Hinsetzen verboten

29. April 2011, 17:32
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Stadttheater Walfischgasse: "Die Judenbank"

Wien - In Pyjamahosen, einem zu kleinen Hemd und Schlapfen nähert sich ein alter Mann einer Sitzbank aus Holz. Mit einem Stück Kreide schreibt er "Nur für Juden" auf die Lehne, bevor er sich setzt. Der Sinn dieser Beschriftung wird erst spät verständlich werden.

Das Stadttheater Walfischgasse zeigt Reinhold Massags Stück Die Judenbank in der Regie von Silvia Armbruster - ein Einpersonenstück, in dem ein alter Mann Zwiesprache mit Menschen der Vergangenheit hält.

Zunächst packt der Alte ein Stück Gugelhupf aus, isst, weint. Dann aber plaudert dieser 65-jährige Ottersdorfer Dominikus Schmeinta drauflos. Der an Muskelschwund erkrankte ehemalige Bauer war Fahrdienstbeobachter. Zwanzig Jahre lang saß er auf einer - seiner - Bank am örtlichen Bahnhof und ließ die Züge nicht aus den Augen.

Mit Beginn der NS-Zeit ändert sich vieles in Ottersdorf; Schmeinta nimmt es hin. Bis auf seiner Lieblingsbank das Schild "Nur für Juden" angebracht wird, das ihm das Hinsetzen als Nicht-Juden untersagt. Schmeinta beschließt, zur Not selbst Jude zu werden und sein Anliegen Hitler brieflich vorzutragen. Eine absurde Idee, auf der diese Parabel über sinnlose Regeln und Macht beruht.

In Die Judenbank kommen fast zehn Figuren zu Wort: Ernst Konarek verkörpert Dominikus Schmeinta ebenso wie alle Familienmitglieder und Dorfbewohner, die seine Erinnerungen bevölkern. Lichtprojektionen, Scheinwerfer, Geräusche und Musik unterstützen Konareks brillantes Schauspiel dabei, dem Publikum beim Sprung in die Vergangenheit Orientierung zu geben. Bis auf die Bank in der Mitte ist die Bühne (Ausstattung: Gudrun Schretzmeier) sonst schwarz und leer.

Der schnelle Wechsel von Sprechweise, Lautstärke und Stimmung in Konareks Spiel ist beeindruckend. Von den Zusehern ist dennoch volle Aufmerksamkeit gefordert, um die Personen auseinanderzuhalten.

Massags intelligentes Werk entschlüsselt sich langsam, Zeit und Ort des Geschehens sind zuerst der Interpretation der Zuschauer überlassen. Der raffinierte Aufbau des Stücks, der es dem Publikum überlässt, Schmeintas Lebensgeschichte aus seinen Erzählungen zusammenzusetzen, sorgt für Spannung. Aus Schmeintas scheinbar beiläufigem Gerede schält sich ein immer weniger harmloses Bild hervor: Die leichtfüßige Erzählung und der makabere Humor geben den Blick auf eine Tragödie frei. Hinter einer absurd anmutenden Geschichte tritt die ganze Ungeheuerlichkeit von Diktatur und Menschenverachtung in Erscheinung. (Sabina Zeithammer, DER STANDARD - Printausgabe, 30. April/1. Mai 2011)

4. und 7. Mai 2011, 20 Uhr

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