Aus der Fremde

16. Mai 2003, 20:48
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Fehlschlag: Xaver Bayers zweiter Roman "Die Alaskastrasse"

Der Konjunktiv im Titel von Xaver Bayers Erstling versprach nichts Gutes: "Heute könnte ein glücklicher Tag sein" hieß der vor zwei Jahren erschienene Roman, in dem lakonisch und ziemlich treffsicher von dämmrigen, sich im Kreis drehenden Tagesabläufen eines Studenten berichtet wurde. Das Glück hauste damals anderswo. Im zweiten Buch des 1977 in Wien geborenen Jungautors hat sich daran auf den ersten Blick nicht viel geändert: "Als ob Glück prinzipiell nur in der Erinnerung gestattet wäre," heißt es bereits auf den ersten Seiten des neuen und leider ziemlich missglückten Bandes Die Alaskastrasse.

Die Gegenwart hat auch diesmal schon länger ausgespielt: Nach und nach kappt der Ich-Erzähler, der bezeichnenderweise in einer Partnervermittlungsagentur beschäftigt ist, alle Verbindungen zu seiner Umwelt: Job weg, Sicherheiten weg, Freundin weg. In der Fremde auf sich selbst gestellt - Bayer wählt die Form eines Road-Movies - verliert er schließlich auch in sich selbst jeden Halt. Und zieht sich in eine abgelegene Hütte zurück.

Aus der Perspektive eines ziemlich geschwätzigen Innenlebens hat Bayer das Protokoll einer Entfremdung erstellt. Im Andenken großer Vorbilder zerbröselt da die Wirklichkeit, zerfallen die Worte wie modrige Pilze, gerät die Erinnerung durcheinander. Für das Vakuum, in das der Autor seinen Erzähler stößt, findet Bayer allerdings keine geeignete Form: Ich hasste mich dafür, sagt der Erzähler einmal, "dass mich immer alles an irgendetwas anderes erinnerte."

Das ist auch eines von Bayers Problemen: Die grassierenden und oftmals schiefen Wie-und Als-ob-Vergleiche verwässern einen Roman, über dessen Thema sich der Autor selbst offenbar nicht im Klaren war. Wie sonst könnte der Klappentext derart vollmundig von der "perfiden Allianz von Sexualität und Tod" fantasieren, die in diesem Buch "noch einmal und noch einmal gültig" seziert würde? (Stephan Hilpold/DER STANDARD, Printausgabe, 17.05.2003)

Xaver Bayer, Die Alaskastrasse. €18,-/ 152 Seiten. Jung und Jung 2003.
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