Michael Krammer verspricht besseren 3G-Empfang und erklärt iPhone-Präferenz
Die heimischen Mobilfunkanbieter Orange und T-Mobile haben die Zusammenarbeit beim Netzausbau angekündigt. Im Interview mit derStandard.at erklärt Orange-Chef Michael Krammer, was sich Kunden davon erwarten können. Überdies gibt er einen Einblick in den Fahrplan für den nächsten Mobilfunkstandard LTE, Ideen für kundenfreundlicheres Roaming, Fehltritte bei der Tarifgestaltung, die Pläne zur Verbesserung des U-Bahn-Empfangs in Wien, die belebende Rivalität zwischen iPhone und Android-Smartphones und erläutert, weshalb er auf ein Comeback von Nokia hofft. "Es geht primär um die Funktionalität und nicht um das Betriebssystem an
sich", sagt Krammer im Gespräch mit Zsolt Wilhelm.
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derStandard.at: Orange und T-Mobile haben die Zusammenarbeit beim
Netzausbau angekündigt. Was können sich Kunden davon erwarten?
Michael Krammer: Wir rechnen, dass wir im vierten Quartal damit
beginnen können. Die Kunden werden das in Form einer besseren 3G-Netzabdeckung
wahrnehmen können. Dort wo heute T-Mobile geht und Orange nicht, wird in
Zukunft auf Orange gehen. Und umgekehrt.
derStandard.at: Heißt das, dass auch bestehende Netzkapazitäten
geteilt werden?
Krammer: Es gibt heute bestehende Orange 3G-Stationen, auf denen in
Zukunft ein zusätzlicher Träger von T-Mobile eingeschoben wird und über die
gleiche Antenne beide Funksignale gesendet werden. Aber die
Kapazitätenbereitstellung dahinter erfolgt natürlich im doppelten Ausmaß.
derStandard.at: Was erhoffen Sie sich von Unternehmensseite?
Krammer: Das ist eine erhebliche Kostenersparnis. Man kann sagen,
wenn ich eine Station alleine errichte, kostet das in etwa 80.000 Euro. Das
RAN-Sharing einer bestehenden Station kostet das in etwa ein Zehntel davon.
derStandard.at: Betrifft die Kooperation auch den Ausbau auf den
nächsten Mobilfunkstandard LTE?
Krammer: Im Moment ist die Zusammenarbeit nur auf 3G festgelegt.
derStandard.at: Weshalb besiegelt man das nicht auch gleich für LTE?
Krammer: Naja, LTE ist bislang in Österreich nur auf der 2,6
GHz-Frequenz möglich, die sich nur für die städtische Abdeckung eignet. Wir
erwarten bald einen Entscheid über die Nutzung weiterer Frequenzen für LTE. Und
wir wollen diese Entscheidung abwarten, bevor wir festlegen, auf welcher
Frequenz wir LTE im großen Stil ausbauen.
derStandard.at: Wann, denken Sie, wird es soweit sein?
Krammer: Also wir rechnen noch in diesem Jahr mit einem Entscheid der
Regulierungsbehörde.
derStandard.at: Dass heißt, LTE-Produkte für die Kunden wird es nicht
so bald geben.
Krammer: Ja. Wir testen zwar gerade LTE auf 2,6 GHz (etwa in Wr.
Neustadt), aber nachdem es bisher bis auf ein paar Datensticks ja auch noch
kaum Endgeräte gibt - kein einziges Smartphone unterstützt bisher 2,6 GHz -
läuft uns derzeit der Markt wirklich nicht davon. Ich glaube daher, dass es
vollkommen ausreicht, wenn wir im Laufe des Jahres 2012 damit beginnen, LTE
kommerziell zu nutzen.
derStandard.at: Eine Bitte von Leser-Seite aus wäre, dass man im Zuge
des Netzausbaues auch den Empfang im Wiener U-Bahn-Netz verbessert.
Krammer: Wir sind uns dieser Problematik bewusst und wir sind gerade
dabei dies zu evaluieren. Allerdings sind, soweit ich das sehe, die
Vorstellungen auf Seiten der Wiener Stadtwerke bezüglich der Nutzungsmiete noch
auf einem Niveau, die sich mit den Österreichischen Mobilfunkpreisen nicht
vereinbaren lassen.
derStandard.at: Die Wiener Grünen haben indes durchblicken lassen,
dass sie gerne ein flächendeckendes Gratis-WiFi-Netz in Wien errichten würden.
Wäre das ein Knüppel zwischen die Beine der Netzbetreiber?
Krammer: Das stört uns überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass ein
flächendeckendes WLAN errichtet aus der öffentlichen Hand jemals ein
Mobilfunknetz ersetzen kann. Ich bin nur etwas verwundert, dass Wien bei einer
derart guten Netzabdeckung öffentliche Mittel zur Errichtung eines WiFi-Netzes
einsetzen möchte. Gibt es da nicht sinnvollere Investitionsmöglichkeiten?
derStandard.at: Sie fürchten also keine Wettbewerbsbehinderung?
Krammer: Nein. Das bringt vielleicht etwas den Touristen, die dann
keine Roaming zahlen müssen. Ich glaube aber nicht, dass ein Mobilfunkkunde
deshalb seinen Vertrag kündigen würde.
derStandard.at: Stichwort Roaming. Auf dem Mobile World Congress in
Barcelona wurden die ersten "Roaming Flatrates" vorgestellt. Wann,
glauben Sie, werden Kunden zumindest europaweit zu nationalen Kosten surfen
können?
