Seligsprechung von Johannes Paul II. zieht die Massen an

28. April 2011, 17:57
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Mit dem vor sechs Jahren verstorbenen Papst lässt sich nach wie vor mehr Geld machen als mit Benedikt XVI.

Roms Stadtverwaltung erwartet am Sonntag zur Seligsprechung von Karol Wojtyla bis zu eine Million Besucher.

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Wenn es um Kommerz geht, ist Grammatik allemal Nebensache. Das 23 Zentimeter hohe Standbild Karol Wojtyla "in Marmoreinstaub in die mindest Minimaldeteils vollenden" kostet 27 Euro. Der Fantasie sind bei frommer Vermarktung keine Grenzen gesetzt. Der polnische Papst lächelt von Tassen und Gläsern, T-Shirts und Feuerzeugen. Die Familienpackung von sieben Rosenkränzen mit dem Konterfei des "populärsten Papstes der Kirchengeschichte" ist um acht Euro zu haben - made in China.

Kult und Kommerz, Verehrung und Volksgläubigkeit - auch sechs Jahre nach seinem Tod zieht der medienpräsenteste aller Päpste Millionen Menschen in den Bann. Sein schlichtes Grab in der Krypta des Petersdoms lockt mit fast 20.000 Gläubigen pro Tag mehr Besucher an als das Kolosseum, auf drei verkaufte Benedikt-Souvenirs kommen zehn von Johannes Paul II.

Kommenden Sonntag wird der Papst, der in seinem 26-jährigen Pontifikat 1338 Seligsprechungen vorgenommen hat, selbst in den Kreis der Seligen aufgenommen - in Rekordzeit und mit rekordverdächtiger Kulisse. Roms Bürgermeister Gianni Alemanno hat "allen an der Zeremonie nicht interessierten Bürgern" empfohlen, der Stadt am Wochenende den Rücken zu kehren. Der Vatikan übt sich in gewohnter Zurückhaltung: Man erwarte "mindestens 300.000 Pilger." Die Stadtverwaltung geht von rund einer Million Teilnehmern aus.

Es droht der Verkehrskollaps

Den Sicherheitskräften bereiten die erwarteten 50 Staats- und Regierungschefs größere Sorgen als das Heer der Gläubigen. Albtraum der Stadtpolizei sind die vielen tausend Busse, die am Wochenende die verkehrsgeplagte Hauptstadt überfluten - allein für jene aus Polen wurde am Olympiastadion ein Mega-Parkplatz geschaffen. Wer die Seligsprechung live miterleben will, dem ist nach 20-stündiger Fahrt keine Bettruhe vergönnt: Der Petersplatz fasst nur 80.000 Menschen.

Wer sich nicht vor Mitternacht anstellt, kann die um 10 Uhr beginnende Seligsprechung nur auf einer der vielen Großleinwände mitverfolgen. Für alle, die es im Gedränge nicht schaffen, hält der Vatikan einen Trost bereit: Der Sarg Karol Woitylas bleibt so lange vor dem Altar des Petersdoms zugänglich, bis der Besucherstrom versiegt.

Kulturbeflissenen Pilgern öffnen die vatikanischen Museen ausnahmsweise bis Mitternacht die Tore - Eintritt wird zum Sonderpreis von acht Euro gewährt. Dem Betreiber der Webseite vaticancitytours.com hat die Polizei das Handwerk gelegt, nachdem er für 116 Euro hunderte "Platzkarten" für das Großereignis verkauft hatte. Dagegen existiert der im Internet für 18 Euro angebotene "JPII-Pass" wirklich und berechtigt drei Tage zu kostenloser Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, inkludiert ein Lunchpaket und den Eintrittspreis für den Besuch der Lateranbasilika.

Dort könnten sich fromme Pilger am Sonntag allerdings auch durch ein weltliches Großereignis gestört fühlen: Auf der Piazza S. Giovanni findet das traditionelle 1.-Mai-Konzert statt. Rund eine halbe Million Jugendliche werden zu dem Anlass dort erwartet. Roma, urbs mundi. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2011)

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    Die Polizei patrouilliert vor einem Bild, das Johannes Paul II. zeigt, auf dem Petersplatz im Vatikan. Dort werden am Sonntag zur Seligsprechung nur etwa 80.000 Menschen Platz finden.

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