"Dehnbare Familiengebilde"

29. April 2011, 18:28
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Die Soziologin Karen Körber über weibliche Arbeitsmigration, transnationale Familien und einen nüchternen Blick auf Elternschaft

Standard: Der klassische "Gastarbeiter" war ein männlicher Industrieangestellter. Heute hat sich der Arbeitsmarkt verändert, hunderttausende legal und illegal beschäftigte Pflege- und Hausarbeitskräfte sind in Westeuropa und den USA beschäftigt - kann man sagen, dass Migration weiblich wird?

Körber: Im Zuge der Ausdifferenzierung der Dienstleistungsgesellschaft in den letzten 20 Jahren können wir eine Feminisierung von Migration feststellen. Das Bild vom männlichen Brotverdiener ist zwar immer noch öffentlich dominant, entspricht aber nicht mehr den Realitäten. Man muss allerdings hinzufügen, dass weibliche Migration historisch nicht neu ist. Schon vor 100 Jahren gab es Frauen, die als Arbeitskräfte auf Bauernhöfe oder in bürgerliche Haushalte gegangen sind, aber auch als Dienstmägde oder Prostituierte in die Kolonien geschickt wurden.

Standard: Was hat sich dann in den letzten 20 Jahren so gravierend geändert?

Körber: Im Euro- amerikanischen Raum ist die Nachfrage nach Arbeitskräften im Dienstleistungssektor extrem gestiegen, und daraus ist ein Arbeitsmarkt für Frauen geworden, der weltweit hochgradig organisiert ist. Das ist das Neue gegenüber den Prozessen vor 100 Jahren. Sowohl die Ziel- als auch die Herkunftsländer verfügen über Agenturen und Netzwerke, mit deren Hilfe Migrantinnen global vermittelt werden. Es haben sich auch Ausbildungsgänge etabliert, so bilden etwa britische Firmen in Polen Frauen als Klinikkräfte aus, damit sie später in Großbritannien arbeiten können.

Standard: Ihr Forschungsprojekt beschäftigt sich mit "transnationalen Familien". Unter welchen Bedingungen leben die Menschen, die Sie beforschen?

Körber: Ein nicht untypisches Beispiel aus unserem Sample ist eine koreanische Frau, die in den 1960er-Jahren in Deutschland als Krankenschwester angeworben wurde. Sie hat ihre Kinder, die damals sechs und acht waren, und ihren Ehemann zurückgelassen. Nach einigen Jahren begann die Ehe zu kriseln, zehn Jahre später folgte die Scheidung, die Mutter heiratete dann einen Deutschen.

Standard: Das heißt, sie hat ein komplett neues Leben angefangen?

Körber: Ja und nein. Als die Ehe in die Krise geriet, sorgte die Mutter finanziell weiter für die Kinder, bot ihnen an, nach Deutschland zu kommen. Beide Kinder haben es versucht, die Tochter ist geblieben und in Deutschland eine erfolgreiche Ärztin geworden. Dieser Fall ist ein Beispiel, wie über lange Zeit versucht wird, die familiären Beziehungen mit Sachleistungen und Geldtransfers aufrechtzuerhalten.

Standard: Wie beschreiben Familienangehörige die Trennung?

Körber: Bei den inzwischen erwachsenen Kindern finden wir oft beides, ein Verständnis für die Handlungsweise der Eltern, aber auch Schuldzuweisungen, dass sie zurückgelassen wurden, wo sie in der Regel bei den Großeltern oder bei Verwandten aufwuchsen. Was in unseren Interviews auffällt, ist, dass ein Vorwurf am deutlichsten von den Töchtern kommt, die mittlerweile selber Mütter geworden sind und einen Vergleich ziehen. Die sagen dann oft: "Ich könnte das nie tun, was meine Mutter getan hat."

Standard: Das heißt, der Vorwurf gilt immer der Mutter, nicht dem Vater...

Körber: Ja, das deckt sich auch mit Ergebnissen anderer Untersuchungen, da wird ein klarer Unterschied gemacht. Die Vorstellung von Familie ist über die Mutter codiert. Man muss auch sagen, dass Väter, die mit ihren Kindern allein zurückbleiben, oft versagen. Meist übernehmen weibliche Verwandte die emotionale Versorgung.

Standard: Wie ist das Weggehen umgekehrt für die Mütter?

Körber: Das ist schwer zu beantworten, weil die interviewten Frauen wissen, dass ihre Migration mit einem Tabu bricht, was das Bild von Mutterschaft angeht. Die Mütter berichten einerseits, wie entsetzlich es war, auf die Kinder zu verzichten. Andererseits sind sie aber vorsichtig, darüber zu sprechen, was das genau heißt. Schließlich verbindet sich mit der Migration nicht nur die Erfahrung eines Schmerzes, sondern auch die Dimension eines anderen, "eigenen" Lebens, das kein Recht auf Erzählung hat, weil es ohne die Kinder gelebt wurde.

Standard: Sie vergleichen in Ihrem Projekt Arbeitsmigration aus den 1960er-Jahren mit der aus den 1990ern. Heute gibt es ganz neue Möglichkeiten, Kontakt zu halten, das Reisen ist einfacher geworden et cetera.

