"Millionen kreative Geister im Internet"

28. April 2011, 20:03
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Investieren oder untergehen: Über die Zukunft der medialen Landschaft wurde bei der SIME-Konferenz in Wien debattiert

"Wir hatten gar keine andere Wahl", sagt Heiko Hebig, Head of Digital Media beim Hubert Burda Verlag, am Donnerstag bei der SIME-Konferenz. "Wir mussten investieren, sonst wären wir als Medienunternehmen untergegangen." Hebig meint die Burda-Investitionen; und zwar jene ins Internet. Das digitale Portfolio des Verlags geht von Beteiligungen an Start-Ups bis zum Erwerb von etablierten Online-Netzwerken wie etwa Xing, wo sich Burda für 48 Millionen Euro 25,1 Prozent des Unternehmens sicherte.

Lange Leine ...

Burdas Internetaktivitäten begannen im Jahr 1999, aktuell ist Burda Digital bei über 40 Firmen als Investor an Bord. "Wir mussten lernen zu verstehen, welche Medien unsere Kunden konsumieren", so Hebig, der von einem Team von 25 Leuten erzählt, die ausschließlich darauf fokussiert sind, den Medienmarkt zu beobachten - und ihre Fühler nach Akquisitionen ausstrecken. Die Strategie sei jene der langen Leine: "Wir wollen bei Start-Ups, an denen wir uns beteiligen, nicht groß intervenieren." Die Ideen müssten sie selbst verwirklichen. Burda stehe mit seinem Know-How zur Seite, damit die Idee auch irgendwann Geld abwirft.

... und langer Atem

Die Entscheidung, aufs digitale Geschäft zu setzen, wurde bereits in den frühen 90er Jahren gefällt, erzählt Dan Ouchterlony von Schibsted, einem norwegischen Medienkonzern, der mit seinen 7.500 Mitarbeitern in 26 Ländern aktiv ist: "Der wichtigste Baustein für den Erfolg war, dass wir unsere Aktivitäten während der Internetkrise rund ums Jahr 2000 nicht heruntergeschraubt haben." Viele Firmen schielten nur auf den kurzfristigen Erfolg, kritisiert er, im Endeffekt entscheide aber der lange Atem, um gute Konzepte auch zu monetarisieren.

Schibsted selbst wolle "Unternehmen von Anfang bis zum Ende des Weges begleiten", skizziert er die Internetstrategie seines Hauses, die sich von Erlösen aus Online-Werbung über strategische Beteiligungen bis zum Kauf und Verkauf von kleineren Portalen erstreckt. Mit Ende des Weges meint er nicht das Zudrehen, sondern das gewinnbringende Veräußern. Bei Beteiligungen gehe man sehr behutsam vor, es komme zu keiner Personalfluktuation: "Wir setzen nicht einfach unsere eigenen Leute rein." Die Unterstützung umfasse eher die Bereiche Strategie, Infrastruktur und Medien. In Österreich hält Schibsted 50 Prozent am Online-Marktplatz willhaben.at.

Inhalte kreieren

Eine Erfolgsgeschichte ist auch das auf Mode, Gesundheit und Lifestyle spezialisierte Medienhaus Glam Media mit Sitz in den USA. Flaggschiff des Konzerns ist die US-Webseite glam.com, die mit den internationalen Ablegern monatlich auf rund 190 Millionen User kommt. "Durch das Internet werden so viele Leute inspiriert, Inhalte zu kreieren", umreißt Ralf Hirt von Glam Media die Unternehmensphilosophie: glam.com besteht aus zahlreichen Partnerseiten und setzt vor allem auf usergenerierte Inhalte von Blogs, die auf der Plattform zusammengeführt werden. "Im Internet tummeln sich Millionen kreative Geister, die Großartiges produzieren." Zum Beispiel zum Nutzen von Medien wie glam.com, wo sich auch die entsprechenden Leser finden.

Hirt glaubt, dass sich das Verständnis von Journalismus fundamental ändern werde. Ein Teil mutiere einfach zu Bloggern, die mit ihren Usern interagieren. Auf diesen Zug aufgesprungen ist auch Burda. Der Verlag hat mit seiner digitalen Tochter in glam.com investiert und mit glam.de einen deutschen Sprössling des Portals eingesetzt. "Ein strategisches Investment", wie Heiko Hebig von Burda betont. "Wir wollen nicht einfach Unternehmen kopieren, sondern investieren und daraus lernen."

