Die Controllerin aus dem Hofstaat Pröllistan

29. April 2011, 13:18
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Johanna Mikl-Leitner, eine "Iron Lady" oder doch ein herzlicher Mensch? derStandard.at begab sich auf Spurensuche nach Niederösterreich

Erwin Pröll braucht kein Mikrofon. Dank des heiligen Leopolds, Niederösterreichs Schutzpatron, sei er mit einer lauten Stimme gesegnet, sagt der Landeshauptmann. Er lächelt in die Kameras. Pröll lässt sich in seinen Festreden gerne für die Großzügigkeit des Landes Niederösterreich feiern. So auch an jenem Donnerstag, als er die Schatzkammer im Stift Klosterneuburg eröffnet. Seinen Ruhm kann er heute jedoch nicht voll auskosten, muss er doch schon bald zum nächsten Termin: Zur Angelobung der neuen Regierungsmitglieder der Landesregierung. Eine seiner wohl wichtigsten Vertrauten, Johanna Mikl-Leitner, hat ihren Job als Soziallandesrätin hinter sich gelassen. Für die höheren Weihen eines Ministeramts soll sie schon im Jahr 2006 im Gespräch gewesen sein. Nun hat sie der Ruf aus Wien ereilt. Als Innenministerin muss sie nun nicht nur bei der "Kieberei" für Recht und Ordnung sorgen. 

Erwin Pröll kann zweifelsohne als ein Mentor Mikl-Leitners betrachtet werden. Vor ihrer Tätigkeit als Landesrätin für Soziales war sie Landesgeschäftsführerin in der niederösterreichischen ÖVP und wurde zu einer engen Vertrauten von Pröll. Sie lebt mit ihrer Familie in der 25.000-Einwohner-Stadt Klosterneuburg, ist verheiratet, hat zwei Kinder.

Mikl-Leitner ist eine "Zuagraste", wie hier viele betonen. Klosterneuburg ist ein schmuckes, weitläufiges Städtchen nördlich von Wien. Die Kunstsammlung Essl sowie das Stift mit seinen Kunstschätzen und den Greifvogelschauen gehören zum Stolz der Klosterneuburger. Bärlauchgeschwängert ist die Luft zur Frühlingszeit in Donauufer-Nähe. Und ganzjährlich pilgern schwangere Wienerinnen in die Geburtsabteilung des Krankenhauses um ihre Kinder zur Welt zu bringen. Niemand geringer als Hebamme Sissy Pröll, die Gattin des Landeshauptmannes, hat hier zahlreiche Erdenbürger willkommen geheißen.

"Rustikal, aber herzlich"

Der Bürgermeister von Klosterneuburg heißt Stefan Schmuckenschlager. Der 31-Jährige ist seit einem Jahr im Amt. Mikl-Leitner hat er aus nächster Nähe kennen gelernt, und zwar in den Jahren 2002, 2003 als er für die heutige  Innenministerin  in der Presse- und Marketingabteilung tätig war. "Sie mag zwar rustikal wirken, in Wahrheit ist sie ein sehr herzlicher Mensch, der offen auf andere zugeht". Sie sei eine akribische Arbeiterin, die Wert auf Leistung legt, "und keine Laptops durch das Ministerium wirft, so wie einst Strasser". Schmuckenschlager beschreibt sie als eine "Controllerin", die ihre "Agenden sauber bearbeiten will".

Groß gewachsen, eine elegante rahmenlose Brille auf der Nase, die perfekt getrimmte Herrenfrisur, smart, freundlich und den Habitus eines Bürgermeisters schon längst verinnerlicht, scheut er sich nicht, auch zu bundespolitischen Agenden Stellung zu nehmen. Der Einrichtung eines Staatssekretariats für Integration steht der Kosterneuburger Bürgermeister skeptisch gegenüber, würde das Geld dafür doch vermutlich aus dem Innenministerium abgezogen. Der Erfolg Kurz' hänge vor allem von den Mitteln ab, die ihm zu Verfügung stünden. Dass der Nachwuchsstar aus Meidling nun an der Seite von Mikl-Leitner arbeiten darf, beruteilt  Schmuckenschlager als "absoluten Glücksfall für ihn". Denn sie sei eine "hervorragende Mentorin" aber auch menschlich "top".

