Wien als Schauplatz des Nahost-Konflikts

28. April 2011, 19:01
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Vor 30 Jahren, am 1. Mai 1981, erschießt ein palästinensischer Terrorist den Wiener Stadtrat Heinz Nittel. Es folgten weitere blutige Attentate. Österreichs Politik verhielt sich angesichts der Terrorgefahr zwiespältig.

Wien - Der Wiener Verkehrsstadtrat war am 1. Mai 1981 früh aufgestanden. Er und seine Frau wollten um 7.45 Uhr beim Schottentor sein, um von dort gemeinsam mit den Straßenbahnern die letzten Meter auf der Ringstraße zu gehen - bis vor die Ehrentribüne am Rathausplatz, wo die Maiaufmärsche der SPÖ enden. Als der Stadtrat gegen sieben Uhr das Wohnhaus in der Bossigasse in Wien-Hietzing verlassen wollte, zögerte seine Frau: "Geh schon vor, ich hab mein Parteiabzeichen vergessen."

Es sollte das letzte Mal sein, dass Elisabeth Nittel ihren Ehemann lebend sah. Heinz Nittel, 51 Jahre alt, sozialdemokratischer Kommunalpolitiker und Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, wurde kurz darauf von dem Palästinenser Husham Rahjih getötet. Der Mann feuerte dreimal durch das geschlossene Fenster des Dienst-Mercedes. Nittel wurde in den Kopf getroffen, er war sofort tot.

"Im Fadenkreuz des Nahost-Terrors"

30 Jahre ist das nun her - Österreich stand damals "im Fadenkreuz des Nahost-Terrors", wie der Historiker Thomas Riegler in seinem neuen Buch formuliert.

Am 3. Mai 1981 flatterte ein Flugblatt ins Österreichische Generalkonsulat in Damaskus. Darin bekannte sich die "Nationale Palästinensische Befreiungsarmee Fatah, Generalkommando der Kräfte Al Assifah" dazu, "den bekannten zionistischen Agenten Heinz Nittel exekutiert" zu haben. Hinter Al Assifah steckte die Abu-Nidal-Terrorgruppe, die auch für das Attentat auf die Wiener Synagoge im August 1981 und den Bombenanschlag auf den Wiener Flughafen 1985 verantwortlich zeichnete (siehe Chronologie).

Riegler hat neue, unbekannte Quellen aufgetan, die seine These stützen: "Die damaligen Terrorakte sind nicht von Bruno Kreiskys Nahost-Politik zu trennen." Kreisky habe einerseits die Auswanderung russischer Juden unterstützt (300.000 Menschen wanderten via Österreich nach Israel aus), andererseits unterstützte er Yassir Arafat und die PLO, förderte den Friedensdialog zwischen Israel und Palästina und empfing Muammar al-Gaddafi. Einen Kurier-Journalisten blaffte er an: "Ich rede mit dem Teufel, wenn ich dadurch etwas Positives erreiche."

Zwischen den Fronten

Dass er nicht nur Positives erreichte, sondern auch Anschläge mit Toten und dutzenden Verletzten hinnehmen musste, lag laut Riegler "daran, dass andere Faktoren ins Spiel kamen, die Kreisky nicht in der Hand hatte". Österreich geriet zwischen die Fronten widerstreitender palästinensischer Interessen: Die Extremisten wollten eine politische Lösung des "Palästina-Problems" verhindern, wie aus einem Stasi-Akt vom 1. Juli 1981 hervorgeht. Darin berichtet "Quelle Heinrich Schneider" (Mitglied der Gruppe um den Terroristen Carlos): "Durch den Anschlag auf Nittel wollte Abu Nidal Arafat zeigen, dass die Gruppe nicht tatenlos zusieht, wenn Kompromisse mit den USA oder anderen imperialistischen Staaten eingegangen werden."

Riegler betont dennoch die "präventive Ausrichtung der österreichischen Antiterrorpolitik" unter Kreisky: "Sein Versuch, der Gewalt die Wurzeln und damit auch die Legitimation zu entziehen, war durchaus visionär."

Andererseits legte Österreich in der Terrorbekämpfung erstaunliche Laxheit an den Tag: Ende der 80er-Jahre etwa duldeten die Behörden die Präsenz eines "Botschafters" der Abu-Nidal-Gruppe in Wien, und allen war bekannt, dass seit 1982 ein Konto mit Millionen aus illegalen Geschäften der Terroristen bei der Länderbank existierte (siehe Artikel unten). Während der Drahtzieher des Nittel-Mordes, Bahij Younis, zwei Drittel seiner Strafe (20 Jahre) absaß, wurde der als "Beitragstäter" verurteilte Husham Rajih 1994 wegen eines anderen Attentats an Belgien ausgeliefert - wo geschah, was sich schon abgezeichnet hatte: Er wurde dort aus Mangel an Beweisen freigelassen. (Petra Stuiber, DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2011)

Chronologie: Blutige 80er-Jahre in Wien

28. September 1973: Zwei Terroristen, die sich "Adler der palästinensischen Revolution" nennen, nehmen beim Grenzzollamt Marchegg fünf Einwanderer und einen Zöllner als Geisel, um die Schließung des Durchgangslagers Schönau zu erpressen. Das Lager wird geschlossen, die Terroristen bekommen freies Geleit. Israels Premierministerin Golda Meir kritisiert Kreisky dafür. Der Transit russischer Juden geht freilich ungebrochen weiter.

21. Dezember 1975: Ein gemischtes Kommando von Palästinensern und westdeutschen Linksradikalen unter Führung von Ilich Ramirez Sanchez, genannt "Carlos", nimmt im Opec-Hauptquartier in Wien 70 Geiseln, darunter elf Erdölminister. Kreisky handelt die Ausreise des Terrorkommandos nach Algerien aus, wo die Minister freikommen. Carlos wird vom damaligen SPÖ-Innenminister Otto Rösch mit Handschlag verabschiedet.

April 1979: Im Innenhof der Synagoge in Wien explodiert eine Bombe, Sachschaden entsteht. Erneut bekennen sich die "Adler der palästinensischen Revolution".

1. Mai 1981: Mord am Wiener Stadtrat Heinz Nittel.

29. August 1981: Drei Araber schießen auf Besucher der Synagoge in Wien. Zwei Tote, zwanzig Verletzte. Einer der Terroristen ist wieder Husham Rajih. Sein Auftraggeber, Bahij Younis, wird verhaftet. Auf Younis' Kappe geht auch der Mord an Nittel.

27. Dezember 1985: Ein Terrorkommando der PLO eröffnet das Feuer auf Reisende, die beim El-Al-Schalter am Flughafen Wien warten. Zwei Menschen sterben, 47 werden verletzt. (stui)

Literaturhinweis:

Thomas Riegler: "Im Fadenkreuz: Österreich und der Nahostterrorismus 1973 bis 1985". In: "Zeitgeschichte im Kontext", Band 3, herausgegeben von Oliver Rathkolb, V&R Unipress / Göttingen

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    Der Tatort in Wien-Hietzing und der zerschossene Dienst-Mercedes des Wiener Stadtrats Heinz Nittel

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