ungarn - praktisch alle Pendler, die in Euro wirtschaften und in Forint leben.

Nicht nur das, aber das eben auch hat den Wohlstand in Westungarn so gehoben, dass die Wirtschaftskammer über die Jahre immer wieder feststellen konnte, dass das Burgenland mit Westungarn eine hoch überschießende Handelsbilanz aufweist.

Dieselben Studien verweisen freilich auch aufs Problem: Im Dienstleistungsvergleich schneidet Ungarn deutlich besser ab. Und da legten und legen Gewerkschaft und Arbeiterkammer ihre Finger in die Wunden. Das zugrunde liegende Lohngefälle könne nämlich im Burgenland zu einem irreversiblen Lohndumping führen.

Legistisch wurde dem ein Riegel vorgeschoben. Und dass dieses im März beschlossene Lohn- und Sozialdumpinggesetz auch tatsächlich greift, sollen nicht nur verstärkte Kontrollen durch die Finanz sorgen, sondern auch die Aktivitäten der Gewerkschaft. Deren burgenländische Sektion hat sich ja schon vor Jahren mit den ungarischen Kollegen zum In- terregionalen Gewerkschaftsrat (IGR) gefunden, der quer durchs Land Beratungen auch oder gerade in ungarischer Sprache anbietet. Und wahrscheinlich ist Letzteres sogar das Entscheidende.

Gerhard Michalits vom IGR glaubt zwar, dass mit dem 1. Mai ein Verdrängungswettbewerb zwischen sozusagen alten und neuen Ungarn stattfinden könnte, weiß aber auch, dass die IGR-Beratung über die fundamentalen Arbeitnehmerrechte wie im Schneeballsystem weit hineingetragen werden ins Ungarland, womit das eventuelle Lohn- und Sozialdumping ein eher kurzfristiger Effekt wäre. "Die Ungarn sind ja nicht blöd."

Handwerk unter Druck

Für wahrscheinlicher hält er eine Unternehmensverdrängung. Kleine burgenländische Handwerksbetriebe könnten in die Bredouille kommen, jenseits der Grenze hätten sich die Kollegen jedenfalls intensiver auf den 1. Mai vorbereitet, ab dem sie ihre Leistungen mit eigenen Mitarbeitern erbringen können.

Harald Schermann, der Sprecher der pannonischen Wirtschaftskammer, mag das klarerweise so nicht bestätigen. Allerdings hat eine im Kammerauftrag erstellte Studie diesbezüglich doch Erstaunliches zutage gefördert. Als größten Vorteil der Grenzlage sehen 49 Prozent der burgenländischen Unternehmer die Sonderförderungen durch die EU. Ihre ungarischen Kollegen dagegen haben zu 68 Prozent den größeren Absatzmarkt im Blick.

Dass die EU mit ihren Freizügigkeiten Pannonien ab dem 1. Mai zu einem kommunizierenden Gefäß macht, ist allerdings unbestritten. Eine signifikant hohe Zahl ungarischer Unternehmer fürchtet nämlich - im Gegensatz zu den Burgenländern - die Verknappung guter Arbeiter. Darauf gibt es in den EU-Verträgen nur eine Antwort: die freie Marktwirtschaft. Harald Schermann jedenfalls hält es für nötig, dass die ungarischen Löhne auf jenes Niveau steigen, das Pendeln unattraktiv macht. Und davon - so möchte er es jedem, der sich fürchtet, ins Stammbuch schreiben - profitiert auch und gerade das schmale Grenzland Burgenland, das durch die ökonomische Vernetzung allmählich wieder zu jenem Pannonien zusammenwächst, zur dem ja auch Subotica, das alte Maria Theresiopel gehört, das im Augenblick von Eisenstadt noch so weit weg ist wie Kittsee von Chicago.(Wolfgang Weisgram, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.4.2011)

  • Wer auf Ungarisch bestellt, bekommt eine ungarische Antwort. Wer auf Slowakisch bestellt, bekommt eine slowakische. Auf Deutsch geht es sowieso. Im Burgenland - wie hier im Restaurant Mole West am Neusiedler See - hat der multi- ethnische Wirtschafts-alltag Tradition und ist gut geübte Normalität.
    foto: standard/lehmann

    Wer auf Ungarisch bestellt, bekommt eine ungarische Antwort. Wer auf Slowakisch bestellt, bekommt eine slowakische. Auf Deutsch geht es sowieso. Im Burgenland - wie hier im Restaurant Mole West am Neusiedler See - hat der multi- ethnische Wirtschafts-alltag Tradition und ist gut geübte Normalität.

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