"Gibt keine Einmischung" im ORF

28. April 2011, 18:26
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Wien - Das Interesse der Politik am ORF hat für General Alexander Wrabetz auch positive Seiten: "Das zeigt: Wir sind relevant."

Seine Perspektive passt gut in diese Tage: Am 9. August will Wrabetz wieder zum ORF-General gewählt werden. Von einem Stiftungsrat, den Regierung, Parteien, Bundesländer, Betriebsräte und Interessenvertreter besetzt haben.

Seit Wrabetz diesen Stiftungsrat im Herbst 2010 bat, Elmar Oberhauser abzuwählen, ist der General zugleich Informationsdirektor. Oberhauser protestierte gegen die Bestellung des neuen TV-Chefredakteurs, nach seiner Darstellung ein Wunsch der SPÖ.

Nach Wunsch der SPÖ-Spitze dürfte auch der März gelaufen sein: Laut Mediawatch kam der Kanzler 166 Sekunden in "ZiBs" zu Wort, weit mehr als der Noch-VP-Chef und der künftige zusammen. Mit dem populären Thema: Atomausstieg.

Parallel zur Unterschriftensammlung der Krone legte Faymann Mitte März in der "Zeit im Bild" gegen grenznahe Atomkraftwerke los und hörte eine Woche nicht mehr auf: 13 atomkämpferische O-Töne zum Thema in den ZiBs in acht Tagen, ein Interview in der ZiB 2 und drei indirekte Zitierungen.

Vorsicht, Politik

Der über Tage zwingend scheinende Kanzler fiel im Aktuellen Dienst des ORF schon auf. Wie die über zwei Tage gefeierte Koalitionseinigung über die neue Sicherheitsdoktrin - ohne Einigung zur Wehrpflicht. Vor- und Rücksicht wird nicht nur der SPÖ zuteil. Dass eine ZiB-Moderation Kritik Hermann Schützenhöfers an der Parteiführung Josef Prölls erwähnte, musste intern STANDARD-Infos gerechtfertigt werden.

Was tut Wrabetz eigentlich als Infodirektor?, fragte ihn der STANDARD. "Wie ein Chefredakteur bringe ich mich zu wichtigen Fragen ein, diskutiere mit den zuständigen Journalisten und habe in manchen Bereichen Letztentscheidungen zu treffen." Als Beispiel nennt er Sondersendungen zu Japan. Aber "mehr als 99 Prozent der Tagesentscheidungen" fielen in den Redaktionen. "Mein Weisungsrecht habe ich noch nicht in Anspruch genommen."

Nach STANDARD-Infos interessiert sich Wrabetz sehr für Themen und Gäste von Diskussionen. Ein angekündigter Club 2 zu Ortstafeln etwa wurde verworfen. Offizielle Erklärung: Das Thema passe besser "Im Zentrum". Inoffiziell: Keine Ortstafeldebatte ohne Staatssekretär Josef Ostermayer (SP), und im Club sind keine Politiker vorgesehen. Die politische Debatte "Im Zentrum" bescherte dem TV-Publikum aber dann auch den legendären Live-Pokerversuch von Valentin Inzko über die Zahl der Ortstafeln.

Als die VP-Führungsdebatte hochkochte, verwarf der ORF dieses Thema für "Im Zentrum" und diskutierte über Staatsschulden. Interne Begründung: Kein hochrangiger VP-Politiker komme.

Nicht immer war so unbestritten, dass der ORF "objektiv und unabhängig" berichte wie heute, sagte Wrabetz bei einem Vortrag in Wien. Und dass es - von der Politik - "keine Einmischung gibt". (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 29.4.2011)

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    Kurz nach diesem Bild aus 2008 war Faymann (li.) Kanzler und wollte ORF-Chef Wrabetz loswerden. Inzwischen versichert die SP-Spitze, Wrabetz ist ihr Kandidat.

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