"Das Schilderblech allein wird uns nicht helfen"

28. April 2011, 17:38
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Die Lösung der Kärntner Ortstafelfrage weckt bei den slowenischstämmigen Kulturschaffenden im Karawankenland nicht nur Hochgefühle: Verleger Lojze Wieser lässt Vorbehalte erkennen

Mit Wieser sprach Ronald Pohl.

Standard: Wie beurteilen Sie die Kärntner Ortstafellösung?

Wieser: Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass sie früher zustande gekommen wäre. Nachdem wir aber fast sechs Jahrzehnte gebraucht haben, um in diesem Land die festgeschriebenen Gesetze umzusetzen, ist es besser, wir haben den Spatz in der Hand als die Taube am Himmel.

Standard: Das Wort Spatz beziehen Sie auf die Ortstafelanzahl oder auf die Gesamtregelung?

Wieser: Auf die gesamte Regelung. Hätte man diese 1955 umgehend umgesetzt, unter den derzeit geltenden Kriterien, wären damals zwischen 600 und 800 Tafeln aufzustellen gewesen. Das heißt, alle zehn Jahre sind, objektiv festgestellt, rund 100 Tafeln verlorengegangen. Das hängt damit zusammen, dass keine demokratische Bewegung, keine demokratische Partei die Notwendigkeit gesehen hat, das umzusetzen, und dass niemand die Wege gesehen hat, wie man die innerösterreichischen chauvinistischen Kräfte in die Schranken hätte weisen sollen. Jetzt könnten sich die Minderheiten in Europa überhaupt darauf versteifen, dass ihre Rechte generell umgesetzt gehören. Wenn dies nicht passiert, ist es aber besser, den Spatz in der Hand zu haben und den allfälligen Tauben nicht nachzutrauern.

Standard: Was hat sich gegenüber Vor-EU-Zeiten für die Minderheiten - nicht nur in Österreich - verändert?

Wieser: Durch die europäische Erweiterung haben wir die Grundlage für einen ethnisch bezogenen Konflikt zumindest einmal ansatzweise wegbekommen. Wir haben heute nicht mehr die Notwendigkeit, um Territorien zu kämpfen, wie das über eineinhalb Jahrhunderte durch den Nationalismus und die Staatenbildung der Fall war. Wir besitzen jetzt die Möglichkeit und die Chance, für kulturelle und sprachliche Werte einzutreten. 1998 schrieb ich in einem kleinen Bändchen: In "unserem Land der Abgrenzung (...), in dem es oft leichtfertig zugeht (...)", wurde jahrzehntelang über kulturelle Werte hinweggegangen, die auf der Straße lagen. "Weil diese Reichtümer eine andere Tönung hatten, eine andere Sprachmelodie."

Standard: Findet das Förderpaket mit Blick auf die zweisprachigen Kultureinrichtungen Ihre Zustimmung?

Wieser: Es bildet einen Teil des menschlichen Zusammenlebens in diesem Lande. Das Blech der Ortsschilder allein wird uns noch nicht helfen zu überleben. Daher müssen es andere Maßnahmen sein. Es wäre doch schön, wenn die Medien ihre wichtigen Artikel zweisprachig zusammenfassten!? Der Stolz auf die Sprache würde wachsen, und die Menschen würden freudig, wie wir es bei den zahllosen Schulanmeldungen erleben, auf die Sprache zugehen. Erst dann würde die slowenische Sprache aus den Hinterhöfen auf die Vorderbänke kommen!

Standard: Die Volksabstimmung bereitet Ihnen kein Kopfzerbrechen? Der Herr Bundespräsident hat zu diesem Vorhaben den bemerkenswerten Satz geäußert: Eine Volksbefragung nütze nichts, aber sie schade auch nichts.

Wieser: Europäische juridische Festlegungen via Volksabstimmung entscheiden zu wollen ist gewagt. Insofern weiß ich mich mit dem Herrn Bundespräsident eines Sinnes. Man überschätzt sich ein wenig. Nehmen wir die ganze Sache eben so, wie sie der Vorsitzende des Rates der Kärntner Slowenen genannt hat: als "positive Meinungsumfrage". (DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2011)

  • Lojze Wieser macht sich Gedanken über die Verankerung der slowenischen Sprache im Kärntner Alltag: "Unsere Sprache muss aus den Hinterhöfen auf die Vorderbänke kommen!" Wieser, 56, als Kärntner Slowene in Klagenfurt ansässig, leitete von 1981 bis 1986 den Drava Verlag. Seit 1987 ist er Eigentümer des Wieser Verlages, dessen Programm den Schwerpunkt auf die südost- und mittelosteuropäische Literatur setzt. Sein Essayband "Die Zunge reicht weiter als die Hand" (Untertitel: "Anmerkungen eines Grenzverlegers") erschien 2004.
    foto: darko dozet

    Lojze Wieser macht sich Gedanken über die Verankerung der slowenischen Sprache im Kärntner Alltag: "Unsere Sprache muss aus den Hinterhöfen auf die Vorderbänke kommen!"

    Wieser, 56, als Kärntner Slowene in Klagenfurt ansässig, leitete von 1981 bis 1986 den Drava Verlag. Seit 1987 ist er Eigentümer des Wieser Verlages, dessen Programm den Schwerpunkt auf die südost- und mittelosteuropäische Literatur setzt. Sein Essayband "Die Zunge reicht weiter als die Hand" (Untertitel: "Anmerkungen eines Grenzverlegers") erschien 2004.

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