Gemma Kitty!

23. April 2011, 09:00
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Von 15 Uhr bis 19 Uhr ist Partytime

Edlinger: Auf der Website gutefrage.net hat jemand vor kurzem eine interessante Stilfrage gestellt. Kann man als Mann "Hello Kitty"-T-Shirts tragen?

Divjak: Ich dachte immer, "Hello Kitty" mit seinen süßen Katzengesichtern ist ausschließlich für Frauen im Prinzessinnenalter.

E: Denkst du. Auch Männer haben heute ein Recht auf verschärfte Sandkistenoutfits. Oder sagen wir so: Metrosexualität gehört nicht nur David Beckham, Christian Rainer und den Krochas.

D: Die Krochas? Gibt's die noch?

E: Bei mir ums Eck stehen jedenfalls derartige Typen herum, auch wenn sie sich nie und nimmer mehr so nennen würden. Solariumgegerbt, muskelgestählt. Vom Gehabe her eher brünftiger Hirsch, aber das Ganze in weißen Schlüpfern und mit Goldketterln. Und in hautengen rosa T-Shirts.

D: Aber ohne Katzenglubschaugen, oder?

E: Kann ja noch kommen. "Gemma Kitty" oder so. Katzen sind aber nicht nur bei der Jugend beliebt. Diese süßen Dinger! Der Inbegriff der Niedlichkeit, um nicht zu sagen: der Infantilität. Ein paar Millionen Katzenvideos im Netz können nicht irren.

D: Umgekehrt sind die lieben Kids nun bei allen möglichen Erwachsenenveranstaltungen dabei, wo sie früher nichts verloren hatten, etwa bei Baby-Clubbings für junge Eltern. Die heißen dann "Shake Baby Shake" oder "Minimix". Und volljährige DJs sorgen für wohldosierte Zimmergeschreilautstärke. Dazu serviert man Kekse statt Wodka und Kinderschminken statt Koks am Klo. Partytime ist von 15 bis 19 Uhr.

E: Das ist ja noch früher als die After-Work-Clubbings! Fragt sich nur, wer da wem einen Gefallen tut: die Eltern den Kleinen oder die Kleinen den Eltern.

D: Ich stelle mir das Drama im Badezimmer um Punkt zwei und die Vorglühphase um halb drei vor: Nein, Mama, den rosa Lippenstift möchte ich aufmalen! Und noch ein Kinderbier! Ex oder - nein, das sagt man nicht!

E: Wenn die Mutti sich den Lippenstift von der Tochter ausborgen muss und der Papi verzweifelt, weil der Kleine sich auf der Mini-Tanzfläche in den Schritt greift, dann ist etwas schiefgelaufen mit der antiautoritären Erziehung.

D: Na ja, es kommt bald der Backlash. Die gestrengen Moms in den asiatischen Tigerstaaten machen es schon vor.

E: Rückkehr des klassischen Drills?

D: Für die, die unbedingt nach oben sollen, weil die Eltern in Wahrheit wahnsinnige Abstiegsängste haben, gilt das sicher.

E: Vielleicht ahnen die Sechsjährigen von heute schon etwas. Der Sohn von Freunden von mir hat vor kurzem seine Mutter gefragt: "Mami, wie waren eigentlich die Siebziger? Eh lustig, oder?" (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 23./24./25. April 2011)

Paul Divjak ist Autor, Konzeptkünstler und Kulturwissenschafter.

Thomas Edlinger ist Radiojournalist (FM 4 "Im Sumpf"), Autor und fallweise Kurator.

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