"Was schreiben Dichter im Exil?"

    29. April 2011, 17:16
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    Belletristik heißt Schreiben über den Menschen im Exil, selbst wenn er an dem Ort lebt, den man sein "Heimatland" nennt - Von Najem Wali

    Die wahre Heimat des Dichters ist aber die Sprache, in der er schreibt. Ein Essay.

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    Iokaste: Was fällt dem Flüchtling denn so schwer?
    Polyneikes: Eins ist das Schlimmste, dass er nicht frei reden darf -
    Iokaste: Nicht sagen dürfen, was man denkt, ist Sklavenlos.
    (Euripides, "Die Phönikerinnen" , zit. aus der Übers. von J. J. Donner)

    Exilschriftsteller werden oft gefragt, warum sie ihre Länder verlassen hätten und ob ihre Auswanderung nicht zur Folge habe, dass sie ihr Gedächtnis verlören und die ihnen vertrauten Orte, an denen sie viele Jahre gelebt haben, vergäßen. Man fragt sie, ob ihren Werken nicht die Wärme und Intimität dessen abhanden komme, der noch im Land lebe, und ob nicht ebenso ihre Stellungnahmen an Glaubwürdigkeit verlören. Seit dem vergangenen Jahrhundert ist bis heute kein Autor von einer solchen Frage verschont geblieben, ungeachtet seiner Nationalität und der Motive seines Fortgehens. Viele Künstler wurden des Verrats bezichtigt, weil sie ihre Heimat verlassen hatten, von Dante über Büchner, Joyce, Thomas Mann, Márquez, Kundera bis zu Vargas Llosa. Die Fragesteller interpretieren den Schriftsteller letztlich nicht aufgrund dessen, was er schreibt, sondern bewerten ihn anhand des Ortes, an dem er lebt bzw. anhand der "Lage seines Zimmers" .

    Auf die wichtigste Frage kommen jene Leute allerdings nicht: Muss die Ausreise ins Exil wirklich bedeuten, dass Gedächtnis und Vorstellungsvermögen des Schriftstellers beim Schreiben über das Leben "dort" abbrechen, sodass er nur noch über das Exil schreiben könnte? Ich antworte schlicht und ohne Bedenken: Nein. Denn Belletristik heißt Schreiben über den Menschen im Exil, selbst wenn er an dem Ort lebt, den man sein "Heimatland" nennt, wobei es sich aber mehr um einen politischen als um einen künstlerischen Begriff handelt. Denn letztlich ist die Heimat des Schriftstellers die Sprache, in der er schreibt und sein Haus die Welt, die er mit seiner Arbeit schafft, so wie die Heimat des Reisenden dort ist, wo er seinen Fuß hinsetzt. Es existiert keine feste Beziehung zwischen dem Ort, an dem ich wohne und schreibe, und der künstlerischen Vorstellung, die keinen bestimmten Ort und keine Grenzen kennt.

    Schließlich schreibt Vargas Llosa: "Wer sich da, wo er ist, nicht wohlfühlt, sollte fortreisen!" . Denn für wen Literatur die Atmosphäre bildet, die ihn umgibt, den interessiert nicht der Ort, an dem sie geschrieben wird, sondern nur die Reinheit der Luft, die er atmet und die Bedingung für seine Kunst ist. Welchen Wert hat ein Werk, das nicht freie Luft atmet und in Unfreiheit unter der Herrschaft eines Diktators oder eines gesellschaftlichen Tabus geschrieben wurde? Llosa weiß, dass er Gespräch in der Kathedrale und Das grüne Haus nicht hätte schreiben können, wenn er damals nicht in seinem Pariser Exil gelebt hätte. Gleichermaßen wusste Márquez, der über die Jahre oft bedroht wurde, dass er Kolumbien wieder verlassen würde, weil ihm dort die Ruhe fehlte, die er brauchte fürs Schreiben: wieder Exil.

