IT in der Dritten Welt

Die goldene Kugel geben

Eduardo Villanueva, 29. April 2011, 11:13

So gut gemeint die großflächige Versorgung unterentwickelter Länder mit IT-Technologie ist, so sehr geht sie am Kern des Problems vorbei

Komplexe Probleme brauchen komplexe Lösungen. Regionale Umstände verlangen nach regionalen Antworten. Diese zwei Punkte sollten eigentlich grundlegend für die internationale Entwicklungszusammenarbeit sein. Sie basiert auf dem Konsens, dass die Bestrebungen von Entwicklungs- und Schwellenländern gleichermaßen von allgemeingültigen Lebensstandards und von lokalen Erwartungen, Praktiken und Vorurteilen abhängig sind. Entwicklungszusammenarbeit ist multidimensional; und oftmals ist Technologie ein Teil der vorgeschlagenen Lösungsansätze. Unterstützung ist notwendig - aber leider ist sie oftmals eher Hindernis als Hilfestellung.

Hilfe ist nicht gleichbedeutend mit Fortschritt

Dabei ist das Problem gar nicht, dass Entwicklungszusammenarbeit keine neuen Ansätze hervorbringen oder verfolgen kann. Doch Hilfe ist oftmals an Erwartungen gekoppelt, die nichts mit den lokalen Kulturen zu tun haben und die Konsequenzen der Zusammenarbeit aus den Augen verlieren. Hilfe ist nicht gleichbedeutend mit Fortschritt. Das ist vor allem im Kontext der technologischen Entwicklung ersichtlich. Kommunikationsbasierte Programme zielen auf die Lösungen nationaler Probleme ab und funktionieren nur, wenn die Anwendung entlang genau definierter Richtlinien erfolgt.

Das Programm "One Laptop Per Child" (OLPC) ist ein gutes Beispiel dafür. Es hat eine stark ideologisch gefärbte Komponente: Die Annahme, dass die Technologisierung eine goldene Kugel darstellt, die immer ins Schwarze trifft. Da macht es auch keinen Unterschied, dass lokale Einschätzungen andere Prioritäten setzen. Projekten wie OLPC fehlt die Selbstreflexion. Sie fordern: „Hier habt ihr ein Werkzeug. Jetzt ändert euer Verhalten so, dass ihr es auch benutzen könnt!"

Trotz der Irrsinnigkeit dieser Überlegungen glauben die Macher von OLPC immer noch daran, das Leben der Menschen zwischen Afghanistan und Uruguay verändern zu können. Am Ende bleibt ein Werkzeug auch nur ein Mittel zum Zweck. Erfolg hängt von Engagement und Kompromissbereitschaft auf lokaler Ebene ab, er kommt nicht per Fallschirm angeschwebt, sondern wird vor Ort erarbeitet.

Viele Programme helfen vor allem Firmen aus den Herkunftsländern

Natürlich sind viele technologiebasierte Ansätze vielschichtiger als OLPC. Hinter dem Fachjargon verbirgt sich dabei oftmals der Wille, einem größeren Anteil der Bevölkerung zu helfen. Das Versprechen: Die Anwendung von Kommunikationstechnologien im Bereich der Landwirtschaft, der Gesundheitsversorgung oder der Bildung kann interessante neue Perspektiven aufzeigen.

Doch darin liegt das Problem. Wenn man die Ursachen ignoriert, die Entwicklungszusammenarbeit überhaupt notwendig machen, wird man am Ende scheitern. Das ist so, als ginge man davon aus, dass ein Reiseführer wirklich dazu beitragen kann, dass Touristen ein Land „verstehen" und nicht ihre Bedürfnisse auf Kosten der lokalen Bevölkerung priorisieren. Gleichsam ist es naiv und herablassend, davon auszugehen, dass Menschen auf das Angebot der technologischen Hilfe auf ganz bestimmte Art reagieren werden. Wenn man Entwicklungsländer zwingt, solche Programme umzusetzen, hilft es vor allem den Firmen in den Herkunftsländern und dem Gewissen der dortigen Spender.

Ein nachhaltiger Plan für die Zusammenführung von Technologie und Entwicklungshilfe sollte mit dem Ansatz beginnen, dass die Menschen vor Ort nach ihren Bedürfnissen gefragt werden und eigenständig Lösungsansätze entwickeln. Nur unter diesen Konditionen kann Technologie wirklich zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Der traditionelle Ansatz funktioniert nicht, hat nie funktioniert und wird nie funktionieren. (derStandard.at, 29.4.2011)

Autor

Eduardo Villanueva, The European, der Professor am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften an der Pontificia Universidad Católica del Perú ist Autor von "Vida Digital" und Mitherausgeber der Zeitschrift "Community Informatics". Villanueva ist Berater für den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien in der Entwicklungszusammenarbeit und im Bildungssektor in Peru

Reich sein muss sich lohnen!
00
30.4.2011, 08:45
Entwicklungshilfe:

1) Man drängt dem Land Kredite auf die sie nie zurückzahlen können

2) Mit diesem Geld werden Infrastruktur-Projekte durch westlichen Firmen umgesetzt (das Geld verlässt das Land also umgehend wieder)

3) Da die Kredite nicht bedient werden können "bietet" man dem Land an mit Rohstoffen zu bezahlen.

Fazit:
Man kommt nun billig an die Rohstoffe des jeweiligen Landes und die dafür notwendige Infrastruktur wird auch noch von dem jeweiligen Land bezahlt.

Armatya
00
29.4.2011, 19:28
the media is the message ...

also auch ein bissl eine Frage von Angebot und Nachfrage - und neben Mobiltelefonen wird man wohl auch bald nicht mehr ohne das Internet in Entwicklungsländern leben können. Das sind Entwicklungsschübe - so oder so, Herr Professor. Oder haben sie in den 60ern übers Fernsehen auch so geschrieben? Schaun sie mal wie viele Satanlagen in Slums heute auffindbar sind.

Sarang He
03
29.4.2011, 14:48
Die meisten Entwicklungsländern zeichnen sich durch eine extrem reiche kleine hochkorrupte "Elite" aus, die das in den Entwicklungsländern erwirtschaftete Geld in London oder anderen Finanzplätzen parken

und gleichzeitig um Entwicklungshilfe betteln.

Werner FROELICH
01
29.4.2011, 19:15
das sind auch die Leute

mit denen unsere Politiker 'befreundet' sind!

GOTT (himself)
02
29.4.2011, 16:24
Ich seh da jetzt keinen gravierenden

Unterschied zu den Parteispitzen in ÖVP, CDU, SPÖ, SPD etc, etc.

Die betteln halt nicht um Entwicklungshilfegelder - die bedienen sich gleich selber!

Sarang He
01
29.4.2011, 22:57
der gravierende Unterschied aber ist

ein Teil des von ÖVP, CDU, SPÖ, SPD, FDP, etc abgezockten Geld wurde und wird im Gegensatz zu den Entwicklungsländern doch noch im eigenen Land reinvestiert.

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