James Blake

Singen mit der Käsetaste

29. April 2011, 17:04
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    foto: robert newald

    Das junge britische Songwriter-Dubstep-Wunderkind James Blake eröffnete in Krems das heurige Donaufestival.

Das Donaufestival 2011 präsentierte bei seinem Start in der Minoritenkirche in Krems/Stein das britische Hype-Wunder James Blake

Intime Balladen zwischen abgründigen Dubstep-Bässen und Klavierschule.

Krems - Wenn europäische Thronerben es einmal so richtig krachen lassen und Polterabend feiern, ohne dass beim Rocken die Frisur verrutscht, klingt das ungefähr so. Auf der Bühne der Minoritenkirche zu Krems/Stein sehen wir drei etwas erlebnisarm wirkende junge Menschen aus London, denen man die Weltmetropole und deren neueste Trendsportarten aus dem Bereich Red Bull, Kiffen, Songwriter-Dubstep und Amboss-Gliding gar nicht anmerkt. James Blake, der Mann am Klavier, Keyboards und der Start/Stop-Taste sowie dem verdammten Mikrofon, das nur herumsteht, damit man nichtssagende Zweizeiler hineinschnöselt, gilt derzeit innerhalb der Weltjugend als unfassbar angesagtes Wunderkind.

Führt er doch auf seinem heuer erschienenen, namenlosen Debütalbum auf wundersame Weise unvereinbare Stile wie zur Zeitlupe herunterdeklinierten Dub und dessen tektonische Wobbel- und Blubberbässe mit einem Liedgut zusammen, das man autobiografisch seit Jahrzehnten erfolgreich verdrängt hatte. James Blake schafft es, Melodien aus dem Katholische-Jungschar-Sektor "Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr" oder "Kommt, sagt es allen weiter" derart zeitgenössisch aufzuladen, dass niemandem auffällt, wie hoffnungslos wertkonservativ das eigentlich klingt. Was du ererbt von deiner Mutti, erwirb es, um es zu besitzen.

Die Technik dabei heißt Reduktion. Immerhin wäre es selbst heute, im Zeitalter des Anything-goes-Download reichlich uncool, wenn man aus der Plattensammlung der Eltern ausgerechnet künstlerisch Wertvolles wie Stevie Wonder oder Joni Mitchell zieht, Text und Noten googelt und das mit der Klavierlehrerin wochenlang eins zu eins in Zeitlupe nachstellt.

Gemach, gemach

Zeitlupe und Reduktion deshalb, weil man in ihr zwar ebenso exakt spielen muss wie bei einem richtigen Stevie-Wonder-Lied, andererseits schon auch mehr Zeit zum Umgreifen auf einen anderen Akkord hat. Wenn man nicht gerade die Tochter von Madonna ist: Das geht gar nicht. Heutzutage gilt es unter einfacheren, zumindest bis in den ersten Studienabschnitt akademisch gebildeten Leuten als ästhetisches Must, sich auf das harmonische Grundgerüst zu beschränken. Die Finger kleben auf den Tasten mit den Grundakkorden. Der Schlagzeuger versucht wie ein Fernfahrer, zwischen den Schlägen dem Sekundenschlaf zu entkommen. Der Gitarrist zählt während des einstündigen Auftritts seine Euros per Minute. Die kolportierte Abendgage beträgt Dingskomma und dann zusätzlich dreißig Mille. Dafür dienen Supermarktangestellte der Gesellschaft das ganze Jahr über an der Wursttheke.

Mit angenehmer, auf keinen Fall emotional aufgeladener Nuschelstimme interpretiert James Blake Versionen von Feists Ballade Limit To Your Love und Joni Mitchells auch nicht gerade anschiebendem Klassiker A Case Of You. Das dringend zur Anteilnahme bereite Publikum dankt es ihm mit jener Begeisterung, die immer nur dann entstehen kann, wenn auch im Avantgardistischen Melodien zu finden sind, die man zumindest mit geschlossenen Lippen mitsingen kann.

James Blake wird nach Sensationsgastspielen im Berliner Technohimmel Berghain oder jetzt beim Donaufestival in Krems weiter an seinen Klavierkünsten feilen. Irgendwann wird er den spätestens seit Großmutter Cher und ihrem käsigen Welthit Believe von 1998 umgehenden, die Stimme zur Quietschente machenden Autotune-Gesangseffekt wegwerfen und Autoren-Dubstep-Position beziehen: "Do you belie-hie-hieve in love after love?"

Und vielleicht schreibt ihm die Mama bis dahin auch ordentliche Singtexte ins Stammbuch. "My brother and my sister don't speak to me, but I don't blame them." Das greift als vollständiger Songtext doch etwas zu kurz.

Wenn allerdings die unterirdischen Bässe in die Magengrube fahren - James Blake neigt bei aller vordergründigen Sanftmut durchaus zur sonischen Subversion -, dann klingt alles ganz herrlich. Die gefürchtete Rhythmusmesse einmal anders. Die Erde ist schön. Es liebt sie der Herr. (Christian Schachinger, DER STANDARD - Printausgabe, 30. April/1. Mai 2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
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Lonny03
00
Hypes und ihre Gegner

Schön wenn es ein Kritiker versteht die Balance zu halten und seine Emotionen außen anstellt um einen so wunderbaren Bericht zu schreiben (Vorsicht Ironie!)
Mal ehrlich...es gäbe wohl keine Hypes, gäbe es nicht auch die die immer dagegen reden oder umgekehrt? ;-)

nerea
00
sehr unterhaltsam und amüsant..

