"La Danse": Ein Haus voller Bewegungen

28. April 2011, 17:26
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Wie ein Ballett entsteht: Der US-Dokumentarist Frederick Wiseman zeigt in "La Danse" erhellende Innenansichten der Tanzabteilung der Pariser Opéra Garnier

Wien - Wem der Dokumentarist Frederick Wiseman vor allem als minutiöser Porträtist geschlossener Milieus vertraut ist, der mag sich über dessen Hinwendung zur Ballettabteilung der Pariser Oper vielleicht wundern. Tatsächlich hat der US-Amerikaner bereits zweimal künstlerische Ensembles in den Mittelpunkt seiner Filme gerückt: 1995 in Ballet das American Ballet Theatre, im Jahr darauf mit La Comédie-Française ou L'amour joué das ehrwürdige französische Sprechtheater.

In La Danse setzt Wiseman, ein bekennender Ballettfan, sein Interesse für den künstlerischen Schaffensprozess mit der ihm eigenen ästhetischen Nüchternheit fort. Wie immer verzichtet der Filmemacher auf Interviews und vermeidet auch sonst jedes gestalterische Element, das in die vorfilmische Wirklichkeit eingreifen würde. Auf diese Weise wird die Kamera zur unaufdringlichen Beobachterin einer Welt mit unvertrauten Regeln, die sich mit der Dauer des Films mehr und mehr entschlüsseln.

Die ganze Bandbreite

Multiperspektivisch vorzugehen ist hier dennoch oberste Devise. Wiseman widmet sich nicht der Entstehung einer einzelnen Produktion (um damit etwa das Transzendente der künstlerischen Kreation zu beschwören), sondern begleitet diverse Proben während der Spielzeit 2008, die die Bandbreite an Tanzstilen des Ensembles anschaulich machen.

Die charakteristischste Einstellung des Films ist so auch jene, in der Tänzer und Choreograf in Interaktion stehen. An den kleinsten Bewegungen wird gearbeitet, oft athletisch, wenn der schottische Starchoreograf Wayne McGregor Anweisungen gibt oder gleich einem Rapper die perkussive Linie anzeigt. Dann sind es wieder Fehler wie eine überzogene Bewegung der Tänzerin Laetitia Pujol, die ihr in Wiederholungen ausgetrieben wird. Oder der richtige Griff am Gewehr, mit dem es im Nussknacker die entsprechend rhythmischen Tanzdrehungen zu vollführen gilt.

La Danse wäre aber kein Wiseman, würde darin nicht ein umfassendes Bild der Arbeit eines Hauses wie der Opéra Garnier gegeben. So werden die Kostümbildner ebenso mit ihrem Anteil an einer Produktion gewürdigt wie die Maskenbildner; Ähnlichkeit mit Wisemans Institutionenporträts bekommt der Film in jenen Momenten, in denen die Leiterin des Balletts, Brigitte Lefèvre, zu sehen ist - nicht von ungefähr nennt sie eine Tänzerin "Gott". Egal ob im Gespräch mit Ensemblemitgliedern oder beim Aushandeln von Geschäftsvereinbarungen - der hierarchische Überbau, der für das Zusammenwirken der Ebenen vonnöten ist, wird deutlich.

Da mutet es fast schon ironisch an, dass Wiseman auf dem Dach der Oper einen Imker samt Bienenstock entdeckt - auch bei den Insekten herrscht bekanntlich strenge Organisation vor. Um bei diesem Bild zu bleiben: Der Honig sind an der Oper natürlich die Aufführungen, welche all die Anstrengungen und Mühen in einer flüchtigen Gegenwärtigkeit aufheben. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2011)

  • Organisiert wie ein Bienenstock: Das Ballettensemble in Frederick 
Wisemans 
Porträt der Pariser Oper "La Danse".
    foto: thimfilm

    Organisiert wie ein Bienenstock: Das Ballettensemble in Frederick Wisemans Porträt der Pariser Oper "La Danse".

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