Der Bürgermeister erinnert sich: Als seine Tochter zur Welt gekommen ist, hätte Mikl-Leitner der Jungfamilie einen "sehr netten" Besuch abgestattet. Sie sei "ein absoluter Familienmensch". Dass Klosterneuburg nun eine Ministerin bekommt, sei zwar schön, doch der Verlust durch ihren Abgang als Soziallandesrätin wiege weit schwerer, meint der Bürgermeister.

"Prölli" im Fernsehen

In seinem Büro hängt eine Bild des Landeshauptmannes: "Meine zweijährige Tochter ruft 'Prölli', wenn sie ihn im Fernsehen sieht", erzählt Schmuckenschlager schmunzelnd.

Als Mikl-Leitner im Jahr 1964 geboren wurde, war Leopold Figl Niederösterreichischer Landeshauptmann.  Sie wuchs in der 1200-Einwohner-Gemeinde Großharras im Bezirk Mistelbach auf. Ihre Eltern hatten ein Kaufhaus, das mittlerweile zum Fachgeschäft für Haustechnik ausgebaut wurde und von Mikl-Leitners älterem Bruder Rudolf geführt wird. Sie hat außerdem zwei Schwestern. Eine ältere namens Gabriele und Zwillingsschwester Cornelia, die heute ebenfalls in Klosterneuburg lebt und dort als Steuerberaterin arbeitet.

"Stolz" auf die Kaufmannstochter

Den Ostersonntag verbrachte die neue Innenministerin in Großharras. Kurt Dietrich, der einzige SPÖ-Mandatar in der Gemeinde, berichtet im Gespräch mit derStandard.at: "Ihre Bestellung zur Ministerin war ein ordentliches Gesprächsthema." Er betont: "Zwar bin ich von der Gegenpartei, aber stolz sind wir schon, dass eine vom Ort Ministerin geworden ist." 

In ihrer Jugend habe sich Mikl-Leitner noch nicht sonderlich für Politik interessiert, weiß Dietrich. Aber sie sei eine fleißige Schülerin gewesen und habe oft im Geschäft der Eltern ausgeholfen. Ihre Eltern haben von Mikl-Leitner Bestellung beim Heurigen erfahren, wie der ORF berichtete. Sie befürchten, dass sie jetzt als Innenministerin nun "noch mehr Arbeit" und "noch weniger Zeit für die Kinder" haben werde. 

"Ringel, Ringel, Reihe" beim Spatenstich

Bei der niederösterreichischen Opposition hält sich der Verlust über Mikl-Leitners Abgang aus der Landespolitik naturgemäß in Grenzen. Günter Steindl, Landesgeschäftsführer der SPÖ Niederösterreich sieht Mikl-Leitner, als eine Politikerin, die im "vorauseilenden Gehorsam von Erwin Pröll arbeitet". Auch als Ministerin "wird sie als Dienerin von Erwill Pröll weiter arbeiten", glaubt Steindl. Man merke, dass sie aus der Schule Ernst Strassers komme, der "das parteipolitische Umfärben bestens beherrscht hat", so der SPÖ-Politiker.

Ein "freundliche, leutseelige, manchmal übertrieben lustigen Art, die bei den Leuten sicher gut ankommt", gesteht auch Steindl der neuen Innenministerin zu. Von dieser Seite hätte sie sich ihm persönlich gegenüber jedoch nie gezeigt: "Bei einer Spatenstichfeier für einen Kindergarten hat sie zuerst noch 'Ringel, Ringel, Reihe' getanzt. Dann hat sie mich gesehen und gesagt, ich soll nur froh sein, dass sie nicht mehr Parteisekretärin ist". Als Soziallandesrätin hätte sie es verabsäumt, genügend Pflegeplätze zu schaffen auch die Kinderbetreuung für die Krabbelkinder sei unzureichend. 