    Er war nicht der erste, der sein Land außerhalb seines Landes suchte. Schon vor ihm erforschte James Joyce Dublin, das er leidenschaftlich hasste, außerhalb Dublins. Hat Joyce sein Land verraten, wie Fanatiker ihm vorwarfen? Hat auch Kundera dies getan, als er nach Paris ging? Konnten sie nur so tatsächlich schreiben, was sie "im Land" nicht hätten schreiben können, und der Text, den sie vollendet haben, erhielt erst so seinen Wert?

    Es geht nicht an, dass wir Schriftsteller aufgrund des Ortes bewerten, an dem sie wohnten, als sie ihre Werke verfassten. Was nutzt es, wenn ein Künstler an dem Ort bleibt, den man sein "Heimatland" nennt, wenn er den Text nicht schreiben kann, den er schreiben will? Ein Künstler, der ausreist, um in Freiheit schreiben und laut sprechen zu können, kann mehr bewirken als ein mutiger Künstler unter der Erde oder ein lebendiger Künstler mit verschlossenem Mund und trockener Feder. Das Problem für den Schriftsteller ist folglich nicht das "geografische" Exil.

    Zwar sind viele Schriftsteller und Künstler auch in geographischer Hinsicht im Exil, aber ich glaube, dass sie schon dort - im "Heimatland" - Verbannte waren. Und zwar seit dem Zeitpunkt, zu dem ihnen das Leid in dem Land, in dem sie geboren wurden und lebten, bewusst wurde, oder sagen wir, seit sie zum ersten Mal die Kopfschmerzen und Herzstiche verspürten, die sie ständig begleiteten, seit sie die Ungerechtigkeit des Staates dem Menschen gegenüber erblickt und sich dem gesellschaftlichen Druck widersetzt hatten, der zum Terror des Regimes hinzukam. Dieser Druck gab dem Regime die Legitimation, die es benötigte, um das Schöne zu vernichten.

    Wenn in einem Land das Überleben zum hauptsächlichen Lebenszweck wird, verwandelt sich das Schöne in diesem Land zu Leid, und das Land selbst wird zur Verbannung. Fremdsein und Exil beginnen, wenn der Mensch begreift, dass er allein und verlassen ist, wenn er nach festem Boden unter seinen Füßen sucht und dieser unter ihm nachgibt. So beginnt das Exil zunächst "dort" , im Heimatland, wenn der Mensch sich seiner schöpferischen Fähigkeit oder des Leids bewusst wird. Die "geografische" Verbannung ist seine tragische Fortsetzung. Nach dieser Interpretation lässt sich zu Recht sagen, dass alles künstlerische Schreiben letztlich künstlerische Verarbeitung des "Exils" ist, des ewigen Exils und der Fremdheit des Menschen, "hier" und "dort" .

    Viele großartige Werke der Weltliteratur wurden im Exil geschrieben, aber sie handeln nicht vom "geografischen" Exil, sondern erzählen von der Idee der ewigen Verbannung des Menschen und seiner Heimatlosigkeit in der Gesellschaft. Denn der Künstler ist Verbündeter des Transzendenten, seine Figuren sprechen eine menschliche Sprache, die Grenzen überschreitet und enger nationaler Begriffe spottet. Im Laufe der Jahrhunderte erkannten die Künstler, dass da, wo Herrschaft ist, auch Verbannung ist. Die Vorstellung des Exils ist unzertrennlich verbunden mit unserem ersten Vater Adam und unserer ersten Mutter Eva. Alle "Gesandten und Propheten" waren Verbannte, und große Literatur wurde von Verbannten geschrieben. Dies gilt für: Dante, Cervantes, Byron, Lenz, Büchner, Beckett, Joyce, Hesse, Remarque, Brecht, Mann, Zweig, Feuchtwanger, Antonio Machado und die meisten spanischen Dichter der Generation von 27, Neruda, Hikmet, Senghor, Ionesco, Asturias, Márquez, Cortázar, Llosa, Hedayat, Iqbal, Kundera u.a.

