Vergriechenlandisierung Österreichs

Hans Rauscher, 29. April 2011, 18:46

Um Österreichs Vergriechenlandisierungzu stoppen, bedarf es eines Mentalitätswechsels, zunächst an der Spitze der Regierung

Griechenland ist den Bach hinuntergegangen, weil dort a) jahrzehntelang fast niemand Steuer gezahlt hat; weil b) der Staat ein riesiges Klientelwesen mit einem überdimensionierten Beamtenapparaten und einem Pensionistenparadies eingerichtet hat; und c) all das auf Schulden finanziert wurde, bis es nicht mehr ging.

In Österreich ist nur Punkt a) ganz anders. Hier werden Steuern (und Sozialabgaben) gezahlt, allerdings von einer schrumpfenden Schicht: Von 6,4 Millionen Einkommensbeziehern - Aktiven und Pensionisten - zahlen 2, 7 Millionen (42 Prozent) keine einkommensbezogenen Steuern.

Punkt b) und c) bewegen sich in Richtung Hellas. Es existiert ein gewaltiges Klientelwesen - Frühpensionisten, Bauern, Beamte, Bedienstete der ÖBB, Bezieher undurchsichtiger Förderungen. Die Kosten dafür steigen rasant. So steigen z. B. die Zuschüsse des Staates zur gesetzlichen Pensionsversicherung 2011 auf knapp zehn Milliarden Euro. Mit den Beamtenpensionen wendet der Staat schon rund 25 Prozent seiner Ausgaben für die Pensionen auf. Das alles wird zu einem immer größeren Teil auf Schulden finanziert. Die Zinsen dafür machen derzeit 8,3 Milliarden aus, mehr als das gesamte Bildungsbudget. Heuer gehen 37 Prozent aller Staatsausgaben auf Pensionen und Zinsendienst drauf, 2013 werden es 39 Prozent sein. Forschung und Entwicklung, Bildung und andere Zukunftsinvestitionen können sich brausen gehen. Österreich investiert - auf Schulden - in die Vergangenheit.

Welche zukunftsweisenden Ansagen haben wir dazu von Spitzenvertretern der neu formierten Koalitionsregierung?

Bundeskanzler Werner Faymann sagte schon früher, er sei gegen eine Verwaltungsreform, denn da gingen ja Arbeitsplätze verloren. Aktuell meinte er, die rasante Vergriechenlandisierung Österreichs sei durch "sozial gerechte Einnahmen" zu stoppen. Darunter ist eine Steuer auf die zu verstehen, die sich im Leben etwas geschaffen haben, um weiter die Frühpensionistenscharen und den geschützten Sektor (ÖBB, Gemeindebedienstete) alimentieren zu können.

Die neue Finanzministerin Maria Fekter hat die richtigen konservativen Schlüsselbegriffe angesprochen: Sie sei eine Hüterin des Geldes der Steuerzahler, Schulden seien pfui, und sie wolle "Anwältin der Leistunsgträger" sein. In ihrer Strategie seien keine neuen Steuern enthalten.

Aber auch sie hat bereits eine Absage an den Abbau unnötiger (Länder-)Strukturen erteilt, auch sie wird sich mit den Bundesländern nicht wirklich anlegen, und ob sie es zusammenbringt, die Dynamik bei den Pensionen und den Einkommen der Bürokratie zu bremsen, ist angesichts der realen Situation in der ÖVP fraglich. Die Partei betreibt eine Kernschichtenstrategie und die Kernschicht sind eben die Beamten und die Bauern.

Fekter kann so "tough" sein, wie sie sich gibt und wie sie will, aber der Punkt ist, ob sie die Grundsituation verstanden hat: um Österreichs Vergriechenlandisierung (nicht nur finanziell) zu stoppen, bedarf es eines Mentalitätswechsels, zunächst einmal an der Spitze der Regierung. (Hans Rauscher, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.4.2011)

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ei padauz
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alles tachinierer ausser rau...

und ich nehm mal an, dass rau weiß, dass jene 2,7 mio. erwerbstätigen, die keine erwerbsbezogenen steuern zahlen, dies deshalb nicht tun, weil sie unter € 350/monat verdienen...

aber in raus weltbild sind sowieso alle nur schmarozer - und pensionisten leben alle im paradies...

ich schlage hiermit vor, rauscher ein jahr von einer asvg-durschnittspension leben zu lassen. der hält das nie durch.