Maldeine Petrovic, Landesgeschäftsführerin der Grünen in Niederösterreich, sieht Mikl-Leitner als "moderne, wehrhafte Frau, von der ich viele mutige Sätze gehört habe". Kommt es jedoch "hart auf hart, verfällt sie in die stramme Parteisoldatin, die Teil des Hofstaates von Erwin Pröll ist". Dabei erinnert sich Petrovic an die geplante Abschiebung der Kosovarin Safete Zeqaj, die gemeinsam mit ihren beiden Söhnen trotz "gelungener Integration" just während des Wahlkampfes im Jahr 2008 zu ihrem gewalttätigen Ehemann abgeschoben werden sollte.

"Mund nicht aufgemacht"

"Ich habe damals das Gespräch mit Mikl-Leitner von Frau zu Frau gesucht, und hätte mir mehr Unterstützung von ihr erhofft", sagt Petrovic. Tatsächlich wurde Zeqaj nach einer Pressekonferenz der Grünen von der Fremdenpolizei festgenommen. Petrovic erhielt eine Anzeige wegen Beihilfe zum unbefugten Aufenthalt. "Mikl-Leitner hat damals den Mund nicht aufgemacht", kritisiert Petrovic. Trotzdem hätte sie das Zeug, eine gute Ministerin zu werden, wenn sie es schafft, aus dem Schatten Erwin Prölls zu treten. Ihr "ungeschliffener, manchmal undiplomatischer, niederösterreichischer Stil", sei dabei kein Hindernis. 

Zurück ins Klosterneuburger Rathaus. Vizebürgermeister Richard Raz hat sich mittlerweile zu Bürgermeister Schmuckenschlager gesellt. Er ist nicht nur ÖVP-Politiker in Klosterneuburg, sondern hat mit Mikl-Leitner seit ihrem Wechsel nach Wien auch anderweitig zu tun, arbeitet er doch als Referent für Terroristische Aktionen im Bundeskriminalamt. Im Innenministerium sei man erfreut, über die neue Chefin, sagt er. Mikl-Leitner sei als Person "absolut spitze", und er sei zuversichtlich, dass die neue Ministerin "das schwierige und personalintensive Amt" meistert.

Sturm in die Herrengasse

Raz zählt genauso auf die neue Ministerin, wie Schmuckenschlager. Zwar ist eine Schließung der Polizeistation in Klosterneuburg derzeit ohnehin kein Thema, aber der Bürgermeister macht sich nun noch weniger Sorgen diesbezüglich. "Wenn da irgendwas passiert, können wir uns sofort an die Frau Minister wenden und sie kann uns keinen Hilferuf verwehren. Dann werde ich versuchen, dass der direkte Draht funktioniert und in die Herrengasse stürmen." (Katrin Burgstaller, Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 29.4.2011)

  • Landeshauptmann Erwin Pröll ist Mikl-Leitners Mentor. Ihren Wechsel in die Bundespolitik sehe er mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
    foto: rwh/derstandard.at

    Landeshauptmann Erwin Pröll ist Mikl-Leitners Mentor. Ihren Wechsel in die Bundespolitik sehe er mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

  • Stefan Schmuckenschlager, Bürgermeister von Klosterneuburg, beschreibt die Ministerin als "Controllerin", die ihre "Agenden  sauber bearbeiten will".
    foto: rwh/derstandard.at

    Stefan Schmuckenschlager, Bürgermeister von Klosterneuburg, beschreibt die Ministerin als "Controllerin", die ihre "Agenden sauber bearbeiten will".

  • Wie in vielen Bürgermeisterbüros in Niederösterreich hängt auch bei Schmuckenschlager das Konterfei des Landeshauptmanns.
    foto: rwh/derstandard.at

    Wie in vielen Bürgermeisterbüros in Niederösterreich hängt auch bei Schmuckenschlager das Konterfei des Landeshauptmanns.

  • Die Klosterneuburger Nachrichten feiern Mikl-Leitner.
    foto: rwh/derstandard.at

    Die Klosterneuburger Nachrichten feiern Mikl-Leitner.

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    Schon seit Jahren arbeitet die neue Innenministerin mit Erwin Pröll in Niederösterreich zusammen.

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    Vor etwas mehr als einer Woche wurde sie in der Hofburg angelobt.

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    Als Vorbilder nennt Mikl-Leitner die verstorbene Innenministerin Liese Prokop und J. F. Kennedy.

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