Frühe Gewaltprävention für Risikokinder

29. April 2011, 14:31
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Präventionsangebot hilft aggressives kindliches Verhalten zu entschlüsseln

Verwahrlosung, Gewalt und Zunahme von Sucht- und Depressionserkrankungen gehören nicht selten zu den Folgen einer problematischen Kindheit. 70 Prozent der schweren Gewalttäter sind als Kinder selbst misshandelt worden. Deshalb werden Stimmen immer lauter, die eine möglichst frühe Prävention bei Risikokindern fordern. „Psychoanalytische, entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse weisen übereinstimmend darauf hin, wie vielversprechend und nachhaltig frühe Förderungen und Interventionen sind", erklärt Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts. Sie untersucht mit ihrem Team die Wirksamkeit zweier Programme zur Frühprävention und berichtet über erste Ergebnisse in der neusten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins der Goethe-Universität „Forschung Frankfurt".

„Faustlos" und „Frühe Schritte"

Für die beiden Präventionsprogramme „Faustlos" und „Frühe Schritte", deren Wirksamkeit jetzt im „EVA"-Projekt des Forschungszentrums IDeA („Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk") untersucht wird, wurden 14 Kindertagesstätten in Frankfurter Stadtteilen ausgewählt, in denen sich soziale Problemlagen verdichten. Nachdem „Frühe Schritte", das aus verschiedenen Bausteinen zur Beratung und Betreuung von Kindern, Eltern, Erzieherinnen und Erziehern besteht, über mehrere Monate in den Tagesstätten umgesetzt worden ist, zeigt sich, dass aggressives und ängstliches Verhalten, aber auch Hyperaktivität statistisch signifikant zurückgegangen sind (vgl. www.sigmund-freud-institut.de).

„Frühe Schritte", entwickelt von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit dem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (IAKJP) am Sigmund-Freud-Institut, sucht den „verstehenden Zugang zum einzelnen Kind und seiner Familie". Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts erläutert: „Wir betrachten auffälliges und störendes Verhalten nicht primär als Fehlverhalten, sondern als Ausdruck eines verborgenen, unbewussten, sinnvollen psychischen Geschehens. Daher gilt es zunächst einmal, das Verhalten eines Kindes - das kann aggressiv, hyperaktiv, aber auch ängstlich zurückhaltend sein - zu entschlüsseln und nicht möglichst schnell zum Verschwinden zu bringen."

Bindungen entwickeln

Ein Kind, das durch eine schwierige Beziehung zu einer Bezugsperson belastet ist, braucht die Chance und die Zeit, eine sichere Bindung entwickeln und sich so verschiedenen Lebenssituationen im Verhalten und Fühlen anpassen zu können. Dazu gibt es vielfältige Hilfsangebote. In weniger schweren Fällen können schon Gespräche mit den Eltern, angeleitet von Psychologen und Erziehern, sowie eine intensive Beschäftigung mit dem Kind etwas in Bewegung setzen. Häufiger ist eine Therapie für das Kind sinnvoll und findet nach ausgiebigen Gesprächen auch die Zustimmung der Eltern. „Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass insbesondere Mütter erleichtert sind, über die Probleme ihres Kindes und ihrer Familie reden zu können. Die wenigsten wissen auch, dass eine Therapie zu den Leistungen der Krankenkasse gehört", so Leuzinger-Bohleber. Gut investiertes Geld - der Nobelpreisträger für Ökonomie von 2008, James Heckmann, hat in einer viel beachteten Analyse aufgezeigt, dass sich Frühprävention rechnet: Jeder Dollar, der dort investiert wird, spart später das Achtfache.

Aus der Bindungsforschung ist bekannt, dass ein Kind nur dann aktiv seine Umgebung erkundet, wenn es sich sicher fühlt und Schutz bei seiner primären Bezugsperson findet. Um dies zu testen, haben Psychologen ein besonders Puppenhausspiel entwickelt („Machester Child Attachement Story Task" - kurz MCAST). Dieses standardisierte experimentelle Verfahren setzt auch das Frankfurter Team ein. Zunächst beginnt der Untersucher mit einer Geschichte, die das Bindungssystem des Kindes aktiviert. Ein Beispiel: Der kleine Rachid verliert seine Mutter im Kaufhaus - wie spielt das Kind diese Story weiter? Ein Junge setzt diese so fort um: Seine Mutter findet ihn wieder und schlägt ihn, anschließend schlägt er sie - und verliert immer mehr die Kontrolle. Wenn in solchen Situationen Aggression so stark durchbricht, dann ist dies für die Psychologen ein Alarmzeichen: Die Bindung zur primären Bezugsperson scheint erheblich gestört.

Die Mutter, von einer Erzieherin über den Verlauf des Puppenspiels informiert, kennt vergleichbare Szenen mit ihrem Sohn im häuslichen Umfeld. Sie lebt in einer desolaten psychischen und psychosozialen Situation, hat sich unter anderem gerade von ihrem zweiten alkoholkranken und gewalttätigen Mann getrennt. Hier setzt akute Krisenintervention für Mutter und Kind an - kein Einzelfall, wie die Untersuchung der Risikokinder im „EVA"-Projekt zeigt.

„In unserer Stichprobe finden wir auffallend wenige Kinder mit einer sicheren Bindung, es sind nur 35 Prozent ; in internationalen Studien, in denen nicht nur Risikokinder berücksichtigt wurden, gehören fast 70 Prozent zu diesem sicheren Bindungstyp", so Katrin Luise Läzer, wissenschaftliche Mitarbeiterin im „EVA"-Team. „23 Prozent der von uns untersuchten Kinder zählen zu dem unsicher-desorganisierten Bindungstyp, der häufig für schwer traumatisierte Kinder charakteristisch ist. Auch dies steht im starken Kontrast zu einer der erwähnten anderen Studien, in der nur bei 3 Prozent der Kinder der unsicher-desorgansierte Bindungstyp festgestellt wurden." (red)

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