Nur jeder fünfte Doktorand schafft Abschluss

28. April 2011, 14:57
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Schlechte Betreuungsverhältnisse und schlechte finanzielle Absicherung

Wien - Der Umgang Österreichs mit seinen Doktoratsstudenten ist "zynisch", kritisiert Lucas Zinner vom Doktorandenzentrum der Uni Wien. "Ich kann nicht 100 zulassen und schauen, wer überlebt." Zinner fordert Interviews vor der Zulassung, derzeit muss jeder aufgenommen werden. Für die Doktoranden bedeute das schlechte Betreuungsverhältnisse bei gleichzeitigem Fehlen ausreichender Stipendien, die Folge sei ein Dropout von 80 Prozent. "Länder wie Holland, wo die Welt in Ordnung ist, haben eine Erfolgsrate von 80 Prozent", so Zinner. Er ist einer der Vortragenden bei einer Tagung der Studierendenanwaltschaft über die Situation von Doktoranden im Bologna-Studiensystem morgen, Freitag, in Wien.

Doktoratsstudium nur laut Papier

Laut Wissenschaftsministerium gibt es österreichweit fast 30.000 Doktoratsstudenten (Wintersemster 2010). Allein an der Uni Wien sind 10.000 Doktoranden zugelassen, wirklich aktiv studieren würden davon vielleicht 3.000, schätzt Zinner. Als Problem sieht er aber nicht jene unter den 7.000 Studenten, die bewusst nur laut Papier ihr Doktorat machen, weil sie etwa das Studentenleben länger genießen wollen. Tragisch seien jene, denen ein ernsthaftes Studium unmöglich gemacht werde - weil sie keinen Betreuer finden oder es sich finanziell nicht leisten können. "In anderen Ländern muss man sich zwar für die Stelle bewerben, aber dann bekommt man ein ordentliches Stipendium."

In puncto Betreuungsrelation habe man sich in der internationalen Diskussion auf relativ klare Empfehlungen geeinigt: Ein Wissenschafter kann nur maximal fünf bis sieben Dissertanten gleichzeitig gut betreuen. An der Uni Wien ist man davon laut Zinner allerdings weit entfernt: Würde dieser Richtwert eingehalten, dürfte es etwa an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät nämlich nicht 1.800, sondern nur 350 Doktoratsstudenten geben. Auf die gesamte Uni Wien umgelegt, könnten nur 2.500 bis 3.000 Doktoranden vernünftig betreut werden.

In Österreich ist ein einschlägiges Studium an einer vergleichbaren Universität die einzige Voraussetzung für die Zulassung zum Doktoratsstudium. Studenten aus dem Ausland oder auch von heimischen Fachhochschulen (FH) müssen teilweise Auflagen erfüllen und Lehrveranstaltungen im Ausmaß bis zu 60 ECTS - das entspricht dem Arbeitspensum eines akademischen Jahres - nachholen. Die Crux dabei laut Zinner: Da es keine Interviews gebe, würden sich diese Auflagen nicht unbedingt an dem Thema orientieren, zu dem der Student seine Dissertation verfassen will.

Bessere Auswahl

Weitere "Schwachstelle" des unbeschränkten Zugangs: Heimische Forscher müssen vier Jahre lang eng mit ihren Dissertanten zusammenarbeiten, können sich diese aber nicht aussuchen. Eigentlich, wünscht sich Zinner, sollte jeder Doktorand so ausgewählt werden, als würde er sich für einen Job bewerben. Im Gegenzug sollten dafür die Betreuer auch "sanft" professionalisiert werden. Diese sieht Zinner als "Mentor, Papa, Lebensberater, Karriereplaner - alles in einem". Derzeit sei es aber nicht üblich, dass Betreuer sich über ihre Probleme in dieser Rolle austauschen - auch weil ihnen zwischen dem Schreiben von Papers, Vorlesungen und Abrechnungen die Zeit dafür fehle. Zinner: "Wir brauchen mehr Kaffeeküchen."

Die verschiedenen Doktoratskollegs, die in den vergangenen Jahren in Österreich entstanden sind, sieht Zinner sehr positiv. Die Dissertanten würden dafür ausgewählt und erhielten auch eine bezahlte Stelle. Allerdings eine komplette Umstellung auf dieses System viele Millionen Euro kosten. (APA)

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    Laut Wissenschaftsministerium gibt es österreichweit fast 30.000 Doktoratsstudenten.

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