"Faszinierend, welchen Einfluss man hat ..."

28. April 2011, 17:28
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Die Siegerin des Chopin-Wettbewerbs, Yulianna Avdeeva, über Musiksubjektivität und Üben im Kopf - Am 1. Mai gastiert sie erstmals in Österreich

 

Wien - Womit sie die Jury beim Chopin-Wettbewerb, bei dem schon Weltkarrieren begannen, überzeugt hat, "kann ich nicht beantworten", so Yulianna Avdeeva. Die Russin, die in München lebt, vermutet, dass es "irgendwie eine für mich günstige Sternenkonstellation gab". Teile der zwölfköpfigen Jury, der auch die frühere Siegerin Martha Argerich angehörte, lobten jedenfalls das "besonders poetische Spiel" und "den schönen Klang" der 1985 in Moskau geborenen Pianistin.

Sie selbst ist sich bewusst, dass Wettbewerbe auch Subjektivität seitens der Jury miteinschließen, - insofern immer auch ein wenig ungerecht sind. Grundsätzlich allerdings, wenn es um die Frage nach der richtigen Interpretation eines Werkes geht, sei es produktiv, "dass es in diesem Bereich keine Objektivität gibt. Ich versuche natürlich zu verstehen, was der Komponist gedacht hat. Sein Wille ist entscheidend."

Allein, es sei "mit den Noten so wie mit dem Lesen eines Buches. Es ist immer dasselbe Buch, aber die Bilder, die vor meinen inneren Augen entstehen, können sich sehr von den Bildern unterscheiden, die andere beim Lesen haben. Wie man spielt, hängt auch vom Ort ab. Kleine Veränderungen im eigenen Umfeld können die Werksicht verändern."

Avdeeva hat mit fünf begonnen, Klavier zu spielen: "Ob ich ganz am Anfang spielen musste oder es wollte, weiß ich nicht; so gut ist mein Gedächtnis nicht. Ich weiß nur, dass es mir Spaß gemacht hat, öffentlich aufzutreten. Ich war sechs, als ich das zum ersten Mal tat. Und es war faszinierend zu spüren, welchen Einfluss man gewissermaßen auf das Publikum hat."

Die Vorarbeit, das Üben, kann sich natürlich auch im Kopf abspielen. "Für mich ist es durchaus sehr hilfreich, ohne Klavier, einfach mit den Noten dazusitzen oder die Musik auch nur im Kopf durchzugehen. Es ergeben sich Problemlösungen, die am Klavier nicht entstehen. Es kann sein, dass ich auf der Straße herumgehe und plötzlich weiß: So muss ich es spielen. Wenn ich es im Kopf gelöst habe, funktioniert es meistens auch am Klavier."

Wichtig sei auch die Auseinandersetzung mit dem historischen Umfeld von Werken: "Ich versuche auch, mich von der Zeit, in der der Komponist gelebt hat, inspirieren zu lassen, von den Gedanken der Zeit. Für mich sind alle Kunstformen verbunden, all die Werke der Chopin-Zeit abseits der Musik lassen die Kompositionen in einem anderen Licht erscheinen. Ich kann also Literatur, Musik und Malerei nicht trennen. Es inspiriert, wie in einer Zeitmaschine, zu Epochen zurückzugehen. Ich mag diese Zeitreisen."

Eine solche war auch jener Trip nach Warschau zum Wettbewerb. Drei Wochen sei sie dort gewesen, wo an jeder Ecke etwas anregend an Chopin erinnert, und natürlich mit der Hoffnung auf einen vorderen Platz - "sonst würden ja Teilnahmen keinen Sinn machen". (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 29.4.2011)

1. Mai, Schlosscenter, Waidhofen an der Ybbs, Infos: 07442/511 255, 18. 00 Uhr

  • Yulianna Avdeeva erstmals in Österreich.
    foto: klangraum

    Yulianna Avdeeva erstmals in Österreich.

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