Anmerkungen zu Österreichs WM-Team

28. April 2011, 17:49
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Trotz einer Rekordanzahl an Vorbereitungsspielen gibt es im Team von Bill Gilligan noch die eine oder andere Baustelle. Eine Bestandsaufnahme in unserem Eishockey-Blog

Mit der 2:3-Niederlage gegen die USA am Mittwoch in Innsbruck beschloss das österreichische Nationalteam sein umfangreiches Vorbereitungsprogramm auf die Weltmeisterschaft in der Slowakei. Eröffnen wird man diese am Samstag skurrilerweise gegen den gleichen Gegner.

Umfangreiches Testspielprogramm

Eine lange Eishockeysaison nähert sich ihrem Höhepunkt und gleichzeitigem Ende: Ab Freitag geht in Bratislava und Košice die 75. Weltmeisterschaft der Geschichte in Szene. Das österreichische Nationalteam hat sich für diese qualifiziert und strebt danach, erstmals seit 2004 wieder den Klassenerhalt in der Weltelite zu schaffen. Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat der ÖEHV die Grundlagen für das Bewältigen dieser Mission gelegt: Bereits 14 Spiele hat die Mannschaft in dieser Saison in den Beinen, nur ein einziges Mal - 1993/94, allerdings begünstigt durch die Olympischen Winterspiele in Norwegen - reiste eine rot-weiß-rote Auswahl mit mehr absolvierten Länderspielen im Gepäck zu einer Weltmeisterschaft.
Positiv ist nicht alleine die große Anzahl an Freundschaftsspielen in diesem Jahr, auch die Qualität der Testspielgegner gereicht dem Team Austria zum Vorteil, duellierte man sich in den vergangenen vier Wochen doch acht Mal mit Mannschaften aus den Top 12 der Weltrangliste.

Kontraproduktive Kaderfluktuation

Den Vorwurf, dieses am Papier attraktive und vor allem sinnvolle Programm im Sinne der Formierung einer schlagkräftigen WM-Mannschaft nur bedingt effizient genutzt zu haben, muss sich der österreichische Verband jedoch zweifelsfrei gefallen lassen. Nicht weniger als 62(!) Spieler streiften sich in den Länderspielen der laufenden Spielzeit das Teamtrikot über, viele von ihnen ohne Potential, einer bei der A-WM um den Klassenerhalt kämpfenden Mannschaft Qualität hinzufügen zu können. Diese große personelle Fluktuation verunmöglichte das Entwickeln und Etablieren einer klaren spielerischen Struktur im Team, besonders sichtbar wird diese in den so wichtigen "Special Teams", die Über- und Unterzahlsituationen bestreiten. So kamen gerade in diesen oft spielentscheidenden Situationen zentrale Schlüsselspieler wie Thomas Koch oder Matthias Trattnig heuer nur zu je einem einzigen Länderspieleinsatz. Eingespieltheit und Feinabstimmung: Fehlanzeige.
Bände sprechen hier auch die statistischen Kennzahlen zur bisherigen Nationalteamsaison: Das sehr mäßige Powerplay führte nur in 11,84 Prozent der Fälle zum Torerfolg (EBEL-Schnitt 10/11: 21,65), nur 76,47 Prozent der numerischen Unterzahlspiele wurden ohne Gegentor überstanden (EBEL 10/11: 79,33).

Drei Ausfälle auf der Goalie-Position

Insgesamt werden nun 25 Spieler nach Košice reisen, wie bei jedem Nationalteamkader spiegelt die Auswahl die individuellen Vorlieben des Nationaltrainers wider. Stärker als in vergangenen Jahren wurden die Variationsmöglichkeiten bei der Nominierung heuer durch Absagen mehrerer Leistungsträger eingeschränkt, auch Verletzungen bzw. daraus resultierende Freigabeverweigerungen durch einzelne Klubs setzten Headcoach Bill Gilligan zu.
Recht unerwartet präsentiert sich so die Torhüterposition als Achillesferse des Teams: Die etatmäßige Nummer eins, Bernd Brückler, hat letztlich aus familiären Gründen auf die Turnierteilnahme verzichtet. Trotz einer überragenden A-WM 2009 (92,49% abgewehrte Schüsse in einem Team, das den Klassenerhalt verpasste) und seinem kontinuierlichen Erfolg in der KHL ist der gebürtige Steirer beim Teamchef nicht sonderlich gut angeschrieben. Umso stärker fallen daher die verletzungsbedingten Ausfälle von Routinier Reinhard Divis und Bernhard Starkbaum, der sich in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt hat, ins Gewicht.

Die Last auf Penkers Schultern

So wird das Team Austria nun mit Capitals-Goalie Jürgen Penker ins WM-Turnier gehen. Der 28jährige präsentierte sich in der Vorbereitung in guter Form, lieferte sehenswerte Paraden ab und scheint die für ihn eher unglückliche Post Season mental gut verarbeitet zu haben. Auf internationalem Topniveau - ob im Team oder in seinen beiden Jahren in der Elitserien - stellte Penker sein Können bereits mehrfach unter Beweis, jedoch gelang es ihm selten, sein Level über einen längeren Zeitraum kontinuierlich hoch zu halten.
Die Beantwortung der Frage, ob Österreich seine für die Weltmeisterschaft gesteckten Ziele erreichen kann, wird sehr stark von den Leistungen des Schlussmanns abhängen. Gerade auch weil die für die Besetzung der Backup-Positionen gefunden Lösungen eher unzureichend erscheinen: Ob  der zudem angeschlagene Fabian Weinhandl bereits internationales Format besitzt, darf bezweifelt werden, bei Rene Swette zeigt die Formkurve seit Monaten eher nach unten: In den letzten 13 Wochen bestritt er lediglich drei Spiele von Beginn an.
Umso unverständlicher ist es, dass Mathias Lange keine Berücksichtigung fand: Der 26jährige hatte großen Anteil am Meistertitel Ravensburgs in der zweiten deutschen Liga und gewann bei den Towerstars 21 seiner 26 Spiele (Finalserie: Sweep und GAA 1,92 bzw. 92,94% SVS). Während ein Topklub aus der EBEL höchst interessiert am gebürtigen Klagenfurter ist, hält sich die Begeisterung des Teamchefs ihn betreffend offenbar in engen Grenzen.

Fehlende Faceoff-Spezialisten

Neben der traditionell eher wackeligen Abwehr Österreichs bei A-Weltmeisterschafen der jüngeren Vergangenheit offenbart sich auf der Center-Position eine weitere Schwachstelle der ÖEHV-Equipe. Mit Thomas Koch steht hier nur ein Crack gehobener internationaler Klasse zur Verfügung. Philipp Lukas, der heuer wohl nicht seine stärkste Saison spielte, ist angeschlagen und für den Auftakt fraglich, Roland Kaspitz werden im Kreis der Weltelite immer recht deutlich seine Grenzen aufgezeigt. Gerade unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Trends in der Entwicklung des internationalen Eishockeys erscheint die Nominierungspraxis auf den Center-Positionen hinterfragenswert. Im Gespräch mit General Managers diverser NHL-Klubs betonen diese immer und immer wieder die steigende Bedeutung der "Puck Possession". Am einfachsten zu erlangen ist diese am Bullypunkt - und gerade dort wiesen die bewährten Kräfte im österreichischen Team in der Vergangenheit immer wieder Schwächen auf, zumindest bei A-Weltmeisterschaften. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 28.April 2011)

  • Die statistischen Kennzahlen zur bisherigen Nationalteam-Saison
    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Die statistischen Kennzahlen zur bisherigen Nationalteam-Saison

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