Die Royals als verlässliche Soft Power

28. April 2011, 19:44
55 Postings

Wäre es für eine moderne Demokratie noch zeitgemäß, einmal einen King William und eine Queen Catherine zu haben – Kein Problem – Großbritannien hat größere Problemen als die Monarchie

Wenn die Dinge so weiterlaufen wie bisher, Prince Charles seiner Mutter auf den Thron nachfolgt und bis zu seinem Tod in einem hohen Alter regiert, dann wird das junge Paar, das am Freitag in der Westminster Abbey heiratet, irgendwann um 2040 zu König William V. und Königin Catherine. Nur durch den Zufall seiner Geburt wird William das Staatsoberhaupt von dem, was dann vom heutigen Vereinigten Königreich übrig sein wird. Wäre das in Ordnung? Meine Antwort lautet: theoretisch nein, in der Praxis wahrscheinlich schon.

Wenn sich William und Kate zusammenreißen, nicht wie einige der etwas wilderen Mitglieder der englischen Royals, und das Ihre zur Entwicklung einer modernisierten, abgespeckten konstitutionellen Monarchie beitragen, kann das besser werden als die wahrscheinlichere Alternative. Betrachtet man andere europäische Länder, so finde ich nicht, dass Schweden, die Niederlande, Dänemark oder Spanien, die alle Monarchen an der Spitze haben, schlechter abschneiden als jene, deren Präsident direkt oder indirekt aus der Riege der Parteipolitiker gewählt wird. Oder wäre Ihnen ein Präsident Blair im Buckingham Palace lieber?

Wie wir angesichts der Invasion von Medien aus aller Welt sehen, die zur königlichen Hochzeit nach London kommen, leisten Geschichte, Legenden und Mythen einen wichtigen Beitrag zur britischen Soft Power und zu seinen Einkünften aus dem Tourismus. Ich glaube nicht, dass irgendjemand nach Berlin fährt, um die Wachablöse vor dem Bellevue-Palast zu sehen oder um einen Blick auf Bundespräsident Wulff samt Gattin und Kinder werfen zu können. Das ist völlig in Ordnung, sofern man viele BMWs, Mercedes und Maschinen herstellt, die nach China exportiert werden. Großbritannien macht das nicht. Stattdessen hat es die Queen, William und Kate.

Weniger verstaubt

Diese Argumente zählten alle nicht, wenn das Vorhandensein der konstitutionellen Monarchie den demokratischen Prozess behindern würde, wenn eine offene Gesellschaft mit Chancen für alle nicht möglich wäre und das Land in einer verstaubten Vergangenheit mit all ihren Hierarchien und Privilegien feststeckte. Theoretisch sind all diese Dinge auch so. Sie gehören auch zur langen Liste der Gründe, weshalb die britische Tageszeitung The Guardian sich offen für eine Republik ausspricht, und weshalb viele Guardian-Leser - wenn auch nicht die Mehrheit der Briten - die Abschaffung der Monarchie befürworten.

In der Praxis aber passieren all diese bösen Dinge nur am Rande, und weit weniger häufig als noch vor 30 Jahren, als Charles und Diana ihre Märchenhochzeit zelebrierten. Es gibt innerhalb des britischen politischen Systems zerstörerischere undemokratische Elemente - allen voran die nicht vom Volk gewählte obere Kammer der Legislative, das House of Lords. Die Monarchie steht dabei nicht an erster Stelle. Wenn man über die Macht von nicht gewählten Individuen spricht, ist der Medienmogul Rupert Murdoch eine weit größere Gefahr für die britischere Demokratie als unser Staatsoberhaupt, dessen Würde vererbt wird.

Die Queen mag einen gewissen (beschränkten) politischen Einfluss haben. Aber es gibt keine Belege dafür, dass sie diesen Einfluss schlechter geltend gemacht hätte, als es die Präsidenten in manch anderen Ländern getan haben. Manchmal können sich solche Präsidenten über den Rahmen der Parteipolitik erheben. Irgendwann in der Vergangenheit taten sie, was Politiker eben so tun, um an die Spitze zu gelangen. Ergebnis ist, dass einige von ihnen wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht stehen wie der frühere französische Präsident Jacques Chirac. Natürlich können auch Monarchen und königliche Konsorten in Schwierigkeiten geraten. Aber die Möglichkeit, dass das bei Monarchen passiert, ist deutlich geringer, weil sie sich ihren Weg eben nicht durch krumme Geschäfte und Ellbogentechnik erarbeiten müssen.

Das Argument, dass die britische Monarchie die Spitze einer Pyramide von Klassendenken und Privilegien einzementiert, ist heute weniger richtig als noch vor dreißig Jahren. Im heutigen Großbritannien sind nicht gewählte Banker einflussreicher als jeder Aristokrat. Jeder Fußballer ist mindestens ebenso berühmt wie ein Royal. In dieser Kultur der Celebritys existieren vielfältige, verwirrende Hierarchien.

Geringere Barrieren

Kate Middletons Aufstieg zur Prinzessin zeigt, dass die Barrieren zwischen der Oberen Mittelklasse - zu der die grob geschätzten sieben Prozent aller Briten zählen, die wie sie auch Privatschulen besuchten - und der gesellschaftlichen Spitze abgetragen wurden. Das weit größere Problem ist nicht dort an der Spitze zu suchen, sondern in den miserablen Aussichten auf einen sozialen Aufstieg jener Mehrheit, die die schlechten staatlichen Schulen besucht. Das ist die Tatsache, die Großbritannien, speziell England, von anderen modernen europäischen Monarchien trennt wie zum Beispiel Schweden, wo offene egalitäre Gesellschaften fröhlich nebeneinander existieren. Das ist die wahre englische Krankheit.

Diese anderen europäischen Beispiele - Schweden, Dänemark, Spanien und die Niederlande - zeigen, dass genau dieses Faktum nicht notwendigerweise Bestandteil einer konstitutionellen Monarchie ist. Wenn William und Kate gut beraten sind, dann arbeiten sie darauf hin, das Rollenmodell einer modernen Monarchie zu werden. Wenn nicht, oder wenn Charles und Camilla es nicht zulassen, dann könnte es 2040 - selbst im konservativen England - diesen Job nicht mehr geben, den sie erben sollen. (Timothy Garton Ash, DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2011)

Timothy Garton Ash ist Schriftsteller, Historiker und Professor für europäische Studien an der Universität Oxford.

Übersetzung: Luzia Schrampf

  • Alte Gewohnheiten lassen sich schwer ablegen, brauchen aber neuen 
Schwung: Die gute Tasse Tee lässt sich nun auch mit der Neigung zum 
monarchischen Vorzeigepaar vereinen.
    foto: epa

    Alte Gewohnheiten lassen sich schwer ablegen, brauchen aber neuen Schwung: Die gute Tasse Tee lässt sich nun auch mit der Neigung zum monarchischen Vorzeigepaar vereinen.

  • Timothy Garton Ash:
 Moderne Monarchie ist das Ziel.
    foto: fischer

    Timothy Garton Ash: Moderne Monarchie ist das Ziel.

Share if you care.