Körber: Aus den Erzählungen, die 30 Jahre zurückreichen, spricht oft die Mühsal, die es bedeutete, allein die Kommunikation herzustellen, eine Telefonzelle aufzusuchen, ein Gespräch anzumelden, auf ein Päckchen oder auf Briefe zu warten. Heute gibt es eine Verdichtung von Raum und Zeit, die in den Familien als Entlastung wahrgenommen wird. Andererseits wachsen mit den besseren Kommunikations- und Reisemöglichkeiten auch die wechselseitigen Erwartungen. Wenn es dann im konkreten Fall doch nicht klappt - der Flug zum kranken Vater überbucht ist, die Beerdigung der Großmutter verpasst wurde -, steigt das Gefühl, dafür selbst verantwortlich zu sein.

Standard: Kann man sagen, dass Migration Familien kaputtmacht?

Körber: Zum Teil ja. Es wäre naiv zu behaupten, dass es Familien nicht vor unglaubliche Herausforderungen stellt, zum Beispiel, wenn Kinder im Alter von 15 nachgeholt werden und die Eltern dann mit halbwüchsigen Menschen konfrontiert sind, mit denen sie noch nie zusammengelebt haben. Andererseits gibt es auch das Muster, dass Migration Familien stabilisiert, weil über die schwierige Situation auch eine Belastbarkeit hergestellt wird. So schlüpfen die abwesenden Eltern von einst oft ganz selbstverständlich in die Großelternrolle.

Standard: Wenn man sich die Migrationswege ansieht, hat man das Gefühl, dass Zusammenleben ein Wohlstandsphänomen ist. Wir können es uns leisten, Familien und Nähe zu haben.

Körber: Nun ja, wir leisten uns diese Nähe auch nicht mehr ganz in dem Maße, wie es früher der Fall war. Die Forderung, für den Arbeitsplatz mobil zu sein, hat extrem zugenommen und richtet sich an beide Elternteile. Und in die Versorgungslücke, die entsteht, weil beide Elternteile arbeiten, stoßen dann die Kinderfrauen aus Ost- und Südosteuropa, die auch einen Teil der emotionalen Nähe mitspenden sollen, die die Eltern nicht geben können.

Standard: Ist das schlimm?

Körber: Das kommt auf die Perspektive an. Aus Sicht der Kinder ist es an vielen Stellen wohl nicht nur schlimm. Die Annahme, dass allein die eigene Mutter am besten versorgen kann, stimmt ja nicht immer. Problematisch ist aber, dass wir Arbeitsverhältnisse ausgebildet haben, in denen Migrantinnen Reproduktionsarbeiten übernehmen müssen, die wir gesellschaftlich nicht anders verteilen können. Wir müssen uns klarmachen, dass es oft gut qualifizierte Frauen sind, die ihre eigenen Kinder zurücklassen, um für andere Kinder zu sorgen. Das heißt, sie bleiben selbst weit unterhalb ihrer Möglichkeiten und können ihre Qualifikationen nicht dort einbringen, wo sie Familien haben.

Standard: In Ländern wie Moldawien wird von "Eurowaisen" gesprochen, weil mittlerweile der größte Teil der arbeitsfähigen Erwachsenen im Ausland ist und ganze Schulklassen ohne ihre Eltern aufwachsen. Beißen den Letzten die Hunde?

Körber: Das ist eine hochproblematische Entwicklung, die sich allerdings nicht mehr aufhalten lässt. Allerdings ist es ja nicht so, als würde nichts zurückfließen, an Geldern, Waren und Sachleistungen. Man muss sehen, dass viele dieser Gesellschaften ohne diese familiären Transferleistungen nicht existieren könnten, die einen wesentlichen Anteil am Bruttosozialprodukt der sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer ausmachen.

Standard: Können wir etwas von transnationalen Familien lernen?

Körber: Wir lernen, dass über Krise und Scheitern hinweg trotzdem so etwas wie ein langfristiger stabiler Zusammenhalt aufrechterhalten werden kann, vielleicht gerade dann, wenn man die Vorstellung von Familie nicht ganz so emotional auflädt. Wir neigen dazu, angesichts hoher Scheidungsraten vom Scheitern zu sprechen. Langfristig betrachtet, entdeckt man aber eine erstaunliche Stabilität und Dehnbarkeit dieses Gebildes "Familie". Auch die moderne Patchworkfamilie oder Trennungsfamilie hört nicht auf, Familie zu sein, nur weil die PartnerInnen sich getrennt haben. Wenn wir uns einmal von der Vorstellung der Familie als einer sesshaften, in einem Haus stattfindenden Lebensform lösen, fallen viel mehr Parallelen zu transnationalen Familien auf. Und das bedeutet nicht unbedingt nur Leid und Scheitern, sondern manchmal auch einen Gewinn.

(Die Fragen stellte Andrea Roedig, DER STANDARD, Printausgabe 30.4./1.5.2011)

 

Karen Körber ist Migrationsforscherin und arbeitet am Projekt "Transnationale Familiarität" am Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Karen Körber lebt in Wien.

  • Karen Körber: "Wenn wir uns von der Familie als einer sesshaften, in 
einem Haus stattfindenden Lebensform lösen, fallen viel mehr Parallelen 
zu transnationalen Familien auf."
    foto: der standard/roedig

    Karen Körber: "Wenn wir uns von der Familie als einer sesshaften, in einem Haus stattfindenden Lebensform lösen, fallen viel mehr Parallelen zu transnationalen Familien auf."

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