Krammer: Wenn Sie die Österreichischen Preise hernehmen, dann halte
ich diese Vorstellung noch für sehr weit weg. Wenn man allerdings die
europäischen Hochpreisländer hernimmt, dann sind wir von diesem Ziel nicht mehr
sehr weit entfernt.
derStandard.at: Dennoch ist vor allem Datenroaming auch bei den
heimischen Standard-Tarifen noch eine sehr teure Angelegenheit...
Krammer: Das ist richtig. Hier gibt es zwei Aufgabenstellungen. Zum
einen müssen die Datenroaming-Preise auch bei den Standard-Tarifen auf ein
vernünftiges Niveau gesenkt werden. Zum anderen muss ein System eingerichtet
werden, das den Kunden im Ausland noch vor dem ersten Roaming informiert und
ermöglicht, ein entsprechendes Datenroaming-Paket per Knopfdruck zu aktivieren.
derStandard.at: Wird Orange diesen Sommer Bestandskunden wieder ein
Roaming-Guthaben schenken?
Krammer: Das geben wir jetzt noch nicht bekannt.
derStandard.at: Bei den heimischen Tarifen zeigt der Trend ja
ebenfalls nach wie vor nach unten. Allerdings ist es auffällig, dass mache
Mobilfunker damit begonnen haben, irgendwelche künstlichen Gebühren einführen.
Bei A1 gibt es eine jährliche „SIM-Kartenpauschale", bei Orange müssen
iPhone-Kunden für Standard-Funktionen wie Tethering extra zahlen... Sind
versteckte Kosten die Antwort auf sinkende Tarifpreise?
Krammer: Ich halte diese Entwicklung mit irgendwelchen Zusatzgebühren,
SIM-Pauschalen, etc. für falsch. Es ist nicht ganz einfach diese Dinge wieder
alle wegzubringen und zu lösen, aber wir arbeiten daran. Das betrifft auch das
Thema „Tethering beim iPhone".
derStandard.at: Diese Tethering-Gebühr für iPhone-Nutzer soll also
fallen?
Krammer: Ja, richtig.
derStandard.at: Fein. Bleiben wir beim iPhone: Wann kommt das iPhone
4 in weiß (Anm.: das Interview fand am 26. April statt) und wann kommt das iPhone 5?
Krammer: Das weiße iPhone 4 kommt in den nächsten Tagen. Zum Start
des iPhone 5 habe ich keine Ahnung. Den kolportierten Gerüchten nach tippe ich
eher auf Herbst.
derStandard.at: Befürchten Sie durch die Verspätung um ein paar
Monate Umsatzeinbußen (etwa durch ausbleibende Neuanmeldungen)?
Krammer: Nein, ganz sicher nicht. Solange nichts Genaues über das
iPhone 5 bekannt ist, wird der iPhone 4-Verkauf ganz normal weitergehen. Es
werden jetzt auch einige kommen, die seit die ihr iPhone 3G oder 3GS gegen ein
weißes iPhone 4 tauschen. Und abgesehen davon gibt es auch immer mehr
alternative Geräte, die sehr gute Verkaufszahlen aufweisen.
derStandard.at: International geht der Trend ja ganz klar in Richtung
Android. Können Sie diesen Trend für Österreich bestätigen?
Krammer: Ja klar. Das liegt an der Offenheit des Systems, aber das
sind natürlich auch zwei völlig verschiedene strategische Ansätze. Es gibt
einfach sehr viel verschiedene Android-Handys. Aber es kann auch nicht von
Apple das Ziel sein, mit einem Gerät mit Google mitzuhalten. Das kann ich mir
nicht vorstellen.
derStandard.at: Aus der Sicht eines Mobilfunkers: Ist das iPhone für
Sie interessanter, sprechen Sie damit eine potentere Kundschaft an bzw. können
Sie das iPhone teurer verkaufen?
Krammer: Also dazu muss man sagen, dass jedes hoch entwickelte
Smartphone - egal, ob es auf iOS, Android, Symbian oder Windows Phone basiert -
in etwa den gleichen Umsatz pro Kunden bzw. die gleiche Marge erzeugt. Das
heißt, es geht primär um die Funktionalität und nicht um das Betriebssystem an
sich.
derStandard.at: Demnach können Sie ein iPhone nicht teurer verkaufen,
als ein gleich entwickeltes Android-Smartphone?
Krammer: Definitiv nicht. Wenn ich ein iPhone um 299 Euro und ein
gleichwertiges Android-Handy daneben um 99 Euro anbiete, werde ich vom
Android-Gerät definitiv mehr verkaufen. Wenn der Preis gleich ist, wird schon
eher zu Apple gegriffen. Aber auch das kann sich ändern.
derStandard.at: Im Jänner haben Nokia und Microsoft eine langfristige
Kooperation angekündigt. Glauben Sie wird das den Markt aufrütteln?
Krammer: Ich glaube und hoffe, dass Nokia zusammen mit Microsoft ein
Comeback schafft. Es ist der letzte große Vertreter der europäischen
Mobilfunkindustrie. Nokia macht nach wie vor hervorragende Hardware und ich
hoffe, dass sie mit Microsoft und Windows wirklichen einen großen Schritt nach
vorne schaffen. Mir persönlich gefällt Windows Phone sehr gut. Es ist schnell
und einfach zu bedienen und hat alle Voraussetzungen, um Nokia zu alter Stärke
zurückzubringen.
(Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 1.5.2011)