    Eine große Zahl von Schriftstellern hat ihr Exil nicht freiwillig gewählt, sie wurden aus "ihrem Land" vertrieben. Viele von ihnen fühlten, dass gerade die Entfernung von ihrem Land ihren Roman bereicherte. Denn können wir hohe Türme, Leuchttürme, Minarette, Kuppeln und Kirchtürme gut erkennen, wenn wir darunter sitzen? "Nein, nur wenn wir weit fort sitzen, sehen wir sie schöner!" In jedem Fall ist es für den Menschen besser, ins Exil zu gehen, als im Schatten eines Regimes zu bleiben, unter dem er nicht deutlich sagen kann, was er denkt. Genau darüber spricht Euripides in den Phönikerinnen.

    Aufgrund dessen versorgt das "Exil" den Künstler mit reinerer Luft, erspart ihm das "Sklavenlos" und die Zensur in ihren beiden Ausformungen, der offiziellen und der gesellschaftlichen (einschließlich der Selbstzensur). Selbstverständlich wird ein Schriftsteller sich auf dieses Abenteuer nicht einlassen, wenn ihm keine Freiheit gegeben ist; vor allem innere Freiheit, die die Bedingung für künstlerisches Schaffen und vom Ort unabhängig ist: Sie kennt nicht "Heimat" und nicht "Exil" , und jede Beschränkung für sie von "außen" , das heißt von außerhalb des Schriftstellers, oder auch "von innen" wird die Phantasie des Autors hemmen und seine schöpferischen Fähigkeiten beeinträchtigen.

    Die Roma und Sinti wissen dies, denn seit dem Tag, an dem sie die Nägel gestohlen haben sollen, mit denen der Messias gekreuzigt worden war, sind sie Vertriebene, die damit, dass sie von Ort zu Ort ziehen, den Preis dafür bezahlen, dass sie die Nägel behalten und niemandem geben werden. Einmal stellte ich - bei einer Tagung in Bukarest - dem Vorsitzenden des Weltrats der Roma und Sinti folgende Frage: "Alle Minderheiten streben, wenn sie über ihre Rechte sprechen, danach, einer großen Nation in einem Nachbarland anzugehören, die ihre Sprache spricht. Wonach streben die Roma und die Sinti?" Er sah mich an, lächelte und klopfte sich sanft mit der Hand aufs Herz: "Das ist das Heimatland, zu dem wir gehören." Eine Antwort ohne Romantik, das ist auch nicht verwunderlich, denn in der Sprache der Roma und der Sinti gibt es für "Heimat" und "Exil" keine Wörter.

    Vielleicht bildet diese Vision eine der Quellen des künstlerischen Schaffens, vielleicht wird sie die Schriftstellerei mit frischem Blut versorgen, und vielleicht ist sie es, die Mario Vargas Llosa schreiben lässt: "Wer sich da, wo er ist, nicht wohlfühlt, sollte fortreisen!" (Najem Wali, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 30. April/1. Mai 2011)

     

     

     

     

    Aus dem Arabischen übersetzt von Christine Battermann.

    Najem Wali, geb. 1956 im Irak, studierte deutsche Literatur an der Universität Bagdad, wurde 1980 als politisch Andersdenkender inhaftiert und gefoltert. Kurz nach Ausbruch des Irak-Iran-Krieges emigrierte er nach Deutschland. Es folgten Aufenthalte in Spanien, Oxford und Florenz. Heute lebt Wali als freier Autor in Berlin; er ist unter anderem Korrespondent der arabischen Zeitung Al Hayat. Die Reise nach Tell al-Lahm (2004) wurde ein Bestseller. Sein neuer Roman Engel des Südens ist soeben bei Hanser erschienen.

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