Pyotr Alexeyevich
01

Einkommenssteuerbefreit sind €916 pro Monat (11000/Jahr).

WFL1
00
Kompliment

Nachträglich: Kompliment, Rau. Mit solchen Kommentaren beweisen Sie, dass Sie auch weiterhin zu den (wenigen) ernst zu nehmenden Kommentatoren des Landes zählen. Mann muss es in letzer Zeit leider ständig wiederholen: Griechenland ist näher, als viele "opinion leaders" diese Landes es wahrhaben wollen. Und wenn sie es wahrhaben, dann schreien sie nach noch höheren Steuern...

spartacus1020
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einer der schwächsten rauscher artikel seit langem - könnt fast vom lobbyisten brandstätter sein....

märchenonkel
00
Mir ist schleierhaft, warum man unser politisches System al sDemokratie bezeichnet.

MME
02
SPÖVP träumt von dem 50er

Beide Parteien träumen von den goldenen 50er. Da hat man alles versprechen können. Das Wirtschaftswachstum hat, alle Fehler überdeckt. Die Bevölkerung war auch ungebildet und uninformiert, da hat es sich leicht regieren lassen.

Fayman mit seiner 1. Mai rede hat es ja ganz deutlich bewiesen wo er hinmöchte. Böse Spekulanten.
Spindelegger ist auch nicht besser wärmt wieder die Leistungsträger auf.

Back to the future.

Hellas sind wir schon lange, nur unserer Budgettrickser sind etwas besser.

Der Steuerzahler1
00

Ich würde sagen die Bevölkerung ist noch immer ziemlich ungebildet.

MME
00

OK stimmt. korrigiere auf; ungebildeter und uniformierter als heute

Steinbock1959
01

Ich schätze, dass die das erst kapieren werden, wenn uns die Bedingungen von außen diktiert werden, aber dann wird es eben vorbei sein mit dem Wohlfühlstaat. Wenn neben dem Volk auch noch die Regierung so blöde ist, dann ist das wirklich schlimm.

sociovation
21
Schön, dass Sie sich wohlfühlen

Teilen Sie uns bitte mit, wenn das nicht mehr so ist, damit wir wissen, dass Sie ihr Zeil erreicht haben.

Steinbock1959
02

Ich weiß schon, dass es hier auch sehr viele Menschen gibt, denen es schlecht geht und auf die trete ich auch nicht hin.

sociovation
00
Glauben Sie mir

Wenn erst die Bedingungen von außen diktiert werden, dann wird ordentlich auf jene hingetreten werden, auf die Sie nicht hintreten wollen.
Siehe Griechenland, siehe Portugal.
Vor DIESER "Griechenlandisierung" sollten wir uns allerdings hüten...

Entfesselter Prometheus
01
Wenn schon:

GRÄZISIERUNG Österreichs

Couchsurfer
01
Notfallpläne für Eurocrash! Abschaltung des Internets & Co

Was bei Eurocrash? - MUST SEE!

http://www.youtube.com/watch?v=Q... p78&sns=fb

Agnostiker1
22
Jedes Volk hat die Regierung, die es auch verdient.

badat
06
Wir erleben den Niedergang des Nationalstaates - während die Staaten früher noch Projekte und Ideen waren und hatten,

beschränken sich die Nationalstaaten Europas heute darauf, Freunde und Parteiklientel mit den immer knapperen Mitteln zu beschränken und die Bevölkerung durch das ewig gleiche anti-EU- und anti-Ausländer-Schmierentheater von den wahren Gründen der Misere abzulenken. In Wirklichkeit hat man die Zukunft einfach abgesagt. Kein Nationalstaat Europas macht noch nenneswerte Anstrengungen für Bildung, Forschung, Jugend - was soll aus Europa werden? Gleichzeitig torpediert man jeden Versuch, die EU zu einer demokratischen Föderation zu machen. Nur was bleibt, wenn die Staaten zu potemkinschen Nationen werden und die EU noch kein Bundesstaat ist? Internationale Konzerne und Global-Supermächte, für die Europa nur mehr eine Spielfigur ist.

badat
00
Ups, kleiner Freudscher Vertipper

soll heissen: " Freunde und Parteiklientel mit den immer knapperen Mitteln zu beschenken "

jamieoliver
01
guter Artikel

Mir gefällt der Artikel gut - mag man in einzelnen Punkten anderer Ansicht sein - das sind dringend benötigte Diskussionsanstöße.

badat
01

Eh, aber ich sehe darin kein spezifisch österreichisches Problem. Meine These: Der Nationalstaat ist nur mehr eine wandelnde Leiche die alles niedertrampelt, was ihm nachfolgen könnte.

