"Wir sind nicht mehr das Ende der Welt"

29. April 2011, 18:01
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Tschechien als Hoffnungsmarkt für die heimische Wirtschaft. Speziell in Oberösterreich liebäugelt man mit dem Geschäft beim Nachbarn

Linz - "Dobrý den" statt "Griaß eich" soll künftig vermehrt vor allem unter Handwerkern des Oberen Mühlviertels zu hören sein. Die kleine Gemeinde Ulrichsberg hat gemeinsam mit der tschechischen Bürgervereinigung Inicio ein Pilotprojekt gestartet, das die beiden Grenzregionen vor allem auf wirtschaftlicher Ebene näher zusammenbringen soll. Gegründet wurde die Plattform "Böhmerwaldhandwerk". Zu verstehen ist darunter eine Koordinationsstelle für Wirtschaftstreibende aus der Region - stationiert im örtlichen Rathaus. "Für uns ist Tschechien der große Hoffnungsmarkt. Wir merken einfach jetzt, dass sich drüben enorm viel tut. Über zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind jetzt die Strukturen so weit aufgebaut, dass der Wirtschaftsmotor in Tschechien auf Hochtouren läuft. Da wird zum Beispiel derzeit gebaut wie bei uns in den 1970er-Jahren", erläutert Josef Thaller, Vizebürgermeister von Ulrichsberg, im Gespräch mit dem Standard.

Und wenn der Nachbar baut, will man in Oberösterreich nicht tatenlos zusehen. Thaller: "Wir haben gerade im Mühlviertel die Stein- und Holzexperten." Und die können sich ab dem Sommer im Ulrichsberger Rathaus Unterstützung für grenzübergreifende Geschäfte holen. "In erster Linie geht es um Übersetzungshilfen. Aber natürlich werden wir auch schauen, dass Ausschreibungen für Bauprojekte aufliegen und wir unsere Firmen beim Legen von Angeboten unterstützen", erklärt Thaller. Ulrichsberg habe mit diesem Projekt eine Vorreiterrolle übernommen, aber eingeladen habe man auch andere Kommunen aus der Region. Thaller: "Die Kooperation ist wichtig, und es gibt auch schon interessierte Gemeinden. Wir haben halt alle gemerkt, dass wir durch die Grenzöffnung zu Tschechien mehr in die Mitte gerückt sind. Wir sind nicht mehr das Ende der Welt." Insbesondere merke man dies beim Wintertourismus: "30 Prozent unserer Gäste kommen mittlerweile aus Tschechien."

Heimatgefühle

Auch die Wirtschaftskammer Oberösterreich ortet zwischen Powidltascherln und Böhmischen Knödeln großes Entwicklungspotenzial. "Rund 2750 oberösterreichische Betriebe, das entspricht knapp 40 Prozent der Exporteure, sind bereits in Mittel- und Osteuropa tätig. Innerhalb der kommenden Jahre soll diese Zahl auf mehr als 3000 ansteigen. Und da gilt es in Zukunft vor allem Tschechien als Heimmarkt für die heimische Wirtschaft zu erschließen", gibt WKOÖ-Präsident Rudolf Trauner ein ambitioniertes Ziel vor. Rund 1800 oberösterreichische Betriebe sind derzeit allein in Tschechien tätig - was bedeutet, dass jeder vierte oberösterreichische Exportbetrieb im nördlichen Nachbarland aktiv ist.

Tschechien sei in den letzten beiden Jahrzehnten - durch die Ostöffnung Europas 1989, den EU-Beitritt Tschechiens 2004, gefolgt vom Beitritt zum Schengener Abkommen 2007 - noch viel stärker als zuvor in den Fokus vor allem auch vieler mittlerer und kleinerer Unternehmen gerückt. Trauner: "Die gesamten Warenexporte Österreichs nach Tschechien betrugen im Jahr 2010 rund 4,1 Milliarden Euro.

Damit ist Tschechien weltweit der sechstwichtigste Absatzmarkt für Österreich und der wichtigste Absatzmarkt in Mittel- und Osteuropa." Der Anteil Oberösterreichs an den gesamtösterreichischen Tschechien-Exporten lag im Vorjahr bei mehr als 30 Prozent.

Trauner: "Oberösterreich lieferte 2010 rund 1,2 Milliarden Euro über die Grenze. Rund 4,3 Prozent der heimischen Ausfuhren finden folglich in Tschechien ihren Absatz." Grund genug also, dass die Wirtschaftskammer Oberösterreich auch im heurigen Jahr "gezielte Tschechien-Aktivitäten" - von Einzelgesprächen mit Firmen bis hin zu sogenannten Marktsondierungsreisen - setzt. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4.2011)

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    Über die Grenzen geschaut hat man im hier schon länger.

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