"Eine Stadt nach der anderen" erobern

Dass man auch mit Kopieren erfolgreich sein kann, möchte "Dailydeal" unter Beweis stellen. Das europäische Pendant zum US-Unternehmen "Groupon" will von Deutschland und Österreich aus den internationalen Markt aufmischen. Das Konzept: DailyDeal ist eine lokale Gutschein-Plattform, die User mit Rabatten zwischen 40 und 80 Prozent lockt. Die "Deals" gehen von Wertgutscheinen für Heurigenbesuche über Beauty-Artikel bis zu Reiseangeboten.

Gegründet wurde die Seite Ende 2009 in Deutschland von Fabian und Ferry Heilemann. Als Konkurrent zum Vorbild "Groupon". "Schritt für Schritt" soll der Internationalisierungsprozess über die Bühne gehen, sagt Markus Pichler, der in Österreich als Geschäftsführer von DailyDeal fungiert: "Wir setzen auf organisches Wachstum." Erobern will er "eine Stadt nach der anderen", denn: "Unser Geschäftsmodell ist sehr stark von den lokalen Gegebenheiten abhängig." Den Charakteristika der Zielmärkte müsse Rechnung getragen werden. "Natürlich kann man nicht einfach alles kopieren", meint Pichler mit Blick auf andere, erfolgreiche Internetfirmen in den USA, "aber die Chancen für den europäischen Markt sind gut".

Käufer im Internet

Aus der Not heraus wurde etsy.com geboren. Ein Online-Marktplatz, der sich dem Kauf und Verkauf von handgemachten Produkten aller Art widmet. Mit dem hehren Ziel, eine "enge Verbindung zwischen Hersteller und Konsument" zu schaffen, so wird es zumindest definiert. "Zum Start waren wir fünf Künstler, die Abnehmer für ihre Produkte gesucht haben", beschreibt Matt Stinchcomb die Genese von Etsy: "Wir fanden keine Käufer." Deswegen habe man nach alternativen Pfaden gesucht und diese im Internet gefunden, angesiedelt irgendwo zwischen Amazon und ebay.

Etsy sei kontinuierlich gewachsen. Obwohl mittlerweile ein "Global Player" liege der Fokus nach wie vor im Lokalen, versichert Stinchomb, der von kleinen Teams in Städten wie Amsterdam, Berlin, London aber auch Wien erzählt. Der Hauptsitz befindet sich nach wie vor in Brooklyn, wo die Seite im Jahr 2005 ihren Ausgang nahm. Mittlerweile sind internationale Investoren an Bord, Millionengewinne das Resultat.

Nicht jede Seite braucht eine Community

Von Tirol aus in Richtung Alpenraum ging die Expansion des Tourismus-Portals Tiscover, das seit 1991 existiert. In unterschiedlichen Formen. "Ursprünglich war die Plattform lokal konzipiert", erklärt Matthias Grundböck, Chef von Tiscover. Gegründet einst für Tirol, jetzt in den Ländern Österreich, Deutschland, der Schweiz und Italien aktiv. Das Schwierige sei, die Inhalte in die jeweiligen Landessprachen zu übersetzen. Sehr zeitaufwändig, aber ein Muss, denn: "Die Leute wollen sich vor dem Urlaub sehr genau über die Destination informieren." Das Erfolgsrezept? Jedes Unternehmen müsse seine Stärken forcieren, nicht jede Seite brauche etwa eine Community. "Nur weil Facebook gut funktioniert, werden wir uns nicht als soziales Netzwerk positionieren." (om, derStandard.at, 28.4.2011)

  • Auf der Bühne: Keynote-Speakerin und Microsoft-Österreich-Chefin Petra Jenner sowie SIME-Chairman Ola Ahlvarsson.
    foto: derstandard.at/mark

    Auf der Bühne: Keynote-Speakerin und Microsoft-Österreich-Chefin Petra Jenner sowie SIME-Chairman Ola Ahlvarsson.

  • Die SIME (Scandinavic Interactive Media Events) war zum ersten Mal zu Gast in Wien.
    foto: derstandard.at/mark

    Die SIME (Scandinavic Interactive Media Events) war zum ersten Mal zu Gast in Wien.

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