Agnostiker1
10
Sie sollten ein österreichisches Problem nicht ver-europäisieren!

badat
02
Das ist nur die österreichische Ausprägung eines europaweiten Phänomens

Sie werden dieses Problem auch in den anderen Staaten Europas wiederfinden. Überall wurde bei Bildung,Jugend, Forschung gekürzt oder die finanziellen Spielräume von Familien so eingeschränkt, dass es für die Jungen schwer wird, die Zukunftsthemen in die Hand zu nehmen.
Und auch die beiden Arten von Schmierentheater finden Sie in den anderen Staaten, falls Sie über breit gestreute Fremdsprachenkenntisse verfügen, dann hören Sie sich mal die Mainstreamnachrichten anderer Länder an, meist gibt es nur zwei Themen, um die sich die Politik dreht: "Hilfe, Ausländer" und "Die böse EU".

Agnostiker1
10
Das ist die Ergänzung zum Post danach:

Ich entnehme der Periodika der Max-Planck-Gesellschschaft, betr. TU München z.B., folgende Zahlen: Die TUM hat insgesamt über 120 Profs,davon 12 Lehrstühle, die von der Wirtschaft finanziert werden. Der Neueste ist der von General Elelectric, obwohl Siemens, Kahtrein-Elektronics und Rohde&Schwarz als Konkurrenten auch Lehrstühle an der TUM unterhalten. Das Beamtenrecht ist bei der Besoldung obsolet. Ergebnis; der Brain drain fährt rückwärts. Die Rückkehrer erhalten ein eigenes Institut bei völliger Freiheit der Forschung Die wissenschaftlichen Mitarbeiter werden allein vom Institutsleiter bestellt, obwohl die Bezahlung von der Uni erfolgt. DAS IST EINE FORSCHUNGSLANDSCHAFT! Und was machen wir?

Agnostiker1
10
Ich bin bei einem deutschen Unternehmen mit Werksitz.....

.....in der Wachau beschäftigt. MIndestens einmal pro woche bin ich am Sitz der Holding in München.

Die Deutschen erfüllen die Vorgabe der EU auf Heller und Cent. Es wird gespart, aber nicht an F&E. Deutschland hat eine excellente Forschungslandschaft mit den über 40 Max-Planck-Instituten (nur Grundlagenforschung) und die Fraunhofer-Gesellschaft (für Anwendungstechnik). Eine Nische deckt die Helmholz-Gesellschaft ab. Den größten europäischen Computer hält die Hemholz-Gesellschaft vor, aber dazu gehören auch das Wegener-Institut für Polarforschung in Bremen und einer ständigen Station in der Antarktis und dem weltberühmten Institut für Geophysik in Potsdam. In Potsdam wurde z.B. ein Tsunami-Warngerät für Thailand, Indien, Ceylon entwickelt.

Zum Beispiel1
43
Ggen die Fox-isierung des Standards!

Hysterisieren und simplifizieren, wie wir es aus den Fox-News des Herrn Murdoch kennen, sind keine großen Leistungen aber halt einfacher als die nüchterne Analyse. Z.B.: Die ständige Fokussierung auf jene, die keine Einkommenssteuer bezahlen, klingt gut und schürt Ressentiments gegen "Schmarotzer". Dass aber Alleinerzieherinen oder DurchschnittspensionistInnen, die ja praktisch ihr ganzes Enkommen für ihren Unterhalt verbrauchen, fast 20% Umsatzsteuer abliefern (und damit auch die Presseförderung und somit das Gehalt des Herrn Rauscher finanzieren) liegt jenseits des Horizonts des Kolumnisten.

jamieoliver
10

Dann halt keine Kinder werfen.

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