..ihr artikel, herr schachinger, das muss man ihnen schon lassen. wenngleich ich ihre schlechte meinung über blakes konzert nicht teilen kann. ein bisschen entspannung täte ihnen gut, dann könnten sie auch solch einen abend geniessen.
zum glück lässt sich über geschmäcker immer noch am besten streiten.

Lonny03
00
Hypes und ihre Gegner

Schön wenn es ein Kritiker versteht die Balance zu halten und seine Emotionen außen anstellt um einen so wunderbaren Bericht zu schreiben (Vorsicht Ironie!)
Mal ehrlich...es gäbe wohl keine Hypes, gäbe es nicht auch die die immer dagegen reden oder umgekehrt? ;-)

ari gold
00
...

so ein volltopfen von einem bericht.
einseitig und voreingenommen is ja noch glimpflich ausgedrückt.

frech karotte1
00
modern art = i can do this + yeah, but you didn´t

es ist immer leicht, die fertige arbeit von jemandem in einzelteile zu zerlegen, und sich dann darüber auslassen, wie einfach das wohl wäre. aber das ist leider keine grundlage für kritik.

james blake ist vielleicht langsam oder ernst oder remixt "nur" irgendwelche songs – aber er tut es auf seine art, und die ist speziell und hat was. die drei ernsten konzentrierten jungen musiker haben authentisch gewirkt, und waren ehrlich gesagt angenehm zurückhaltend. sie haben gut in die kirche gepasst, und haben definitiv stimmung erzeugt. 9 von 10 punkten!

JazzPianist
20
Uebrigens

John cale soll eher enttaueschend gewesen sein

driftwood
00
stimmt nicht.

er war ganz und gar nicht entäuschend.

JazzPianist
10

Konnte cale selber leider nicht erleben
Einige Gäste berichteten mir am Samstag von einem enttäuschenden cale Gig.
Ich kann's ja auch nicht glauben.

JazzPianist
11
Sonja Sufi

komme gerade vom Gonja Sufi Gig
Der Mann hat schon Bühnenpräsenz, das muss man schon sagen.
Vor dem Konzert wird das Laptop Apferl und die dazugehörigen effektgeraete vom Meister persönlich energetisch mit Rauch gereinigt - das sicherheitspersonal vor der Bühne schaute schon skeptisch.
Interessante Band - die Songs meistens fragmentarisch dargeboten, spontane Stops, kurze Absprachen auf der Bühne
Dazwischen zirpt und dröhnt es aus dem Laptop
An die saalmixer: stimme total schlecht abgemischt
Musste während des Gig an cpt. Beefheart denken
An diesen energetisches Level kam die Band natürlich nicht heran
Diabolisches Konzert
Sonja Sufi ist ein derwisch

thomislav
00

interessehalber: wie war die band besetzt/instrumentiert?

JazzPianist
10

Gonja Sufi: stimme/Laptop/Kassettenrecorder
Gitarrist
Bassist
Schlagzeuger (der auch Keyboard spielte)

Hmm waehrend ich das so schreibe:
Peres ubu/David Thomas
Waren bereits 1979 um Lichtjahre voraus

Mit modern Dance

Und das ohne Laptop
Sondern
Mit modular analogem synth

JazzPianist
11
30.4.2011, 23:57

Schachinger, ich liebe Sie !

poledo2
 
00
30.4.2011, 23:00
der beste Schachinger...

...ever!

JazzPianist
00

:-)

-Oszillodrom-
00
30.4.2011, 13:53

Das is aber auch sehr lascher Dubstep! Und die Songs selber halt sehr fad.

-Oszillodrom-
00
30.4.2011, 16:45

v.a. Dubstep, der ja so schön proletig ist, auf geschmackvoll getrimmt...

thomislav
04
30.4.2011, 12:03

wertkonservativer als blake sind eigentlich nur die treibenden kräfte hinter diesem hype. kaum sitzt ein typ am klavier und deutet phänomene wie u.a. dubstep in richtung song, dann riechts auf einmal ganz streng nach kunst, wunderkind und genie blabla.

disco stu
00

stimmt. und das wahre wunderkind des dubstep ist und bleibt burial.

JazzPianist
00

and did we tell you the name of the game
boy
we call it riding the gravy train

(P.F/Have a cigar)

LinksSchreiber
05
30.4.2011, 11:07
Gut geätzt. Das opportune Werk wird ganz wunderbar mit jahrzehntelang ausgegorenen Kulturkritik-Säure übergossen.

mafate
11
29.4.2011, 23:12

Ohje, Herr Schachinger noch immer in der Midlife-Crisis!

struppy granata
10
29.4.2011, 21:25
warum

war eigentlich kein redakteur auf dem hervorragenden john grant konzert?

karl fluch
11

doch, drei sogar.

Mike McCready
00
unter uns...

ad panel: ein wenig abteilung "ich leg mich noch ein bisschen hin, bevor ich schlafen geh" war das schon eben seitens der aus berlin eingeflogenen spexonikin.

gute nacht.

struppy granata
00
kein bericht darüber?

ich und 4 andere zufällig auserwählte hatten das glück danach noch 2 stunden mit dem herrn grant zu reden und er hat uns auch noch 3 zugaben oben in der künstlergarderobe gespielt! ein absolut netter, höchst interessanter und intelligenter zeitgenosse...
super konzert auch

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