"Bestimmt die schönste Zeitung"

28. April 2011, 18:21
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Dänemarks "Politiken" ist Europas Zeitung des Jahres. Der European Newspaper Congress - ab Montag in Wien - stellt das Blatt vor. Chefredakteur Lars Grarup erklärt Stärken und Strategien vorab

STANDARD: "Politiken" ist Europas Zeitung des Jahres. Wo sehen Sie die Stärken?

Grarup: "Politiken" steht auf zwei Standbeinen: Der erste Teil der Zeitung widmet sich klassischer Berichterstattung, der zweite Teil gehört Debatten und Meinungen. Er umfasst wochentags drei bis vier Seiten, am Wochenende sind es bis zu zehn Seiten. Wir haben die besten Analytiker des Landes. Ihre Meinung hat großes Gewicht. So gelingt es uns immer wieder, Diskussionen anzustoßen.

STANDARD: Klingt wie gedruckte Blogs. Ist das der Hintergedanke?

Grarup: Kann man so sagen. Politiken ist aber gleichzeitig bestimmt die schönste Zeitung des Landes. Wir legen sehr viel Sorgfalt auf Zeichnungen, Fotos und Design. Wir haben eine sehr starke Marke.

STANDARD: Auf die Optik achtet der Design-Editor. Seine Aufgabe?

Grarup: An einem ereignisreichen Tag in einer ereignisreichen Woche kann viel passieren. In solchen Situationen ist es sehr wichtig, einen "Designpolizisten" zu haben, der das Aussehen der Zeitung kontrolliert.

STANDARD: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Onlineredaktion von "Politiken"?

Grarup: Wir verfolgen eine klare Trennung: Onlinejournalisten arbeiten für das Web, Printjournalisten für Papier. Wir sind davon überzeugt, dass sowohl Internet als auch Print wichtige Plattformen sind und beide hervorragend ausgebildete Journalisten für ihre speziellen Anforderungsprofile brauchen.

STANDARD: Gegenwärtig probieren Verlage Online-Abos aus. Welche Positionen gibt es in Dänemark?

Grarup: Einige versuchen es in eingeschränkter Form. Wir diskutieren ebenfalls Möglichkeiten, aber ich bin skeptisch.

STANDARD: Können kostenpflichtige Online-Abos funktionieren?

Grarup: Ich denke nicht, dass Leser für allgemein verfügbare Nachrichten bereit sind, zu bezahlen, aber ich kann mir schon vorstellen, dass es Abonnenten für Beiträge von einflussreichen Meinungsführern geben könnte, weil sie einzigartig sind. Aber wir müssen die Geschäftszahlen abwarten. Die Ergebnisse von weltweiten Versuchen sind nicht derzeit noch nicht sehr viel versprechend. Die 100.000 Online-Abos der New York Times sind im Verhältnis zu den Onlinezugriffen eine enttäuschend niedrige Zahl. Es scheint eher schwierig, Leser zu überzeugen, dass sie für Nachrichten zahlen.

STANDARD: Wie veränderte sich die dänische Medienlandschaft nach dem Karikaturenstreit?

Grarup: Der Karikaturenstreit stärkte das Profil der meisten dänischen Zeitungen. Während der öffentlichen Debatte mussten viele Printmedien einen klaren Standpunkt einnehmen, ob sie für oder gegen die Freiheit von Satire sind. Das war eine sehr lebendige Diskussion, die Presse- und Meinungsfreiheit in Dänemark zu Gute kam.

STANDARD: Die Presse in Dänemark ist frei?

Grarup: Selbstverständlich.

STANDARD: Dass öffentliche Institutionen oder die Regierung sich über Inserate wohlwollende Berichterstattung wünscht, ist unmöglich?

Grarup: Undenkbar. Das würde niemand tun. Die Pressefreiheit hat in Dänemark eine starke Tradition. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 29.4.2011)

Lars Grarup ist einer von drei Chefredakteuren der dänischen Tageszeitung "Politiken". Kollegen stellen das Blatt beim European Newspaper Congress in Wien kommenden Montag vor.

Link
www.newspaper-congress.eu

  • Lars Grarup, Chefredakteur der dänischen Tageszeitung "Politiken".
    foto: screenshot

    Lars Grarup, Chefredakteur der dänischen Tageszeitung "Politiken".

  • "Der erste Teil der Zeitung widmet sich klassischer Berichterstattung, der zweite Teil gehört Debatten und Meinungen."
    foto: politiken

    "Der erste Teil der Zeitung widmet sich klassischer Berichterstattung, der zweite Teil gehört Debatten und Meinungen."

  • "Onlinejournalisten arbeiten für das Web, Printjournalisten für Papier."
    foto: politiken

    "Onlinejournalisten arbeiten für das Web, Printjournalisten für Papier."

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