Mehr schwarze Schafe im Geschäft mit den Armen

29. April 2011, 14:23
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Die Mikrofinanz-Genossenschaft Oikocredit konnte das Anlagenvolumen im Jahresvergleich um 63 Prozent steigern

Wien - Die weltweit tätige Mikrofinanz-Genossenschaft Oikocredit konnte in Österreich 2010 das Anlagenvolumen im Jahresvergleich um 63 Prozent steigern. Das Volumen stieg damit um rund zehn auf 24,8 Mio. Euro. Mit 670 neuen Mitgliedern verzeichnete Oikocredit Ende des Jahres 2.328 Anleger, das ist ein Plus von 40 Prozent. Schon im Vorjahr hatte es trotz Finanzkrise ähnliche Steigerungsraten gegeben. "Dennoch habe ich gemischte Gefühle, denn wir haben immer noch ein Riesenproblem mit der Armut", sagte der Österreich-Vorstand von Oikocredit und Ex-Chef der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, Peter Püspök, am Freitag vor Journalisten.

International erhielt Oikocredit neues Kapital in Höhe von 87 Mio. Euro, womit das Gesamtkreditvolumen auf 481 Mio. Euro anwuchs. Diese Summe wurde an weltweit 20 Mio. Menschen vergeben, vor allem in Form von Kleinstkrediten. Die Ausfallrate betrug nach Angaben der Organisation weniger als ein Prozent. Über 40 Prozent des Kreditvolumens flossen dabei nach Lateinamerika, 32 Prozent nach Asien und 14 Prozent nach Afrika. "Wir würden liebend gerne mehr in Afrika investieren, aber die politische Instabilität ist ein großes Problem", sagte Püspök. Mikrokredite würden von den Machthabern in vielen der afrikanischen Länder nicht gerne gesehen, "weil es kaum etwas abzuschöpfen gibt".

Immer mehr schwarze Schafe

Das weltweite Volumen des Mikrokredit-Marktes schätzt Püspök auf rund 100 Mrd. Dollar (676 Mrd. Euro). In der letzten Zeit habe es dabei immer mehr "schwarze Schafe" gegeben, die mit rein kommerziellen Interessen und hohen Zinsen in Erscheinung getreten seien. Die Trennung zwischen Gut und Böse sei aber schwierig, so Püspök: "Es sind nicht nur weiße und schwarze, sondern auch hellgraue und dunkelgraue Schafe unterwegs." Oikocredit ziehe aus den öffentlich gewordenen Skandalen die Lehre, sich von nun an noch klarer als soziale Organisation zu positionieren und sich von den kommerziellen Mikrofinanzierern abzugrenzen. "Wir sprechen die Probleme selbst offen an und hoffen, dass wir als seriöse Organisation sogar einen Schub erhalten können."

Um den Anlegern eine Orientierung zu geben und um sich von den "schwarzen Schafen" abzugrenzen, wurden im Jänner bei der UN eine Reihe von Richtlinien für Mikrofinanzierer festgelegt. Demnach müssen "seriöse" Investoren ihre Kunden fair behandeln und mit ausreichend Beratung zur Seite stehen. Die Konditionen des Kredits müssen klar und verständlich sein, außerdem müssen sich die Organisationen zu verantwortungsvollen Investments und zur Ausweitung des Angebots bekennen. Denn nicht nur die Kreditvergabe, auch das Sparen sei ein wichtiges Mittel auf dem Weg aus der Armut. Grundsätzlich wünschen sich die Geschäftsführer ein richtiges UN-Gütesiegel für Mikrofinanzinstitute, doch der Weg dahin sei noch weit.

"Wir prüfen jede Mikrofinanzinstitution und jedes Projekt, das wir re-finanzieren", betonte der stellvertretende Vorstandschef von Oikocredit-Austria, Günter Lenhart. Die Hälfte der weltweit über 850 Projektpartner seien Non-Profit-Organisationen, weitere 30 Prozent kleine Finanzinstitute und 20 Prozent größere Unternehmen. Mitunter sei es schwer, die richtigen Geschäftspartner auszuwählen, die die Kredite verteilen. Das Entscheidende ist, dass unsere Partner eine soziale Motivation haben, unterstrich Püspök. Aber: "Wir legen großen Wert auf Professionalität. Die meisten Angestellten werden ganz normal bezahlt, wir verteilen hier keine Spenden."

Geld für Bedürftige

Anleger, die bei Oikocredit investieren, erwerben einen Anteil an der Genossenschaft. Die jährliche Dividende beträgt zwei Prozent der Anlage, wobei der Mindestbetrag bei 200 Euro liegt. Oikocredit übermittelt das Geld an regionale Geschäftspartner, die die Anlagen an Bedürftige verleihen, auf dass diese mit einer eigenen Geschäftsidee den Weg aus der Armut finden. (APA)

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    Die "Guten" von den "Bösen" zu unterscheiden ist gar nicht so einfach. UN-Richtlinien sollen Abhilfe schaffen.

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