Von Harvard an den Fuß des Himalaya

28. April 2011, 23:08
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Tibets neuer Exilpremier Lobsang Sangay setzt auf Dialog

Schon äußerlich symbolisiert er den Abschied von der 400-jährigen Herrschaft der Mönche: Statt Kutte trägt er Anzug, statt zu meditieren, lehrte er bisher lieber Recht an der renommierten Harvard-Universität in den USA. Der 43-jährige Lobsang Sangay ist zum neuen Regierungschef der Exil-Tibeter gewählt worden - und soll den Dalai Lama als politisches Oberhaupt beerben. Der 75-jährige "Gottkönig" hatte im April angekündigt, dass er geistliches Oberhaupt bleibe, aber nach 60 Jahren als politischer Führer zurücktreten werde.

Gebildet, auslandserfahren und redegewandt, scheint Sangay die Idealbesetzung für die Rolle. Von Anfang an galt der Vater einer vierjährigen Tochter, der seit 1995 in den USA lebt, als Favorit. Für die Tibeter ist es mehr als ein Generationenwechsel, für sie ist es das Ende einer Ära. "Die Entscheidung Seiner Heiligkeit, uns die Demokratie zu schenken, ist überwältigend", sagt Sangay. "Aber seine Entscheidung bleibt für die Menschen schwer zu verdauen."

Für Sangay bedeutet die Wahl nun zunächst Umzug: Im Mai will er von den USA in das abgeschiedene Himalaya-Nest Dharamsala in Nordindien umsiedeln, wo die Exil-Regierung und der Dalai Lama ihren Sitz haben. Im Tibet-Konflikt setzt er wie der Dalai Lama auf Dialog, nicht Gewalt. Schon in der Vergangenheit hatte Sangay wiederholt Konferenzen mit chinesischen Wissenschaftern organisiert, um den Austausch zu stärken. Als Vorbilder nennt er Gandhi, Nelson Mandela und Martin Luther King.

Sangay weiß, dass die Schuhe riesig sind, die er auszufüllen hat. Vor allem auf internationalem Parkett dürfte er es nicht leicht haben. Die tibetische Exil-Regierung ist bis heute von keinem Staat anerkannt. Dass die Exil-Tibeter trotzdem weltweit Gehör fanden, verdankten sie dem Dalai Lama. Diesen Bonus hat Sangay nicht. Nicht nur China wird ihn schneiden. Auch die Regierungschefs anderer Staaten dürften zögern, ihn zu empfangen - aus Angst, es sich mit Peking zu verscherzen.

Dennoch sah der Dalai Lama keine Alternative zur Stabübergabe. Mit seinem Rückzug aus der Politik will Tendzin Gyatsho verhindern, dass sein entwurzeltes Volk nach seinem Tod führerlos ist. Und er will so die Chinesen ausbremsen, die offenbar planen, einen eigenen Dalai Lama von ihren Gnaden zu ernennen. "Ich werde mein Bestes geben, um die Erwartungen der Tibeter zu erfüllen" , verspricht Sangay. (Christine Möllhoff/DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2011)

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