Porno für Frutarier

29. April 2011, 17:14
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Öko-Gemüse im Einsatz unter der Gürtellinie

Edlinger: Hast du schon von den Frutariern gehört? Das sind die, die nur essen, was die Natur freiwillig hergibt. Erlaubt ist nur, was vom Himmel bzw. von Bäumen und Sträuchern fällt.

Divjak: Das heißt Salat graben, Äpfel pflücken, Kartoffeln ernten, Bäume schneiden ...

E: ... alles verboten. Ganz zu schweigen von der Schlachtung eines Einzellers.

D: Frutarier, das klingt sehr edel. Fast so wie Rotarier auf Öko. Oder wie eine Mönchsbewegung der Nachhaltigkeit. Wie viele Mitglieder hat denn dieser fruchtorientierte Bettelorden?

E: Ich glaube, das weiß niemand so genau. Nicht einmal Wikipedia. Ich kenne jedenfalls keinen, und ich kenne auch keinen, der einen kennt. Vielleicht ist das Ganze nur eine "urban legend" ...

D: Würde aber gut zur neuen grünen Moral passen. Quasi als Evangelium der Fundamentalisten: Du sollst Mutter Natur ehren und ihr gefälligst nichts antun. Realos verbünden sich mit Wutbürgern, bauen Fahrradwege und gewinnen damit Wahlen - zumindest in Deutschland.

E: Oder sie machen Porno.

D: Wie bitte?

E: Bumsen für den Regenwald. Gibt es wirklich. Das Ganze heißt Fuck for Forest und ist die erste Öko-Porno-Website.

D: Öko-Porno? Sex in der freien Natur? Ohne Plastikkondome und Latexpipapo oder wie?

E: Die Website schaut jedenfalls ziemlich naturwüchsig und hippiesk aus. Tomaten, Gurken, Vögel, Affen und viele lustige Ornamente. Gegen Gebühr darf man dem skandinavischen Gründerpaar und seinen Freunden bei der, äh, natürlichsten Sache der Welt zuschauen. Der Großteil des Gelds fließt dann angeblich in diverse Öko-Projekte.

D: Dass Grün-Sein einmal derart mehrheitsfähig sein würde, hätte ich mir nicht gedacht.

E: Man muss umdenken: Es gibt ja auch Veg-Porn als Lifestyle.

D: Was ist das wieder? Irgendeine Spezialdisziplin mit viel Gemüse im Genitaleinsatz?

E: Nicht unbedingt. Damit sind Pornomacherinnen gemeint, die zu ihren Amateurfilmchen vegane Rezepte und Tipps für vegetarische Restaurants mitliefern. Gleichsam unter dem Motto: "Eat pussy, not pork".

D: Kurios. Ich glaube, mit dem Öko-Schmäh lässt sich mittlerweile echt alles verkaufen. Bei meiner Ehr'!

E: Na ja, noch sind die Ökos nicht für alle die neuen Heiligen. Als ich letztens mit dem Rad in der Stadt unterwegs war, hat mich ein Typ mit ökologisch bzw. offenbar auch physiologisch schwer verträglicher Bierdose in der Hand angebrüllt: "Hey, du glaubst, du bist öko? Da ist überall Smog in der Stadt! - Ich lach' dich aus, du Hurensohn!" (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 30. April, 1. Mai 2011)

Paul Divjak ist Autor, Konzeptkünstler und Kulturwissenschafter.

Thomas Edlinger ist Radiojournalist (FM 4 "Im Sumpf"), Autor und fallweise Kurator.

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